Selenskyj fordert Ende von Moskaus «nuklearem Terrorismus»

Selenskyj fordert Ende von Moskaus «nuklearem Terrorismus»
Präsident Wolodymyr Selenskyj. (Foto: president.gov.ua)

Kiew/Moskau/Gomel – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine Beendigung des russischen «nuklearen Terrorismus» gefordert. Mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine und Drohnenangriffen bringe Russland die Welt erneut an den Rand einer Katastrophe, teilte Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal mit. Voriges Jahr wurde die Sicherheitshülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor 4 des am 26. April 1986 havarierten Kraftwerks beschädigt.

Das Bauwerk solle den Strahlenaustritt und die Kontamination verhindern, seine Erhaltung liege im Interesse aller, sagte Selenskyj. Die Kosten für die Reparatur der Stahlkonstruktion werden mit einer halben Milliarde Euro veranschlagt. «Die Welt darf nicht zulassen, dass dieser nukleare Terrorismus weitergeht, und der beste Weg ist, Russland zu zwingen, seine wahnsinnigen Angriffe einzustellen», sagte Selenskyj.

Selenskyj besuchte zusammen mit dem Vorsitzen der Internationalen Atomenergiekommission IAEA, Rafael Grossi, die neue Dauerausstellung «Tschernobyl» im Nationalmuseum. Er habe Grossi verdeutlicht, dass die Ukraine die Formalisierung und Legitimierung der russischen Anwesenheit in der Nuklearanlage nicht akzeptieren könne. «Für einen sicheren Betrieb muss die Anlage unter die Verwaltung durch Ukraines Betreiber zurückkehren», schrieb Selenskyj anschliessend auf der Plattform X.

Selenskyj und Klitschko erinnern an Katastrophe
Selenskyj fordert seit langem auch ein Ende der russischen Besetzung des Atomkraftwerks Saporischschja, das Moskaus Atomkonzern Rosatom nach Beginn des Krieges unter seine Kontrolle brachte. Zeitweilig hatten die Russen auch das Sperrgebiet um das Atomkraftwerk Tschernobyl belagert.

Selenskyj erinnerte mit einem Video an die grösste Nuklearkatastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft vor 40 Jahren in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine. «Ehre sei allen Opfern der Katastrophe von Tschernobyl», sagte er.

Im knapp 100 Kilometer entfernten Kiew leben der Stadtverwaltung zufolge derzeit noch mehr als 62.000 Betroffene der Katastrophe, darunter über 30.000 sogenannte Liquidatoren, die damals die Folgen Katastrophe beseitigten. Bürgermeister Vitali Klitschko traf sich im Rathaus mit Liquidatoren und zeichnete sie aus.

Rosatom betont Sicherheit russischer Reaktoren
Die sowjetische Zentralregierung in Moskau stand damals in der Kritik, das wahre Ausmass der Katastrophe lange verheimlicht und Hunderttausende Menschen in Gefahr gebracht zu haben. In Moskau beteuerte Rosatom-Chef Alexej Lichatschow zum Jahrestag, dass die Kernkraftwerke russischer Bauart heute sicher seien. Bei der Eröffnung einer Ausstellung zum Jahrestag erinnerte er an die «heldenhafte Arbeit» der sogenannten Liquidatoren.

«An den Aufräumarbeiten waren mehr als 600.000 Menschen beteiligt – Nukleartechniker, Soldaten, Feuerwehrleute, Bergleute, Bauarbeiter und Ärzte», sagte er. Sie hätten damals auch den Betonsarkophag errichtet, der den Austritt von Radioaktivität begrenzte, sagte Lichatschow bei einer Veranstaltung. Einer Mitteilung von Rosatom zufolge wurden auch Auszeichnungen an Liquidatoren verliehen.

Belarus besonders stark betroffen – Gedenken im Exil
Am stärksten betroffen war das benachbarte Belarus (früher Weissrussland) von der Reaktorkatastrophe. Dort fielen bis zu 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Gut ein Fünftel des Gebiets von Belarus war laut Experten verseucht, besonders aber die Region Gomel im Süden des Landes. Grosse Flächen waren mit Cäsium-137 und Strontium-90 kontaminiert.

In Belarus erinnerten Kirchenvertreter, Politiker, Militärs und Bürger an die Katastrophe. Auch Diplomaten, darunter Vertreter der Botschaften der Ukraine und Russlands, legten Blumen und Kränze nieder, wie das Aussenministerium in Minsk mitteilte.

Aktivisten aus Belarus, von denen viele unter Machthaber Alexander Lukaschenko ins Ausland geflüchtet sind, erinnerten mit Veranstaltungen unter anderem im Baltikum und online an den Jahrestag. Die belarussische Aktivistin und Mitbegründerin der Umweltorganisation Ecodom, Irina Suchi, beklagte, dass die Regierung in Minsk zum Jahrestag weiter so tue, als sei heute alles in Ordnung. «Aber es gibt keine ausreichenden Kontrollen», sagte sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur im Exil. Es müssten etwa die mögliche Belastung der Böden oder auch der Agrarprodukte gemessen werden.

Unter der autoritären Führung des Landes seien etwa 100 Umweltschutzorganisationen geschlossen oder ins Exil gedrängt worden, sagte Suchi. Trotzdem werde versucht, die Menschen über die womöglich noch lauernden Gefahren in Agrarböden aufzuklären und auf Risiken hinzuweisen. «In den ganzen 40 Jahren haben sie der Bevölkerung nicht beigebracht, wie sie sich verhalten soll, wenn sie auf verseuchtem Gebiet lebt», sagte die Aktivistin mit Blick auf die Regierung in Minsk.

Am 26. April 1986 geriet in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine ein Test im AKW Tschernobyl ausser Kontrolle. Im Reaktor vier trat der Super-Gau ein, der grösste anzunehmende Unfall. Radioaktive Wolken breiteten sich bis nach Nord- und Westeuropa aus. Monatelang sonderte die offene Atomruine Strahlung ab. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus. Mehr als 100.000 Menschen wurden aus den radioaktiv belasteten Gebieten der 30-Kilometer-Sperrzone um das inzwischen stillgelegte Kraftwerk zwangsumgesiedelt. (awp/mc/pg)

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