Tausende Schweizer Reisende sind im Nahen Osten gestrandet
Bern – Über 4000 Schweizer Touristen sitzen im Nahen Osten fest. Eine Lösung für die Rückkehr ist derzeit nicht in Sicht. Auch die Schweizer Wirtschaft spürt den neuen Krieg.
Rund 4300 Personen seien auf der App «Travel Admin» als Reisende im Krisengebiet registriert, sagte Marianne Jenni, Direktorin der Konsularischen Direktion des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), am Montag in Bern vor den Medien. Sie gehe davon aus, dass es sich bei diesen Leuten um Reisende handle, die gerne ausreisen und heimkehren möchten. Die meisten Reisenden sind laut Jenni in Dubai und Doha blockiert.
Auch in den kriegsführenden Ländern Israel und Iran selbst befinden sich Schweizerinnen und Schweizer: Für den Iran seien 10 Touristen und 180 Auslandschweizer registriert, für Israel waren am Montagabend 160 Touristen und 25’300 Auslandschweizer. Seit Ausbruch der Kampfhandlungen sind laut EDA auf ihrer Helpline rund 1300 Anfragen beantwortet worden.
Situation für Mitbürger «sehr belastend»
«Wir verstehen sehr gut, dass die Situation für unsere gestrandeten Mitbürgerinnen und Mitbürger sehr belastend ist, vor allem auch, weil niemand weiss, wie lange diese Situation andauern wird», sagte Jenni. Eine konkrete Lösung für eine Rückhol-Aktion habe das EDA angesichts der gesperrten Lufträume bisher nicht gefunden.
Für die Rückflüge seien die Fluggesellschaften zuständig, betonte Jenni. Solange die Lufträume geschlossen seien, bleibe eine Rückkehr ungewiss. Das Aussendepartement sei aber mit der Fluggesellschaft Swiss in Kontakt.
Ausserdem steht das EDA laut Jenni mit Krisenzellen von Partnerstaaten in Kontakt. Sollten sich Mitfluggelegenheiten ergeben, würden diese genutzt.
Andere Länder holen gestrandete Reisende zurück
Anders als Staaten wie Grossbritannien könne die Schweiz ihre Landsleute nicht mit einem Bundesflugzeug evakuieren, so Jenni. «Wir arbeiten mit den Mitteln, die wir haben», sagte sie.
Andere Länder haben am Montag Rückholaktionen angekündigt: Italien flog mit einem Charterflug 127 Staatsbürger aus dem Nahen Osten aus. Der Flug startete von der omanischen Hauptstadt Maskat in Richtung Heimat, wie das Aussenministerium in Rom mitteilte. Auch Deutschland hat angekündigt, Maschinen von Fluglinien nach Riad und Maskat zu schicken, um Kinder, Kranke und Schwangere zurückzuholen. Ebenfalls haben Österreich und Tschechien Rückholaktionen angekündigt.
Der Verband Angestellte Schweiz appellierte derweil an die Arbeitgeber, kulant gegenüber Mitarbeitenden zu sein, die nicht zur Arbeit erscheinen können. Rechtlich sei eine Lohnfortzahlung nicht gesichert.
Botschaften bleiben offen
Die Schweizer Botschaften vor Ort seien nach wie vor operationell, teilte das EDA am Montagabend der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mit. Das Personal sei wohlauf und es gebe keine Schäden an der Infrastruktur der Schweizer Botschaften. «Die vier Schweizer Botschaftsangestellten, die gestern den Iran verlassen sollten, sind wohlauf und zurück in der Botschaft», so das EDA weiter. Alle Vertretungen im Ausland verfügten über Sicherheits- und Krisendispositive. Diese würden laufend überprüft und angepasst. Zu konkreten Massnahmen und Vorkehrungen äussert sich das EDA nicht.
Zudem hat das EDA am Montag die Reisehinweise für Libanon aktualisiert: Es rät generell von Reisen in das Land ab. Vorher wurde lediglich von touristischen und anderen nicht dringenden Reisen abgeraten. Von Reisen in den Iran rät das EDA bereits seit August 2024 ab, von Reisen nach Israel wird seit Samstag generell abgeraten.
Schweizer Wirtschaft spürt die Folgen
Die militärische Eskalation belastet zum Wochenstart auch die Finanzmärkte. Der Schweizer Leitindex SMI verlor am Montagmorgen an Wert, hielt sich aber dank des Schwergewichts Nestlé besser als andere europäische Indizes. Als «sichere Häfen» waren Gold und der Schweizer Franken gefragt. Besonders stark unter Druck gerieten Aktien von Luxusgüterherstellern und Finanzwerten.
Die Ölpreise sind gestiegen, da eine Blockade der Strasse von Hormus befürchtet wird. Der Iran hat den Schiffsverkehr durch die wichtige Meerenge bereits eingeschränkt. Das Ölkartell Opec+ beschloss zwar eine Produktionserhöhung, doch gemäss Ökonomen reicht dies nicht aus, um eine Blockade wettzumachen. Für die Schweiz bedeutet ein anhaltend hoher Ölpreis ein Inflationsrisiko.
Laut Jan-Egbert Sturm, Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle, stellt die Lage die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor eine Herausforderung. Einerseits dämpfe der erstarkte Franken die importierte Inflation, andererseits wirkten höhere Energiepreise inflationssteigernd, sagte er zur Nachrichtenagentur AWP. Dies belaste die exportorientierte Wirtschaft. Als kritischstes Szenario bezeichnete Sturm massive Verwerfungen im Energiesektor, die über eine Eintrübung der Weltwirtschaft auch die Schweiz treffen würden. (awp/mc/ps)