Michèle Rodoni, CEO Die Mobiliar, im Interview

Michèle Rodoni, CEO Die Mobiliar, im Interview
Michèle Rodoni, CEO Die Mobiliar. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Die Mobiliar blickt in ihrem 200. Jubiläumsjahr auf ein starkes erstes Halbjahr zurück: Der Gewinn hat sich mehr als verdoppelt, die Prämieneinnahmen sind weiter gestiegen und das Eigenkapital liegt auf Rekordniveau. Doch gleichzeitig verändern Naturgefahren, künstliche Intelligenz und neue gesellschaftliche Erwartungen das Versicherungsgeschäft grundlegend. Im Moneycab-Interview spricht CEO Michèle Rodoni über Wachstum und finanzielle Stärke, die Zukunft des genossenschaftlichen Modells, bezahlbaren Wohnraum und Resilienz – und darüber, weshalb die Versicherung der Zukunft auf das Zusammenspiel von persönlicher Nähe und Technologie angewiesen ist.

Moneycab.com: Frau Rodoni, die Mobiliar hat den Halbjahresgewinn auf 446,7 Mio. Franken mehr als verdoppelt, wobei das Vorjahr insbesondere durch den Felssturz in Blatten belastet war. Die Prämieneinnahmen sind um 3,6 Prozent gestiegen. Wie zufrieden sind Sie mit dem ersten Halbjahr – und was läuft derzeit besonders gut?

Michèle Rodoni: Wir sind mit dem ersten Halbjahr sehr zufrieden. Entscheidend ist für mich nicht nur der Gewinnanstieg, sondern die Qualität dieses Ergebnisses. Wir sind erneut stärker als der Markt gewachsen, haben unsere Profitabilität verbessert und unsere finanzielle Stärke weiter ausgebaut. Dazu beigetragen haben sowohl ein deutlich verbessertes technisches Ergebnis im Versicherungsgeschäft als auch ein starkes Anlageergebnis. Gleichzeitig zeigt das Wachstum, dass immer mehr Kundinnen und Kunden unserem genossenschaftlichen Modell vertrauen.

Im Nicht-Lebengeschäft sind die Prämien um 4,9 Prozent gestiegen. Wo gewinnen Sie derzeit besonders stark Marktanteile – und wie viel weiteres Wachstumspotenzial sehen Sie noch?

Die grössten Wachstumstreiber waren die Fahrzeug- und Haushaltsversicherungen. Potenzial sehen wir in allen Geschäftsfeldern. Die Grundlage dafür sind zufriedene Kundinnen und Kunden, persönliche Betreuung und ein überzeugendes Kundenerlebnis. So schaffen wir eine nachhaltige Balance zwischen Wachstum und Profitabilität.

Das erste Halbjahr profitierte von deutlich geringeren Elementarschäden als im Vorjahr. Die Hagelereignisse dieses Sommers werden sich allerdings erst im zweiten Halbjahr niederschlagen. Müssen Sie sich darauf einstellen, dass aussergewöhnliche Naturereignisse immer stärker zum Normalfall für Versicherer werden?

Genau in solchen Momenten sind wir da, das ist unser Business! Die jüngsten Hagelereignisse zeigen sehr konkret, dass Wetterextreme keine theoretische Zukunftsfrage sind. Versicherer müssen sich darauf einstellen, dass solche Ereignisse häufiger und intensiver auftreten können. Unsere Aufgabe besteht darin, Risiken tragbar zu halten, Schäden rasch zu regulieren und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von Bevölkerung und Wirtschaft zu stärken. Genau deshalb investieren wir seit Jahren auch in Prävention, Forschung und Resilienz.

«Unsere Aufgabe besteht darin, Risiken tragbar zu halten, Schäden rasch zu regulieren und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von Bevölkerung und Wirtschaft zu stärken.»
Michèle Rodoni, CEO Die Mobiliar

Die Mobiliar verfügt inzwischen über knapp 9 Mrd. Franken Eigenkapital. Gleichzeitig fliessen im Jubiläumsjahr 319 Mio. Franken an die Versicherten zurück. Wie viel Kapital braucht eine Genossenschaft wie die Mobiliar eigentlich – und ab wann stellt sich die Frage, noch mehr davon an die Kundinnen und Kunden zurückzugeben?

