Markus Boss, CEO der Regiobank Solothurn, im Interview
von Sandra Willmeroth
Moneycab.com: Herr Boss, die Regiobank hat 2025 erneut ein sehr gutes Ergebnis erzielt: ein Jahresgewinn von 10.034 Mio. Franken, praktisch auf Rekordniveau, und ein Bilanzsummenwachstum auf 3.67 Mrd. Franken. Was waren die wichtigsten Treiber dieses stabilen Resultats in einem weiterhin anspruchsvollen Umfeld?
Markus Boss: Ein wesentlicher Treiber war unser stabiles Zinsengeschäft. Wir haben die Zinsmarge aktiv gesteuert und sind im Kreditgeschäft bewusst selektiv gewachsen, mit Fokus auf werthaltige Finanzierungen im regionalen Markt – kein Volumen um jeden Preis. Gleichzeitig zahlt sich unsere konsequente Kundennähe aus. Gerade in unsicheren Zeiten bleibt die Nachfrage nach persönlicher Beratung hoch. Das zeigt sich im Wachstum bei Kundengeldern und Depots, d.h. insbesondere im Anlagegeschäft. Auf der Kostenseite arbeiten wir diszipliniert und effizient, mit einer Cost-Income Ratio von rund 54 Prozent. Gleichzeitig investieren wir gezielt in Digitalisierung und Prozesse, um die Basis für zukünftiges Wachstum zu legen. Insgesamt sind wir fokussiert geblieben, haben Risiken bewusst gesteuert und unsere Stärken ausgespielt – regional verankert, nah an den Kunden und finanziell robust.
Besonders stark war das Anlagegeschäft: +16.1 Prozent im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft, +16.39 Prozent im Handelsgeschäft, und ein Depotwachstum von 553 Mio. Franken (+47.91 Prozent). Wie nachhaltig ist dieser Wachstumsschub – und wie viel davon ist Markt, wie viel Struktur?
Sowohl als auch: Neben breit abgestützten Zuflüssen trugen insbesondere der Ausbau der Depotbanktätigkeiten und die positive Marktlage zum starken Wachstum bei. Die gute Börsenentwicklung und die höhere Handelsaktivität haben 2025 klar unterstützt – das ist der zyklische Teil. Entscheidend ist jedoch der strukturelle Fortschritt. Das Depotwachstum von über 47 Prozent stammt nicht nur vom Markt, sondern vor allem von neuem Geld, neuen Kunden und zusätzlichen Mandaten. Dieses Wachstum ist damit skalierbar. Die Basis dafür sind zwei zentrale Hebel: Erstens die deutlich gestärkte Beratungsqualität mit klareren Prozessen, mehr Mandaten und höheren Abschlussquoten. Zweitens ein spürbarer Vertrauensgewinn. Gerade in einem volatilen Umfeld suchen Kunden Orientierung – und wir werden zunehmend als Finanzpartnerin für Vermögensfragen wahrgenommen, nicht mehr nur als klassische Hypothekarbank.
Der Nettozinserfolg ist um 3.95 Prozent zurückgegangen, während die Kosten um 5.11 Prozent gestiegen sind. Wie wollen Sie die Ertragsbasis weiter diversifizieren und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten?
Diversifikation ist für uns Pflicht. Wer sich zu stark auf das Zinsengeschäft verlässt, gerät unter Druck – deshalb haben wir früh gegengesteuert. Wir bauen das Anlagegeschäft konsequent aus, stärken Vorsorge- und Finanzplanung und erhöhen gezielt den Anteil kommissionsbasierter Erträge. Gleichzeitig erschliessen wir zusätzliche Ertragsquellen, etwa im Immobilienbereich entlang der Wertschöpfungskette, mit neuen Dienstleistungen wie Bewertungen und Verkäufen. Parallel bewirtschaften wir das Zinsengeschäft aktiv – wir steuern Margen, Laufzeiten und Risiken bewusst.
«Diversifikation ist für uns Pflicht. Wer sich zu stark auf das Zinsengeschäft verlässt, gerät unter Druck – deshalb haben wir früh gegengesteuert.»
