Arno Inauen, CEO Garaventa, im Interview
Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr Inauen, Sie sind seit Mai 2018 CEO von Garaventa. Welche strategischen Entscheidungen waren Ihrer Ansicht nach die wichtigsten für die Positionierung von Garaventa als Kompetenzzentrum für Spezialbahnen innerhalb der Doppelmayr-Gruppe, und wie haben sich diese quantitativ auf das Unternehmenswachstum ausgewirkt?
Arno Inauen: Die Positionierung von Garaventa als Kompetenzzentrum für Spezialbahnen innerhalb der Doppelmayr-Gruppe geht bereits zurück auf 2002, als Doppelmayr und Garaventa fusionierten. Beim Zusammenschluss der beiden Unternehmungen haben wir von Beginn an die Verantwortungen und Kompetenzen klar geregelt und Doppelspurigkeiten vermieden. Die Fokussierung auf die technischen Stärken hat sich auf das Unternehmenswachstum sowohl für Garaventa als auch für die ganze Unternehmensgruppe sehr positiv ausgewirkt. Den kumulierten Umsatz der Gruppe konnten wir so seit der Fusion von rund 400 Mio. EUR auf über 1200 Mio. EUR steigern.
«Wir sehen ein grosses Wachstumspotenzial für Seilbahnen im urbanen Umfeld, sei es als attraktives Transportsystem im öffentlichen Verkehr oder für Touristenattraktionen.» Arno Inauen, CEO Garaventa
Der globale Seilbahnmarkt wird mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 10-12% bis 2032 prognostiziert. Welche Wachstumsziele haben Sie für die nächsten zwei Jahre definiert und in welchen Märkten sehen Sie das grösste Potenzial für Umsatzsteigerungen?
Der Tourismus weltweit wurde durch die Corona-Pandemie stark getroffen, so dass in dieser Zeit kaum mehr neue Seilbahnprojekte ausgelöst wurden. Da die Durchlaufzeit von Seilbahnprojekten durchschnittlich rund drei Jahre beträgt, führte dies in den letzten Jahren zu einem spürbaren Umsatzrückgang. Inzwischen hat sich die Tourismusbranche erholt und die Aussichten sind sehr positiv – auch für Garaventa. Wir sind mit dem Auftragsbestand für die kommenden Jahre sehr zufrieden.
Unser Fokus liegt weiterhin auf dem alpinen Tourismus, rund 60 Prozent unseres Umsatzes generieren wir am Berg in Wander- und Skigebieten. Dies wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Gleichzeitig sehen wir ein grosses Wachstumspotenzial für Seilbahnen im urbanen Umfeld, sei es als attraktives Transportsystem im öffentlichen Verkehr oder für Touristenattraktionen.
Die Technologie-Aufteilung zwischen Doppelmayr und Garaventa sieht vor, dass sich Garaventa auf Pendelbahnen, Standseilbahnen und Materialseilbahnen fokussiert, während Doppelmayr auf Umlaufsysteme setzt. Wie bewährt sich diese Aufteilung in der Praxis und wo werden Synergie-Effekte zwischen den Unternehmen genutzt?
Die technologische Aufteilung zwischen Doppelmayr und Garaventa hat sich in der Praxis sehr bewährt. Sie erlaubt es uns, unsere Ressourcen gezielt einzusetzen und gleichzeitig Synergien zu nutzen. Beide Unternehmenseinheiten arbeiten eng zusammen, insbesondere bei übergreifenden Projekten oder bei der Weiterentwicklung von Systemen und Technologien. So profitieren wir gegenseitig von Know-how, Innovationskraft und Produktionskapazitäten.
Künstliche Intelligenz transformiert auch die Seilbahnbranche. Das SMART Ropeway-Konzept und AURO (Automated Ropeway Operation) sind erste Schritte. Welche konkreten Abläufe bei Garaventa werden heute bereits durch KI unterstützt? Und wie quantifizieren Sie den Effekt auf die Betriebseffizienz?
Bei Garaventa nutzen wir die Möglichkeiten der KI-Technologie einerseits für die Optimierung von internen Prozessen in fast allen Bereichen. Andererseits haben wir uns bereits vor fünf Jahren Gedanken gemacht, wie wir diese Technologie zum Nutzen für unsere Kunden einsetzen können. Zusammen mit dem ETH-Startup MANTIS haben wir beispielsweise das AURO-System entwickelt, das den Ausstiegsbereich von Sesselbahnen mit Kameras und Sensoren überwacht und so den Betrieb ohne Personal ermöglicht.
Welche neuen Technologien und Innovationen werden Ihrer Einschätzung nach den Bahnbereich in den nächsten 5-10 Jahren am fundamentalsten beeinflussen? Wie positioniert sich Garaventa dabei, und welche F&E-Budgets investieren Sie jährlich in diese Zukunftstechnologien?
