Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Hat Twitter bald ausgezwitschert?

Der befreite Vogel befindet sich im freien Fall.

Von Robert Jakob

Twitter lebt seit Jahren davon, dass SchreiberIn sich kurzfassen muss. Das verführt zu polarisierenden Sätzen und damit zu grossem Tamtam. Politiker mögen das; ich nicht.

Der schlechte Ruf des Kurzquasselmediums, angetrieben durch Fakenews-Verbreiter wie Donald Trump und allerlei Trolle, wurde durch Elon Musks erratische Twitter-Übernahme noch verstärkt. Musk droht neuerdings denjenigen Werbekunden, welche keine Anzeigen mehr schalten, mit öffentlicher Blossstellung. Das klingt arg nach Erpressung. Man fragt sich, was da quer läuft. Seit Musks Versuch, aus dem geplanten Twitter-Kauf vorzeitig auszusteigen, wurde klar, dass sich der publicity-süchtige Multimilliardär übernommen hat. 44 Milliarden für ein defizitäres Unternehmen, dessen beste Zeit schon vorbei ist, war wohl doch ein arg überzogener Preis. Dass jetzt ausgerechnet die Qualitätskontrolleure Opfer der Massenentlassung werden, lässt befürchten, dass Twitter noch eine Spur aggressiver werden wird, um in die Gewinnzone zu kommen.

Twitter tweetet eigenen Verlust
Um die Personalmassnahmen zu rechtfertigen, verkündete Twitter gleich selbst, dass das Unternehmen Geld verbrennt. Laut Musk sind es im Moment vier Millionen Dollar pro Tag. In der Aufmerksamkeitsindustrie liegt das Geld offensichtlich nicht mehr auf der Strasse. Es ist schwer vorzustellen, wie Musk trotz geköpften Personalausgaben Twitter zur Geldmaschine machen will. Massenweise haben Grossfirmen wie VW, GM, Mondelez und Pfizer ihr Werbeengagement bei dem «Nachrichtendienst» auf Halt gestellt. In einer sich abzeichnenden Wirtschaftskrise wird von den Firmen als erstes am Marketing gespart, indem man von breit gestreuter Werbung auf fokussiertes Ansprechen umschaltet.

Auch Meta, der Mutterkonzern von Facebook, hat das Problem, dass das Kerngeschäft mit Werbung in seinen Online-Diensten absackt. Rund jede achte Stelle soll darum gestrichen werden. Das ist weniger als bei Twitter, wo jede zweite Stelle der Axt zum Opfer fallen soll. Gut für den Ruf der Branche ist beides nicht.

Roboterchecks reichen nicht aus
Dabei treiben die sozialen Medien in ihrem Buhlen um Aufmerksamkeit die seltsamsten Blüten. Die Organisation CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie) hat verschwörungsideologische Entwicklungen beobachtet und analysiert. Wohl angestossen durch gesteigerte Troll- und Bots-Aktivitäten sei die Zustimmung zu Behauptungen des Putin-Regimes über den Krieg in der Ukraine deutlich gestiegen. So sind im Oktober 40 Prozent der Deutschen ganz oder teilweise der Meinung gewesen, Russland habe mit dem Krieg nur Provokationen der Nato erwidert. Noch im April hatten dieser Aussage gerade 29 Prozent der Befragten zugestimmt. Im Osten der Republik ist die Zustimmung zu prorussischen Sichtweisen rund doppelt so hoch wie im Westen, und das besonders bei Fans der AfD und der Linkspartei. Die Bekämpfung von Fakenews haben sich alle sozialen Medien fleissig auf die Agenda geschrieben, aber viel mehr als automatisierte Kontrollroutinen dürften die Nutzer in den nächsten Monaten, wo doch jetzt Sparhans Küchenmeister ist, nicht erwarten.

Sahra Wagenknecht und das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom
Rechte und linke Aussenposten leiden unter mangelnder Anerkennung. Umso lauter treten sie in den sozialen Medien auf. Ein klassisches Beispiel dafür ist Sahra Wagenknecht. Die ehemalige Gallionsfigur der Linken findet im Bundestag kaum mehr Gehör, weil über 90% der Abgeordneten ihren Agitprop-Auftritten einfach fernbleiben. Es erinnert einfach zu sehr an DDR- und Stalinismus-Zeiten, wenn Sahra, mit immer gleicher Frisur und Kostüm, den Wirtschaftskrieg gegen Russland geisselt und die Armen in Deutschland bemitleidet, die deswegen, und vor allem wegen der bösen westlichen Ölkonzerne, bibbern müssen. Im Plenarsaal verlieren sich bei so ‘was nur noch ein paar Dutzend Abgeordnete. Selbst in der eigenen Partei wünscht sich die Hälfte der Mitgliederinnen und Mitglieder, dass sie doch endlich austritt und ihrem Egotrip ausserhalb frönt. Dem Internet gefällt’s. Hauptsache es wird gepoltert. Dass Sahra Wagenknecht jede Wirtschaftskompetenz abgeht, ändert nichts an ihrer ungebrochenen Popularität bei Twitter und Co. Dort erklärt sie die Welt, wie es ihr gefällt, besonders das so wichtige Wirtschaftsressort. Das reicht bei ihr von erneuerbaren Energien bis zur Finanzwissenschaft. Von 1997 bis 2013 war Wagenknecht mit Ralph T. Niemeyer verheiratet, einem selbsternannten «Antikapitalisten», der in dutzenden Fällen 1996 vom Landgericht Köln als Kapitalanlagebetrüger verurteilt wurde und 2002 erneut rückfällig wurde. Unter dem Kapitel «schräger geht immer», empfiehlt sich der folgende Link des seriösen Senders ARD: https://www.ardmediathek.de/video/walulis-daily/ex-mann-lockt-wagenknecht-in-schwurbler-falle-oder-walulis-daily/funk/Y3JpZDovL2Z1bmsubmV0LzEyMDY4L3ZpZGVvLzE4MTQ3NDM.

Nun sollte jemand, der sich Finanz- und Wirtschaftskompetenz auf die Fahnen schreibt wie Wagenknecht, kaum 15 Jahre benötigen, um einen Schaumschläger im eigenen Haus zu enttarnen. In den sozialen Medien geht es aber zunehmend nicht um Logik und Wahrheit, sondern um die grossen subjektiven Gefühle und wie man sie aufpeitscht. Da macht Sahra Wagenknecht in ihrer eigenen Welt keine Ausnahme.

Allerdings darf man sich fragen, wie werthaltig Plattformen wie Twitter überhaupt noch sind. Dass sich der staatliche Investitionsfonds des Emirats Katar an der Twitterübernahme durch Elon Musk beteiligt hat, will nichts heissen. Es gibt dem Unternehmen lediglich etwas mehr finanzielle Spielraum. Ein Qualitätsmerkmal ist das nicht.

Eher gibt der Warnschuss durch den UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk an die Adresse des neuen Twitter-Chefs zu denken. Musk wird in einem offenen Brief aufgefordert, für die Respektierung der Menschenrechte in dem Onlinenetzwerk zu sorgen. Besonders die Massenentlassungen im Menschenrechtsteam seien kein ermutigender Start.

Ohne Qualitätskontrolle wird in Zukunft derjenige die News machen, der am meisten klappert und die meisten Trolle aufbieten kann.


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Das Titelbild ist eine modellierte Darstellung des Kampfes unseres Immunsystems gegen ein Virus. Immunglobuline (ypsilonförmig) und Zellsysteme attackieren den Feind.
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