Markus Boss, CEO der Regiobank Solothurn
Die Aktie der Regiobank hat 2025 eine bemerkenswerte Performance von +29.12 Prozent hingelegt. Wie erklären Sie diese aussergewöhnliche Entwicklung – und was bedeutet sie für Ihre Kapitalstrategie?
Die Kursentwicklung ist eine Folge unserer Strategie – nicht deren Ziel. Die +29 Prozent sind aus meiner Sicht das Resultat mehrerer Faktoren: operative Verlässlichkeit mit konstant guten Ergebnissen ohne Überraschungen, eine sehr solide Kapitalbasis mit einem Eigenmitteldeckungsgrad von rund 200 % sowie ein attraktives Renditeprofil mit stabiler Dividende. Das schafft Vertrauen, gerade bei langfristig orientierten Anlegern. An unserer Kapitalstrategie ändern wir nichts. Wir sichern eine starke Kapitalisierung als Fundament unseres Geschäfts, setzen auf Kontinuität bei der Dividende und finanzieren unser Wachstum aus eigener Kraft. Kurzfristige Kapitaloptimierung zur kosmetischen Verbesserung von Kennzahlen ist für uns kein Thema – das passt nicht zu unserem langfristigen Anspruch als Regionalbank.
Ein strategischer Schwerpunkt ist der Ausbau des Anlagegeschäfts und die kundenzentrierte Digitalisierung. Welche konkreten Schritte stehen 2026 im Vordergrund – und was versprechen Sie sich vom neuen E Banking, das im März 2026 live geht?
Wir skalieren das Anlagegeschäft systematisch. Das grösste Potenzial liegt bei unseren bestehenden Kundinnen und Kunden. Dieses erschliessen wir gezielter – mit integrierten Finanz- und Vorsorgelösungen in Kombination mit Anlagelösungen. Der Fokus liegt auf einfachen, verständlichen Angeboten. Anlegen soll so selbstverständlich werden wie das Sparkonto. Unser Anspruch ist nicht «mehr digital», sondern «einfacher für den Kunden». Wir reduzieren Komplexität, vermeiden Medienbrüche und beschleunigen Prozesse. Dabei setzen wir klar auf ein hybrides Modell: ein einfacher digitaler Zugang für den Alltag und persönliche Beratung für komplexe Themen. Neu ergänzen wir das Angebot auch mit Videoberatung.
Und was versprechen Sie sich vom neuen E-Banking, das im März 2026 live geht?
Das neue E-Banking ist für uns eine zentrale Plattform. Die bisherige Lösung hat uns lange zuverlässig begleitet, ist technologisch aber zunehmend an ihre Grenzen gestossen und liess sich nicht mehr konsequent an heutige Kundenbedürfnisse anpassen. Mit der neuen Plattform schaffen wir eine moderne Grundlage für die Weiterentwicklung unseres digitalen Angebots. Sie bietet eine deutlich bessere Nutzerführung und eröffnet neue Möglichkeiten für zusätzliche Funktionen. Parallel entwickeln wir auch unsere E-Vermögensverwaltung RegioInvest weiter, die künftig auch vollständig mobil nutzbar sein wird.
Die Regiobank ist stark regional verankert, aber zunehmend digitaler unterwegs. Wie balancieren Sie Nähe und Effizienz – und wo sehen Sie die Grenzen der Digitalisierung für eine Regionalbank?