Die nächsten Jahre werden stark durch Automatisierung, Digitalisierung und neue Seilbahnsysteme geprägt sein. Mit der Einführung der TRI-Line im Hoch-Ybrig beispielsweise haben wir einen Meilenstein gesetzt: Sie vereint die Vorteile der 3S-Technologie mit denen moderner Gondelbahnen und kombiniert eine kompakte Bauweise mit hoher Leistungsfähigkeit. Das System sorgt auch für zusätzliche Sicherheit und hohe Windstabilität. Darüber hinaus ermöglicht es im urbanen Umfeld Förderleistungen von bis zu 8’000 Personen pro Stunde und Richtung, was eine völlig neue Dimension darstellt.
«Mit der Einführung der TRI-Line im Hoch-Ybrig haben wir einen Meilenstein gesetzt: Sie vereint die Vorteile der 3S-Technologie mit denen moderner Gondelbahnen und kombiniert eine kompakte Bauweise mit hoher Leistungsfähigkeit.»
Das AURO-System ermöglicht bereits bei Sesselliften den Betrieb ohne Personal in der Bergstation. Wie sehen Sie die Umsetzung des autonomen Betriebs mit Robotik und KI bei den verschiedenen Bahntypen – Pendelbahnen, Standseilbahnen, Materialseilbahnen? Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie auf die Betriebskosten pro Fahrgast oder transportierter Tonne?
Das AURO-System ist für den autonomen Personentransport konzipiert und behördlich bewilligt. Es ermöglicht den Betrieb von Seilbahnen ohne Bedienpersonal vor Ort. Die Steuerung erfolgt zentral über das Ropeway Operation Center (ROC), das den Betrieb per Video und Sensorik überwacht. Abweichungen werden automatisch erkannt – bei Bedarf wird die Geschwindigkeit reduziert oder die Anlage gestoppt. Nach Behebung der Ursache wird der Betrieb manuell wieder aufgenommen.
«Zusammen mit dem ETH-Startup MANTIS haben wir das AURO-System entwickelt, das den Ausstiegsbereich von Sesselbahnen mit Kameras und Sensoren überwacht und so den Betrieb ohne Personal ermöglicht.»
AURO ist bereits erfolgreich bei unterschiedlichen Bahntypen im Einsatz, darunter Gondelbahnen (z. B. Zermatt), Pendelbahnen (z. B. Schilthorn), Sesselliften sowie Standseilbahnen. Gerade Standseilbahnen arbeiten seit Jahrzehnten autonom und sind oft in den öffentlichen Verkehr integriert. Ein frühes Beispiel ist die Seilbahn Rigiblick in Zürich, die bereits 1979 als erste autonome Standseilbahn mit Zwischenstationen in Betrieb ging.
Der urbane Seilbahnmarkt zeigt besonders starkes Wachstum – Medellín transportiert täglich über 30’000 Passagiere. Wo sehen Sie die grössten Wachstumsmärkte für Garaventa, und welche Bahntypen ermöglichen dabei die grössten Entwicklungen? Wie schätzen Sie das Potenzial des urbanen Markts quantitativ ein im Vergleich zum traditionellen Tourismus-Segment?
Südamerika ist ein Vorreiter im urbanen Seilbahnverkehr. Dort hat sich die Seilbahn als urbanes Transportmittel inzwischen etabliert. Das grösste urbane Seilbahnnetz durften wir in La Paz, Bolivien, realisieren. Täglich nutzen dort heute rund 300’000 Personen die Seilbahn. In den ersten zehn Jahren wurden über 520 Millionen Passagiere transportiert. Aktuell realisieren wir urbane Seilbahnen in Mexiko, Kolumbien, Guatemala, Chile und Peru.
«Das grösste urbane Seilbahnnetz durften wir in La Paz, Bolivien, realisieren. Täglich nutzen dort heute rund 300’000 Personen die Seilbahn. In den ersten zehn Jahren wurden über 520 Millionen Passagiere transportiert.»
Auch in Europa ist das Interesse an urbanen Seilbahnlösungen gross. Die Umsetzung ist aufgrund strenger regulatorischer Rahmenbedingungen deutlich anspruchsvoller. Seilbahnen sind eine sinnvolle Ergänzung für wachsende urbane Zentren, die neue Lösungen für steigende Verkehrsbelastungen benötigen. Mit „Câble C1“ durfte unsere Unternehmensgruppe letztes Jahr in Paris ein Leuchtturmprojekt realisieren, das hoffentlich als Vorbild und Impulsgeber für weitere Städte in Europa dient.