Eigenkapital ist für eine Versicherung die Grundlage dafür, auch ausserordentliche Schadenereignisse bewältigen zu können. Mit unserem starken Eigenkapital stellen wir sicher, dass wir auch ausserordentliche Schadenereignisse bewältigen können. Gerade die Erfahrungen der letzten Jahre mit Naturereignissen zeigen, wie wichtig finanzielle Stabilität ist. Das gilt insbesondere für uns als Genossenschaft. Gleichzeitig beteiligen wir unsere Kundinnen und Kunden am Erfolg. Im Jubiläumsjahr sogar noch grosszügiger als sonst.

2026 feiert die Mobiliar ihr 200-jähriges Bestehen. Wenn Sie über Festivitäten und Jubiläumsaktionen hinausblicken: Was muss sich ein Unternehmen nach 200 Jahren eigentlich neu beweisen, damit es auch in 20 oder 30 Jahren noch erfolgreich ist?

Nach 200 Jahren müssen wir nicht beweisen, dass wir Geschichte haben. Wir müssen beweisen, dass wir Zukunft können. Und das tun wir jeden Tag. Mit unseren 80 Generalagenturen sind wir nahe bei den Menschen, verstehen ihre Bedürfnisse und sind für sie da, wenn es zu einem Schaden kommt. Schnell und unkompliziert. Gleichzeitig setzen wir stark auf Digitalisierung, um unsere Kundinnen und Kunden auch in der digitalen Welt bestmöglich unterstützen zu können. Beides gehört heute zusammen, um auch in Zukunft relevant zu sein.

«Besser zusammen» lautet das Motto des Jubiläums. Gleichzeitig verändern die angesprochene Digitalisierung, individualisierte Tarife und datenbasierte Risikomodelle das Versicherungsgeschäft immer stärker. Wird es schwieriger, den genossenschaftlichen Gedanken von Solidarität mit einer zunehmend individuellen Risikobeurteilung zu verbinden?

Die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft bereitet mir Sorge. Wir können aber als Menschen und als Organisationen Alternativen aufzeigen. Ich bin überzeugt, dass es zusammen besser geht – und das verkörpern wir als Genossenschaft. Und auch in unserer Branche ist klar: Wer Risiken besser versteht, kann die Solidargemeinschaft langfristig stabil halten. Faire Risikobeurteilung und Solidarität sind keine Gegensätze.

«Die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft bereitet mir Sorge. Wir können aber als Menschen und als Organisationen Alternativen aufzeigen. Ich bin überzeugt, dass es zusammen besser geht – und das verkörpern wir als Genossenschaft.»

Ein konkreter Ausdruck dieses genossenschaftlichen Selbstverständnisses ist Ihr neues Engagement im gemeinnützigen Wohnungsbau: Bis zu 200 Mio. Franken Eigenkapital sollen in bis zu 1000 Wohnungen zur Kostenmiete investiert werden. Warum wird ein Versicherer zum gemeinnützigen Wohnungsanbieter – und wo ziehen Sie die Grenze zwischen gesellschaftlichem Engagement und Geschäftstätigkeit?

Bezahlbarer Wohnraum wird für viele Menschen in der Schweiz zunehmend zur Herausforderung. Als Genossenschaft fragen wir uns deshalb nicht nur, wie wir wirtschaftlich erfolgreich sein können, sondern auch, welchen konkreten Beitrag wir für die Gesellschaft leisten können. Mit Dedicasa engagieren wir uns dort, wo wir aufgrund unserer langjährigen Immobilienkompetenz tatsächlich etwas bewirken können. Dedicasa wurde bewusst als eigenständige Gesellschaft mit gemeinnützigem Zweck gegründet. Als Genossenschaft ist das unser Engagement für die Gesellschaft und kein neues Geschäftsfeld. Unser Kerngeschäft bleibt Versicherung und Vorsorge.

1000 Wohnungen sind angesichts der angespannten Lage auf dem Schweizer Wohnungsmarkt einerseits beachtlich, andererseits nur ein kleiner Beitrag zum Gesamtproblem. Soll das Engagement langfristig über diese Grössenordnung hinauswachsen, wenn sich das Modell bewährt?

