Kommentar: Die Geiselnehmer der Volkswirtschaft

Urs Rohner
Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrats Credit Suisse Group AG. (Foto: Credit Suisse)

Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrats Credit Suisse Group AG. (Foto: Credit Suisse)

Kommentar von Helmuth Fuchs

CS-Präsident Urs Rohner hat in diversen Interviews in den letzten Tagen betont, dass er keiner sei, der in schwierigen Zeiten davon laufe. Was edel tönt und für die Grossaktionäre beruhigend wirken soll, wird bei näherer Betrachtung zu einem weiteren Indiz eines inzwischen für die breite Bevölkerung vergifteten Wirtschaftssystems.

Das Wirtschaftssystem, das in seinen verschiedenen Ausprägungen (amerikanisch liberal, europäisch sozial) eigentlich dem Volk (oder zumindest dem grössten Teil der Bevölkerung) den Rahmen bieten sollte, dass mit bekannten Regeln und ähnlich langen Spiessen alle Akteure ihre individuellen Ziele erreichen können, ohne die anderen Teilnehmer oder grosse Teile des Systems anhaltend zu schädigen, scheint immer mehr zum Umverteilungs-Werkzeug einiger weniger zu werden. Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um die Konzentration des Vermögens, die Umverteilung der Ressourcen und die Gestaltung neuer Regeln für kleine Elite zu beobachten. Die CS und ihre Führungsspitze liefern dazu gerade das beste Beispiel.

It takes one to know one
Nicht davon laufen, Verantwortung tragen, schwere Zeiten durchstehen, das tönt alles so richtig nach Unternehmertum. Bei näherer Betrachtung wird es aber schnell ziemlich durchsichtig und dünn. Brady Dougan, der CEO der Credit Suisse, genehmigt sich mit den Kollegen der Führungsspitze seit Jahren Lohn- und Bonuserhöhungen, trotz anhaltender Kursflaute und Entlassungen und Kürzungen bei Mitarbeitenden. Die gebetsmühlenartige Begründung: Die unglaubliche Verantwortung und der globale Wettbewerb um die besten Leute (womit sie natürlich immer zuerst sich selbst meinen). In der Krise werden dann aus den besten Führungskräften nichts ahnende Manager, die sich von der staatlichen Finanzmarktaufsicht FINMA bescheinigen lassen, dass sie von nichts eine Ahnung hatten und deshalb am ganzen Schlamassel natürlich unschuldig seien. Das Netzwerk der Auserwählten funktioniert hervorragend. Mark Branson, ehemaliger Investmentbanker der UBS, zu Zeit der grössten Skandale und Krisen an verantwortlichen Positionen der Grossbank, leitet aktuell die FINMA und stellt seinen ehemaligen Kollegen die gewünschten Persilscheine aus. Seine Wahl vor zwei Monaten geschah vor allem mit der Begründung, dass man einen Banker mit intimen Kenntnissen brauche, um die Risiken und Machenschaften im globalen Finanzgeschäft zu verstehen und aufzudecken. Mit derselben Begründung müssten eigentlich alle Verbrecher beste Aussichten auf eine Polizei-Karriere haben.

«Unternehmer»
In den letzten sieben Jahren, also zu Zeiten der grössten Finanz- und Wirtschaftskrise, wuchs global (aber vor allem in den USA und Europa) das Vermögen der Reichsten, die Konzentration des grössten Teils des Vermögen auf einige Prozent der Bevölkerung nahm zu. Zugleich stieg vor allem die Jugendarbeitslosigkeit, die Einkommen der meisten Beschäftigten stagnierten oder nahmen inflationsbereinigt ab. Die Rekordbusse der Credit Suisse von 2.8 Milliarden US-Dollar wird zu massiven Steuerausfällen, einem weiteren Stellenabbau und weiteren Kürzungen beim Personal führen. Während echte Unternehmer in einer solchen Krise privat kaum selbst einen Lohn beziehen könnten, eigenes Geld einschiessen müssten, um die Liquidität sicher zu stellen und möglichst keine Entlassungen vornehmen zu müssen, ist die erste Reaktion der Führungsspitze der Credit Suisse, sich eine weisse Weste bescheinigen zu lassen und anzukündigen, dass man natürlich an Bord bleiben (entlassen werden nur Mitarbeitende) und ganz intensiv darüber diskutieren werde, die Boni für dieses Jahr zu kürzen. Echte Verantwortung sieht anders aus.

Too big to jail, fail or function
Mittlerweile ist wahrscheinlich für das Wirtschaftssystem nicht mehr das grösste Risiko, dass eine Grossbank wie die Credit Suisse abgewickelt werden muss, sondern dass sie wie gehabt weiter agiert. Mit ihrem Verhalten nehmen die grossen Finanzinstitute das gesamte Wirtschaftssystem in Geiselhaft, da sie als systemrelevant gelten und nicht einfach fallen gelassen werden können. Das weltweite Netzwerk der grössten hundert Banken, Fondsmanagement- und Investment-Gesellschaften hat mittlerweile eine Machtfülle, die unkontrolliert und von der Politik unkontrollierbar, eine massive Vermögenskonzentration zu Ungunsten der breiten Bevölkerung  bewirkt. Ein Wirtschaftssystem kann aber nur so lange funktionieren, wie die meisten Beteiligten zumindest das Gefühl haben, dass Gerechtigkeit im Sinne von Chancengleichheit bestehe. Wenn sich die Finanz-Elite nur noch an den Gewinnen beteiligt, ohne irgend ein echtes Risiko zu tragen, vergiftet sie das System vollends, das sie in den letzten Jahren schon arg strapaziert hat. Was als Symbiose angedacht war, sollte nicht in den Parasitismus und danach in die Zerstörung des Systems führen. Hier liegt die Aufgabe, an deren Erfüllung sich jetzt die «Spitzen-Manager» messen lassen können. Zweifel bleiben, wenn man sich das aktuelle Verhalten anschaut.

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