Rubel, Real, Rupie: So umgeht Russland den Dollar – und was das für den Euro bedeutet
Norderstedt – Russland aus dem SWIFT-System auszusperren – das galt im Februar 2022 als schärfste Finanzwaffe, die der Westen aufbieten konnte. Vier Jahre später offenbart die Bilanz ein erstaunliches Bild: Russland handelt, zahlt und investiert.
Nur nicht mehr in Dollar oder Euro. Stattdessen schuf Moskau im Rekordtempo ein alternatives Währungsnetzwerk, das den globalen Finanzordnungen viel mehr abverlangt als diese dachten.
Vom Dollar zum Rubel: Umstellung in Rekordzeit
Die Zahlen, die die russische Zentralbank für August 2025 veröffentlichte, wären noch vor zwei Jahren für Utopie gehalten worden. Mehr als 55 Prozent des russischen Aussenhandels wurden zu diesem Zeitpunkt schon in Rubel abgewickelt, ein Rekord. Beim Export lag dieser Anteil sogar bei 56,3 Prozent. Zum Vergleich: 2021 waren es noch 84,6 Prozent, die Russland in Dollar und anderen westlichen Währungen fakturierte. Wer den durchschnittlichen aktuellen Marktkurs RUB zu EUR verfolgt, erkennt, wie sehr diese Entwicklung die Kursstruktur verändert hat. Der Rubel ist nicht mehr isolierte Währung, die nur auf Sanktionsnachrichten reagiert, sondern aktiv steuerbares Instrument einer neuen Aussenhandelsstrategie.
Die Abkehr vom Dollar geschah in zwei Schritten. Erst tilgte Russland von 2014 bis 2021 systematisch US-Staatsanleihen aus seinen Währungsreserven und baute Gold- und Devisenreserven aus anderen Vermögenswerten auf. Mit dem Ukraine-Krieg beschleunigte sich dieser Prozess rasant. Der westliche Währungsanteil am russischen Aussenhandel kollabierte innerhalb von drei Jahren von über 80 auf rund 15 Prozent.
China, Indien, VAE: Drei Achsen der neuen Währungsordnung
Das entstehende Gegenmodell basiert auf drei wichtigen Partnern, die jeweils eigene Aufgaben erfüllen.
Der wichtigste Akteur ist China. Noch 2014 wurden rund 10 Prozent des russischen Aussenhandels mit der Volksrepublik abgewickelt. Für 2024 geben die Schätzungen 40 Prozent der Einfuhren und 30 Prozent der Ausfuhren an. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2024 einen Rekordwert von 245 Milliarden US-Dollar (90 Prozent in Rubel und Yuan). Damit ist der Yuan zur zentralen Ersatzwährung avanciert, was für Peking nur Vorteile bringt: mehr Gewicht im globalen Finanzsystem und gleichzeitig eine strategische Abhängigkeit Moskaus.
Indien schaut auch hier in eine andere Richtung. Das Land hat sich als Grossabnehmer russischen Erdöls etabliert und wickelt diese Geschäfte vor allem in Rupien und Rubeln ab. Dem russischen Wunsch, auch diese Geschäfte in Yuan abzuwickeln, wurde in Delhi eine klare Absage erteilt, da man aus geopolitischen Gründen die wachsende Abhängigkeit vom chinesischen Renminbi vermeiden wolle. Diese Haltung belegt: Das alternative Währungssystem ist kein monolithisches Gebilde, sondern ein Netzwerk von bilateralen Kompromissen mit eigenen Reibungspunkten.
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich als dritte Achse zunehmend wichtig gemacht. Der Dirham ist seit Jahrzehnten an den Dollar gekoppelt und kann als stabile Transaktionswährung gelten, die Russland für bestimmte Handelsrouten nutzt, auch wenn die VAE den Druck westlicher Sanktionsbehörden deutlich zu spüren bekommen und russische Geschäftspartner zunehmend kritisch unter die Lupe nehmen.
Im BRICS-Rahmen läuft das Projekt einer technischen Infrastruktur namens BRICS Bridge, einer blockchain-basierten Zahlungsplattform, die Transaktionen ausserhalb des SWIFT-Systems ermöglichen soll. Ob dieses System sich wirklich zur ernsthaften Alternative entwickeln kann, bleibt abzuwarten. Die strukturellen Differenzen zwischen Brasilien, Indien, China und Russland sind erheblich, und eine gemeinsame BRICS-Währung scheitert derzeit an divergierenden Interessen. (we/mc/hfu)