Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Vollgas ade

Martin Neff

Martin Neff, ehemaliger Raiffeisen-Chefökonom. (Foto: zvg)

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Autofahrer erstmal seit langem wieder richtig Grund zum Jammern haben. Dieselgate hat die Gemüter nicht annähernd so erhitzt als das. Der Ölpreis ist davon galoppiert. Die CO2-Steuer(-erhöhungen) und damit die Klimaziele rücken wieder einmal in noch weitere Ferne. Der Benzinpreis drückt in vielen Ländern auf die Stimmung und wird zum Politikum, wie schon oft. Das gilt manchenorts auch für den Gaspreis, denn der ist förmlich explodiert.

In Berlin, Paris und Brüssel zerbrechen sich Politiker den Kopf darüber, wie man den armen geschröpften Menschen nun unter die Arme greifen könnte. Paris schickt den Ärmeren schon mal etwas Geld vorbei und friert den Gaspreis ein, Berlin zaudert wie immer, warnt aber schon mal präventiv vor einer Konjunkturkrise. Prag will auf die Umsatzsteuer für Benzin verzichten, vorerst mal für zwei Monate. Wer weiss, ob am Ende nicht sogar bald alle Staaten die Mineralölsteuer sistieren, nur um den Konsum bei Laune zu halten, besser gesagt den Gasfuss und die fossilen Heizungen. Politische Alternativen? Fehlanzeige!

Mit Vollgas über die Autobahn ist ein Grundrecht, nur ist es eben historisch teuer. Wieso eigentlich nicht mal den Fuss etwas vom Gas nehmen, sofern Sie noch – wie wohl die meisten – mit Benzin oder Diesel fahren, das senkt den Verbrauch? Das haben die Österreicher damals vorexerziert, neben Fahrverboten gab es auch Tempobeschränkungen. In vielen Ländern sind die Geschwindigkeitsbeschränkungen auch Resultat der damaligen Erdölkrise. Nur Deutschland fährt noch mit Bleifuss. Einiges mehr sparen liesse sich aber, wenn wir gar nicht mehr führen. So wie zur Erdölkrise, als man in der Schweiz an drei und Deutschland sogar an vier Sonntagen schlichtweg nicht fahren durfte – Sonntagsfahrverbot? Verbot? Heute undenkbar! Verzicht? Schwer!

Grundrechtsdebatte
Dass man ein Grundrecht – als solches wird der Individualverkehr inzwischen ganz klar betrachtet, er gehört gar zum Existenzminimum – dass man also Autofahren verbietet, ist kaum vorstellbar für die Nachkommen der geburtenstarken Jahrgänge. Für meine Söhne ist Knappheit ein Fremdwort, es sei denn es gibt mal irgendwo oder für kurz keinen Internetzugang. Inflation haben sie zwar mal gehört, sich mangels Notwendigkeit aber nie sonderlich damit beschäftigt. Gefühlt wurde ihr Warenkorb die letzten zwei Dekaden immer billiger. Heute besteht sozusagen ein Anspruch, alles sofort und günstig kaufen zu können. Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung sei Dank. Das T-Shirt für fünf Franken oder modische Sneakers zu exorbitantem Preis, exotische Früchte im Winter, alles ist im Laden verfügbar und wenn nicht dort dann im Netz.

Also Politiker: macht das Öl gefälligst wieder erschwinglich. Denn Konsum ist längst schon keine Sehnsucht mehr, nicht einmal mehr eine Sucht, sondern eine Selbstverständlichkeit, ein Grundrecht. Schuld am jetzigen Dilemma sind nach unserer Wahrnehmung nicht wir, die wir nach dem pandemiebedingten Stillstand plötzlich wieder sämtliche Regale leer kaufen wollen und mit dem Auto in die Ferne schweifen, weil die Fliegerei noch nicht ganz Coronakoscher ist. Nein, schuld sind die Chinesen, Japaner, die Asiaten ganz allgemein, Putin natürlich und die OPEC. Die einen schnappen uns neben Holz, Metallen, seltenen Erden, elektronischen Chips das Öl und Gas vor der Nase weg, die andern liefern einfach zu wenig, um uns zu erpressen.