Wer glaubt, Digitalisierung ersetze Nähe, verliert beides – Effizienz und Vertrauen. Effizienz entsteht durch Digitalisierung, Differenzierung durch Nähe. Wer eines davon vernachlässigt, wird austauschbar. Unsere Leitlinie ist klar: digital, wo es Sinn macht, persönlich, wo es Wirkung hat. Standardprozesse wie Zahlungsverkehr oder Kontoführung sollen digital schnell und ohne Reibung funktionieren. Gleichzeitig stärken wir die persönliche Beratung bei komplexeren Themen wie Hypotheken, Vorsorge und Anlagen gezielt. Das ist kein Widerspruch, sondern ein bewusst hybrides Modell. Denn Vertrauen lässt sich nicht digitalisieren, und mehr Tools reduzieren nicht automatisch die Komplexität. Gleichzeitig sind die Bedürfnisse unterschiedlich – wir müssen beides überzeugend leisten. Das ist anspruchsvoll und kostenintensiv. Gerade in der IT steigt die Komplexität stetig. Deshalb setzen wir mit der Esprit Netzwerk AG auf einen Verbund von Regionalbanken, bündeln Ressourcen und nutzen Skaleneffekte.
«Wer glaubt, Digitalisierung ersetze Nähe, verliert beides – Effizienz und Vertrauen. Effizienz entsteht durch Digitalisierung, Differenzierung durch Nähe.»
Die Kundenausleihungen sind 2025 um 74.92 Mio. Franken gewachsen, vor allem im Wohnbau. Wie beurteilen Sie die Risiken im Immobilienmarkt?
Der Schweizer Immobilienmarkt ist insgesamt robust, getragen von hoher Nachfrage und begrenztem Angebot. Die Preise steigen moderat, eine Überhitzung in unserem Marktgebiet sehen wir derzeit nicht. Risiken entstehen weniger aus dem Markt selbst als aus zu optimistischem Verhalten einzelner Marktteilnehmer. Steigen die Zinsen stärker oder schneller als erwartet, können Tragbarkeit und Preise unter Druck geraten. Auch die Konjunktur spielt eine Rolle: Eine Abschwächung würde Einkommen und Nachfrage dämpfen. Umso wichtiger ist es, dass der Wettbewerb nicht zu einer Aufweichung der Standards führt. Disziplin bei Finanzierung und Bewertung bleibt daher zentral. Für uns heisst das: konsequente Kreditprüfung, unverändert hohe Standards und ein klarer Fokus auf qualitativ gute Finanzierungen in unserem Marktgebiet.
Die Kundengelder sind um 111.22 Mio. Franken gestiegen. Wie verändert dieses Wachstum Ihre Refinanzierungsstrategie und Ihre Risikopolitik?
Kundengelder sind für uns ein zentraler Vertrauensindikator – entscheidend ist der disziplinierte Umgang damit, nicht kurzfristige Ertragsmaximierung. Als wichtigste Refinanzierungsquelle stärken sie unsere Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt. Gleichzeitig gilt: Mehr Liquidität schafft nur dann Mehrwert, wenn sie gezielt eingesetzt wird. Deshalb steuern wir Fristen, Preise und Kreditwachstum konsequent. Unsere Haltung bleibt konservativ und langfristig – mit hohen Liquiditätspuffern, unveränderten Kreditstandards und selektivem Wachstum statt Volumendruck. Die Gewinnung zusätzlicher Kundengelder bleibt anspruchsvoll und wettbewerbsintensiv – entsprechend hoch bleibt unser Fokus auf diesem Thema.
Die geopolitische Lage bleibt volatil, die Zinslandschaft unsicher, und die Regulierung nimmt weiter zu. Welche externen Faktoren bereiten Ihnen für 2026 am meisten Kopfzerbrechen?
Erstens die geopolitischen Spannungen: Sie wirken auf Inflation, Energiepreise und Investitionszurückhaltung – und treffen damit auch unsere KMU-Kunden. Zweitens die Zinsentwicklung: Nicht nur das Niveau, sondern vor allem schnelle Richtungswechsel belasten Margen, Kundenverhalten und den Immobilienmarkt. Drittens die zunehmende Regulierung: Sie treibt die Komplexität und die Kosten, insbesondere für kleinere Institute. Entscheidend sind die Wechselwirkungen. Wenn mehrere Faktoren gleichzeitig wirken, entsteht Druck auf mehreren Ebenen. Darauf können wir nicht mit Prognosen reagieren, sondern nur mit Robustheit und klarer Fokussierung. Das grösste Risiko ist also nicht ein einzelner Schock, sondern die Kumulation mehrerer Unsicherheiten.
