Eigene und billigere Batteriezellen: VW baut neues Werksnetz auf

Herbert Diess

Herbert Diess, abtretender VW-Konzernchef. (Foto: VW)

Salzgitter – Mit einem eigenen Netz von Batteriezellfabriken will Volkswagen Elektrofahrzeuge günstiger machen und so auch die Kampfansagen des US-Rivalen Tesla kontern. Der grösste Autokonzern Europas kündigte am Montag den Aufbau einer internen Zellfertigung an mindestens sechs Standorten an.

Dabei arbeiten die Wolfsburger mit Firmen wie Northvolt aus Schweden zusammen. Die Partner begannen schon damit, eine erste Produktion in Salzgitter hochzuziehen. Diese wird erweitert und geht allein in die Zuständigkeit von VW über. Auch im nordschwedischen Skellefteå steht ein Standort fest. Bis 2030 folgen vier weitere. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil – beide im Aufsichtsrat des grössten deutschen Industrieunternehmens – fordern für die Bundesrepublik noch ein zweites Zellwerk.

VW platzierte am Montag bei Northvolt einen Auftrag zur Lieferung von Batterien im Volumen von über 14 Milliarden Dollar über die kommenden zehn Jahre und erhöht auch seinen Anteil am Unternehmen, wie Northvolt am Montag anlässlich einer erweiterten Partnerschaft zwischen den Unternehmen in Stockholm mitteilte. Damit steigt das Gesamtauftragsvolumen in den Northvolt-Büchern auf über 27 Milliarden Dollar.

Kampf gegen Lieferengpässe
Volkswagen hofft, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen sollen eigene Fabriken für Batterie-Bauteile die Versorgung absichern. Zuletzt hatte es, ähnlich wie bei Elektronik-Chips, grosse Lieferengpässe gegeben, und Europas Autoindustrie ist hier noch von Zulieferern aus Asien abhängig. Vor allem aber sollen durch die Grössenvorteile einer selbst kontrollierten Zellfertigung die Kosten sinken – und damit die Preise von Elektroautos für die Kunden.

Das dürfte auch als Angriff auf Tesla gewertet werden. Tesla-Chef Elon Musk hatte erklärt, seine neue Fabrik in Grünheide bei Berlin solle gleichzeitig die weltgrösste Batteriefabrik werden. Zudem wollen die Amerikaner künftig mehr Modelle in der Mittel- und Kompaktklasse anbieten, also dem klassischen «Volumensegment» von Volkswagen.

Batteriezellen mit Gesamt-Energiegehalt von 340 Gigawattstunden
Laut aktuellen Planungen könnten in den sechs VW-«Gigafabriken» bis 2030 Batteriezellen mit einem Gesamt-Energiegehalt von jährlich 240 Gigawattstunden (GWh) hergestellt werden. Das wären im Schnitt 40 GWh pro Standort, was für Salzgitter noch eine Aufstockung bedeutet.

Die VW-Vorzugsaktie legte zu Wochenbeginn um rund drei Prozent auf 196 Euro zu und lag damit deutlich an der Dax-Spitze. Zuletzt hat das Papier erneut an Schwung gewonnen, mittlerweile hat der Börsenwert des Konzerns rund 110 Milliarden Euro erreicht. Ende Oktober war die Aktie noch um die 125 Euro wert – seitdem hat sie über 50 Prozent an Wert gewonnen.

Bernstein-Analyst Arndt Ellinghorst sprach von grossen Ambitionen seitens Volkswagen. Ein Update zu den Batterieplänen sei auch dringend notwendig gewesen, weil die Batteriekapazität zuletzt mehr und mehr zu einer offenen Frage in der Konzernstrategie geworden sei. Bei dem beispiellosen Vorhaben, 2030 rund 6 bis 7 Millionen vollelektrische Autos zu verkaufen und dafür zwischen 360 und 420 Gigawattstunden an Kapazität zu benötigen, sei die Grössenordnung und das Management der Wertschöpfungskette von höchster Wichtigkeit.

«Radikale Reduktion der Batteriekosten»
«Bis 2030 wird ein einheitliches Zellformat 80 Prozent aller Anwendungsfälle in unserem Konzern abdecken», sagte Vorstandschef Herbert Diess. «Das wird dabei helfen, die Batteriekosten radikal zu reduzieren. Und das bedeutet natürlich erschwinglichere Fahrzeuge.» Nach Einschätzung von VW-Technikvorstand Thomas Schmall sind für die übrigen 20 Prozent weiter «spezifische Lösungen» nötig. Northvolt soll deshalb auch Hochleistungsbatterien für teurere Autos bauen.

Besonders mit der «Einheitszelle» zielt VW jedoch auf die Breite. Das System soll 2023 anlaufen und in Salzgitter ab 2025 im Massensegment gefertigt werden. Mit ihm werde die Vielfalt der Varianten abnehmen, was die Batteriekosten drückt – für Einsteiger-Modelle «schrittweise um bis zu 50 Prozent und im Volumensegment um bis zu 30 Prozent».

Ausbau des Ladenetzes in Europa
In Kooperation mit Energie- und Mineralölkonzernen wie BP /Aral in Deutschland oder Iberdrola in Spanien will Volkswagen zudem das Ladenetz für E-Autos in Europa vergrössern. Bis 2025 sollen gut 18 000 Schnellladepunkte betrieben werden. «Wir stellen sicher, dass Laden genauso einfach wird wie Tanken», meinte Diess dazu. Die gemeinsame Initiative solle bis zum Jahr 2025 ein Drittel des Bedarfs an öffentlichen Ladestationen auf dem Heimatkontinent abdecken.

Vorgesehen sind darüber hinaus weitere Energiedienstleistungen. So sollen E-Autos daheim als mobile Stromspeicher genutzt werden können. Die Fahrzeuge nehmen dann etwa überschüssigen Strom aus der eigenen Solaranlage auf und speisen ihn später wieder ins häusliche Netz ein.

Feststoff-Technik soll massive Vorteile bringen
Verbunden mit der Ausweitung der Zellproduktion könnte langfristig ein Technologiewechsel sein: VW will in einigen Jahren zunehmend auf Feststoff-Batterien setzen, bei denen die Ladung nicht mehr durch ein flüssiges Trägermaterial transportiert wird. Die Zellen können so bei bestimmter Bauart unter anderem leichter werden, was Reichweite spart. Zudem sind eine höhere Energiedichte und rascheres Aufladen denkbar. Der Konzern arbeitet bei der Feststoff-Technik bereits länger mit der kalifornischen Firma Quantumscape zusammen.

Im Herbst hatten die Wolfsburger ihre allgemeine Planung für die nächsten fünf Jahre vorgestellt. Ein Kernpunkt sind 35 Milliarden Euro nur für E-Mobilität – zusammen mit Ausgaben für Vernetzung und Digitalisierung ist eine Summe von 73 Milliarden Euro veranschlagt. Die mittelfristigen Finanzziele einer Sachinvestitionsquote von rund 6 Prozent des Umsatzes bis 2025 und eines jährlichen bereinigten Netto Cashflows von mehr als 10 Milliarden Euro bestätigte der Konzern. (awp/mc/pg)

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