Zunächst wollen wir zeigen, dass wir unser Versprechen einlösen können. Die Realisierung von bis zu 1000 Wohnungen ist ein ambitioniertes Vorhaben. Die grösste Herausforderung besteht heute nicht im Kapital, sondern darin, geeignete Projekte und Flächen zu finden. Deshalb konzentrieren wir uns aktuell darauf, die geplanten Wohnungen erfolgreich und langfristig zur Kostenmiete zu realisieren.

Mit dem Mobiliar Zentrum für Resilienz an der Universität Freiburg engagieren Sie sich gleichzeitig für die «Zukunftsfähigkeit» der Schweiz. Was kann ein Versicherungsunternehmen hier konkret beitragen, das über die Finanzierung von Forschungsprojekten hinausgeht – und was erhofft sich die Mobiliar selbst von dieser Zusammenarbeit?

Der Hitzesommer 2026 hat deutlich gemacht, dass Resilienz keine abstrakte Grösse ist, sondern unseren Alltag direkt betrifft. Gemeinsam mit Hochschulen wollen wir besser verstehen, wie die Resilienz von Menschen, Organisationen und Institutionen gestärkt werden kann. Als Versicherer bringen wir unsere Erfahrung im Umgang mit Risiken ein und fördern Forschung mit praktischem Nutzen. Mit dem Mobiliar Zentrum für Resilienz in Freiburg und der Professur für Klimafolgen und öffentliche Gesundheit in Bern unterstützen wir die Entwicklung von Lösungen, die Menschen, Organisationen und Institutionen widerstandsfähiger machen. Für uns ist das eine Investition in die Zukunftsfähigkeit der Schweiz.

«Der Hitzesommer 2026 hat deutlich gemacht, dass Resilienz keine abstrakte Grösse ist, sondern unseren Alltag direkt betrifft.»

Die Mobiliar hat eine eigene Daten- und KI-Strategie verabschiedet und testet etwa KI-Bilderkennung bei Motorfahrzeugschäden. Wo erwarten Sie in den kommenden Jahren den grössten Produktivitätsschub durch KI?

Den grössten Nutzen erwarten wir dort, wo KI unsere Mitarbeitenden bei repetitiven Aufgaben entlastet und Informationen schneller verfügbar macht. Dadurch gewinnen wir Zeit für das, was den grössten Mehrwert schafft: Beratung, Unterstützung und Entscheidungen in anspruchsvollen Situationen.

Wenn KI administrative Arbeit übernimmt und Schadenprozesse automatisiert, verändert das zwangsläufig auch Berufsbilder. Rechnen Sie damit, dass die Mobiliar in einigen Jahren mit weniger Mitarbeitenden auskommen wird – oder sehen Sie KI vor allem als Werkzeug, das Kapazitäten für Beratung und Kundenkontakt freisetzt?

Aufgaben werden sich durch KI verändern. Unser Fokus liegt darauf, Mitarbeitende bei diesem Wandel zu unterstützen und neue Kompetenzen aufzubauen. KI sehen wir vor allem als Werkzeug, das Menschen unterstützt und ihre Arbeit ergänzt. Zudem werden wir durch die gewonnene Effizienz mehr Zeit für wertstiftende Arbeit für unsere Kundinnen und Kunden haben.

«Aufgaben werden sich durch KI verändern. Unser Fokus liegt darauf, Mitarbeitende bei diesem Wandel zu unterstützen und neue Kompetenzen aufzubauen.»

Die Mobiliar setzt trotz Digitalisierung weiterhin stark auf ihre 80 Generalagenturen und rund 160 Standorte. Wie sieht die Versicherung der Zukunft für Sie aus?

Die Zukunft der Versicherung ist weder rein digital noch rein persönlich. Kundinnen und Kunden erwarten beides. Digitale Prozesse sorgen für Einfachheit und Geschwindigkeit. In Momenten, die für Menschen wirklich wichtig sind, zählt aber persönliche Unterstützung. Die jüngsten Hagelereignisse zeigen genau das: Ohne Technologie könnten wir die Tausenden Kundinnen und Kunden gar nicht effizient betreuen. Den Unterschied macht deshalb nicht der Mensch allein, sondern das Zusammenspiel von Menschen und Technologie.

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