Regionalbanken stehen im Wettbewerb mit Grossbanken, digitalen Plattformen und neuen Anlageanbietern. Wo positioniert sich die Regiobank – und was ist Ihr strategischer Vorteil gegenüber den „Grossen“?
Wer als Regionalbank Grossbanken oder Plattformen kopiert, hat verloren. Die Grossen gewinnen über Skalierung – wir über Relevanz im konkreten Kundenmoment. Wir positionieren uns bewusst anders: mit kurzen Entscheidungswegen, hoher Geschwindigkeit und klarem Fokus auf das, was für unsere Kunden zählt. Gerade im Kredit- und KMU-Geschäft ist das ein entscheidender Vorteil. Unser Kern ist Kundennähe. Wir kennen unsere Kunden – nicht nur ihre Daten. Das ermöglicht schnellere Entscheidungen, individuellere Lösungen und schafft Vertrauen. Unser Differenzierungsfaktor ist die Kombination aus persönlicher Beratung und einfacher Digitalisierung. Standardprozesse digital, komplexe Themen im Gespräch – genau diese Hybridfähigkeit macht den Unterschied.
«Regulierung ist Kostenfaktor und Qualitätsfilter zugleich. Wer sie nur als Last sieht, verschenkt Potenzial.»
Die Regulatorik – von ESG bis Digitalisierung – trifft auch kleinere Institute zunehmend hart. Wo sehen Sie für Regionalbanken die grössten Belastungen, und wo vielleicht sogar Chancen?
Regulierung ist Kostenfaktor und Qualitätsfilter zugleich. Wer sie nur als Last sieht, verschenkt Potenzial. Sie trifft Regionalbanken überproportional, weil Skaleneffekte fehlen. ESG, Datenschutz, Geldwäscherei und IT-Sicherheit sind einzeln sinnvoll, in der Summe aber auch aufwendig. Die steigende Taktung erhöht Komplexität und bindet Ressourcen. Gleichzeitig entstehen Chancen: Saubere Compliance, transparente ESG-Ansätze und hohe Sicherheitsstandards stärken das Vertrauen – ein zentraler Wettbewerbsvorteil für Regionalbanken. Zudem zwingt uns Regulierung zur Fokussierung. Wir setzen klare Prioritäten und konzentrieren uns auf das, was für unsere Kunden wirklich relevant ist. Das erhöht Klarheit und Effizienz.
«Mit Blick auf meinen geplanten Rücktritt 2028 ist mein Ziel klar: eine starke, zukunftsfähige Bank geordnet zu übergeben.»
Sie sind seit über zwei Jahrzehnten CEO und damit eine Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Bankenlandschaft. Was motiviert Sie heute noch – und woran wollen Sie sich persönlich im Jahr 2026 messen lassen?
Mich motiviert Wirkung statt Grösse. Wir treffen täglich Entscheidungen, die für unsere Kunden zentral sind – vom Eigenheim bis zur Nachfolge. Diese Nähe ist entscheidend. Gleichzeitig entwickeln wir unser Geschäftsmodell aktiv weiter: mehr Anlagegeschäft, konsequente Digitalisierung und klare Fokussierung. Das ist unternehmerisch anspruchsvoll und reizvoll. Und: Leistung entsteht im Team. Die Weiterentwicklung unserer Organisation – auch mit neuen Impulsen in der Geschäftsleitung – treibt mich an. Messen lasse ich mich an Substanz, nicht an einem einzelnen guten Jahr: an stabilen Ergebnissen, sichtbarem Fortschritt in Digitalisierung und Geschäftsentwicklung sowie messbar höherer Kundenzufriedenheit. Persönlich ist mir wichtig, dass wir als Bank klarer, fokussierter und schneller werden. Wenn wir mehr initiieren als umsetzen, habe ich meinen Job nicht gemacht. Mit Blick auf meinen geplanten Rücktritt 2028 ist mein Ziel klar: eine starke, zukunftsfähige Bank geordnet zu übergeben.