Mit fast 70 Millionen Franken haben Sie kürzlich das grösste Auftragspaket der Firmengeschichte von der Jungfraubahn AG erhalten. Das TRI-Line-Projekt von Grindelwald nach First ist dabei ein Highlight. Welche aktuellen Projekte beschäftigen Sie als CEO am meisten, was sind bei solchen Projekten die grössten Herausforderungen?
Für mich als CEO ist jedes Projekt und jeder Kunde gleich wichtig, unabhängig davon, ob es sich um ein Grossprojekt wie jenes der Jungfraubahn AG oder um ein kleineres Umbauprojekt handelt. Das Ziel ist es, allen Kunden die bestmögliche Lösung zu bieten. Damit das gelingt, braucht es engagierte und kompetente Mitarbeitende in allen Bereichen, die sicherstellen, dass unsere Dienstleistungen täglich zuverlässig erbracht werden. Meine Aufgabe ist es, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen und unsere Teams so zu unterstützen, dass sie ihre Arbeit optimal ausführen können.
Eine Herausforderung, die bei Projekten zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind die immer komplexer werdenden regulatorischen Vorgaben sowie der wachsende administrative Aufwand. Diese betreffen nicht nur uns als Hersteller, sondern auch unsere Kunden im In- und Ausland.
Predictive Maintenance verspricht bis zu 50% weniger ungeplante Ausfälle. Wie weit ist Garaventa bei der Digitalisierung der Wartungsprozesse, und welche konkreten Kosteneinsparungen erreichen Sie bereits mit diesen Technologien pro Anlage und Jahr?
Seilbahnen zeichnen sich grundsätzlich durch eine sehr hohe Verfügbarkeit aus. Unser Ziel im Bereich Digitalisierung und Wartung ist es, diese Verfügbarkeit weiter zu sichern und gleichzeitig Betriebs- und Unterhaltskosten nachhaltig zu optimieren.
Innerhalb der Doppelmayr Gruppe haben wir eine digitale Plattform entwickelt, die Betriebs- und Wartungsdaten aus verschiedenen Anlagen zentral sammelt, strukturiert und übersichtlich visualisiert. Die Software unterstützt Seilbahnbetreiber dabei, Wartungsarbeiten besser zu planen, durchzuführen und zu dokumentieren. Sie schafft Transparenz über den Zustand der Anlagen und erleichtert die Organisation von Wartungsprozessen. Die Plattform wird kontinuierlich weiterentwickelt, immer basierend auf den Bedürfnissen unserer Kunden.
Nachhaltigkeit wird immer wichtiger – über 60% der neuen Seilbahnanlagen nutzen bereits Hybrid- oder Elektroantriebe. Wie quantifizieren Sie die Energieeinsparungen Ihrer neuesten Systeme im Vergleich zu älteren Anlagen, und welche Rolle spielt das bei Ihren Verkaufsargumenten?
Nachhaltigkeit verstehen wir als integralen Bestandteil unserer Unternehmensstrategie und berücksichtigen sie in allen Projektphasen, von der Materialwahl über die CO₂-Bilanz und Energieeffizienz bis hin zur Produktlebensdauer und Rückbaubarkeit. Alle unsere Seilbahnanlagen werden zu 100 Prozent elektrisch angetrieben.
«Durch ein intelligentes Speichersystem am Schilthorn konnte auf eine zusätzliche Starkstromleitung verzichtet werden. Die Energie wird über fünf Anlagen hinweg gespeichert, bedarfsgerecht verteilt und effizient ins System zurückgeführt – ein Meilenstein in Sachen Energieautarkie.»
Ergänzend legen wir grossen Wert auf langlebige, wartungsarme Komponenten, energieeffiziente Antriebssysteme und eine ressourcenschonende Bauweise.
Ein konkretes Beispiel ist das ESFOR-Energiemanagement am Schilthorn: Durch ein intelligentes Speichersystem konnte auf eine zusätzliche Starkstromleitung verzichtet werden. Die Energie wird über fünf Anlagen hinweg gespeichert, bedarfsgerecht verteilt und effizient ins System zurückgeführt – ein Meilenstein in Sachen Energieautarkie.
Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?
Ich wünsche mir, dass unsere Kunden mit unseren Seilbahnsystemen weiterhin erfolgreich wirtschaften und langfristig viel Erfolg haben
In Europa gibt es viele Ideen für urbane Seilbahnprojekte, aber die Realisierung ist oft schwierig. Mein Wunsch ist, dass das Beispiel «Câble C1» in Paris eine starke Wirkung entfaltet, andere Städte motiviert und dazu beiträgt, dass solche Projekte nicht nur geplant, sondern tatsächlich umgesetzt werden.

Dieses Interview wurde mit der freundlichen Unterstützung des Amts für Wirtschaft des Kantons Schwyz ermöglicht