Uns trifft keine Schuld, wir hängen lediglich am Tropf der «Verknapper». Knappheit lässt sich aber durchaus vielfältig definieren. Entweder zu wenig Angebot oder zu viel Nachfrage oder beides. Wir waren uns all die Jahre gewohnt, dass es Waren im Überfluss gab, Lieferengpässe waren ein Fremdwort, wenn man mal vom neusten Bugatti oder Harry Potter-Romanen absieht. Ansonsten regierten der Ausverkauf und die Rabattökonomie. Die kompetitive Weltwirtschaft hatte stets einen Anbieter als Substitut im Ärmel, wenn mal wo was knapp wurde – wohlgemerkt für Güter in den Industrieländern und nicht etwa Lebensmittel in Entwicklungsländern. Jetzt müssen wir uns halt mit den blauen Sneakers begnügen, weil die beigen nicht lieferbar sind oder mit weniger Nudelsorten, weil der Hartweizen wegen schlechter Ernte in Kanada knapper wird. Und jetzt?

Inflation: Totgesagte leben länger
Jetzt verstehen wir die Welt nicht mehr, insbesondere auch wir Ökonomen. Wir haben im Laufe des Jahres bereits zigmal die Inflationsprognosen erhöht, weil wir schlichtweg immer wieder daneben lagen. Und reden auch heute noch von einem vorübergehenden Phänomen, von Basiseffekten oder Sondereinflüssen, wie Lieferengpässe oder besagte Höhenflüge einiger weniger Güter oder der Rohstoffe. Doch wenn sich das festbeisst – auch die Nahrungsmittelpreise ziehen wieder an – und wenn die gestiegenen Vorleistungspreise eins zu eins überwälzt werden, wovon auszugehen ist, dann könnte aus der vorübergehenden Panne ein unverhoffter grösster anzunehmender Unfall werden. Die Rückkehr einer Preis-Lohn-Spirale und damit der Inflation. Die Automobilproduktion stockt bereits schmerzhaft und auch sonst stellt der Halbleiter- bzw. Chipmangel die Industrie vor grösste Probleme. Die Auftragsbücher sind zwar prall gefüllt, können aber nicht abgearbeitet werden.

Engpass Transport
Die grossen Logistikkonzerne können nämlich nicht mehr für Pünktlichkeit garantieren. Sie sind schon froh, wenn die Ware überhaupt noch den oder einen entfernteren Zielhafen erreicht. Oft mit Tagen, schnell auch mal ein paar Wochen Verspätung. Der Seeverkehr ist völlig unzuverlässig geworden, weil China immer wieder mal ganze Hafenterminals dicht macht, sich in Los Angeles und nicht nur dort ein Schiffstau ereignet und britische Häfen teils nicht mehr angelaufen werden, weil dort die Arbeiter und Lastwagenfahrer für die Entladung und den Weitertransport nach dem Brexit ausgewandert sind.

Und drum fehlen plötzlich Turnschuhe, Schachbretter, Bücher, Holzmöbel, elektronische Zahnbürsten und Waschmaschinen, Geschirrspüler, Fahrräder, Nudeln und vieles mehr. Da wäre der ja Händler purer Altruist, würde er die Preise nicht hochfahren. Und sind die mal oben, wer sagt dann – ausser wir Ökonomen mit dem höchst simplen Basiseffektargument, dass sie nicht noch weiter steigen? Wer mit der Inflation flirtet, findet vielleicht Gefallen an ihr, nach dreissig Jahren Discountern, Rabattschlachten und Preiskampf sowieso. Wir stehen schliesslich nicht mehr an der Schwelle zur Globalisierung und China ist längst nicht mehr nur die Werkbank der Welt, die uns bald wieder mit Waren überschüttet.

Dass die Notenbanken auf cool machen, muss nichts heissen. Die haben es in den letzten Jahrzehnten nie geschafft, ihre Inflationsziele zu erreichen. Wahrscheinlich reagieren sie auch nicht gross, um die Finanzmärkte nicht aufzuschrecken. Immerhin ist das Ganze leerreich für meine Junioren. Für ihr neustes iPhone mussten sie vier Läden abklappern und der Jüngste musste feststellen, dass Spielkonsolen «ganz schön teuer geworden sind». Das ist Inflation, weiss er jetzt.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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