Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Verkehr(t)

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Manche dürften sich noch an die sogenannte Swiss Metro erinnern, ein Projekt, das vorsah, Passagiere unterirdisch in einer Magnetschwebebahn mit über 500 Stundenkilometern von Genf bis St. Gallen zu transportieren. Bern wäre so von Zürich aus in 15, St. Gallen in rund zehn Minuten erreicht worden. Das Projekt wurde schliesslich vom damaligen Bundesrat in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre nicht als Alternative zur Bahn 2000 eingestuft und auf Eis gelegt.

Die Wiedergeburt des Projekts Anfang der 2000er erwies sich als nicht nachhaltig, endgültig beerdigt wurde es dann 2009, als die Firma, welche die Swiss Metro vorantreiben sollte, das Handtuch warf, wie die NZZ damals schrieb. Neben dem faszinierenden Gedanken, Distanzen mit solcher Geschwindigkeit überwinden zu können, sei noch festgehalten, dass Studien durchaus zum Schluss kamen, das Projekt könne rentabel betrieben werden. Der Schweiz wäre zuzutrauen gewesen, solch ein Projekt zu stemmen, Stichwort NEAT, für die uns die Welt insgeheim bewundert. Eins ist hingegen sicher. Der Verkehr – Personen und Güter – wird wahrscheinlich der strategisch wichtigste Erfolgsfaktor der Zukunft.

Verkehrsfragen rund um Strasse oder Bahn sind heikel, ganz im Gegenteil zum Datenverkehr. Mit dem Internet etwa geht das heute politisch ziemlich rassig, fast zwangsweise selbstverständlich, da dessen Entwicklung exponentiell verläuft. Exekutive und Legislative über viele Parteigrenzen hinweg erachten einen Ausbau der technischen Kapazitäten für unsere digitale Erreichbarkeit als notwendig und winken das Geschäft mal eben so durch. Wichtiges Argument für die seltene Einhelligkeit war, dass die Nachfrage nach mobilen digitalen Diensten massiv gestiegen sei und die Infrastruktur das nicht mehr bewältigen könne. Auch die Standortattraktivität führten viele ins Feld, was wohl auch unbestritten ist. Digitale Mobilität wird politisch nicht ideologisch umkämpft wie Fragen der physischen Mobilität. Neue Strassenprojekte, notabene nicht nur Ausbau- sondern Neubauprojekte, scheiden die Geister. Der Ausbau der Bahn löst jeweils eine Flut von Einsprachen aus. Das Resultat ist meist Stillstand oder eine gefühlte Ewigkeit bis zur Realisierung. Wunsch und Wirklichkeit

In Verkehrsfragen treffen Philosophien unversöhnlich aufeinander und die Grenzen zwischen den Parteien sind deutlich schärfer als beim Datenverkehr. Überspitzt gesagt würden Grüne den Individualverkehr gern beerdigen, die politische Rechte die Natur mit Strassen zubetonieren – klare Positionen, mit wenig Hoffnung auf eine Konsensfindung. Volkswirtschaftlich entgehen der Wirtschaft aber Milliarden, weil der Verkehr auf der Strasse fast überall stockt. Wer sich Tag für Tag am Morgen und Abend die Verkehrsmeldungen anhört, weiss, wie zäh hierzulande der Verkehrsfluss auf den Strassen geworden ist. Und wer die Statistiken bemüht, wird eine grosse Diskrepanz zwischen Ausbau der Strassenkapazität und Nachfrage feststellen. Mehr Menschen legen in noch mehr Automobilen täglich mehr Kilometer zurück, mit zuletzt steilem Anstieg. Das sind die Tatsachen auf der Nachfrageseite. Die Zuwanderung hat massiv zugenommen, das Mobilitätsverhalten sich „automobilphil“ entwickelt und pendeln wird (oder wurde lange) steuerlich begünstigt.

Angebot schafft Nachfrage
Dass dies auf Dauer nicht aufgehen kann, ohne neues Angebot zu schaffen, muss einleuchten. Resultat ist der tägliche Stau, mittlerweile auf fast jeder Dorfstrasse in den Agglomerationen. Dessen exponentiell anmutende Entwicklung erzeugt aber wenig politische Mobilität.

Dabei ist klar: der Markt für Individualverkehr ist nicht geräumt, die Nachfrage unbefriedigt, eine Verhaltensänderung zu erzwingen höchstens Wunsch. Logisch hätten wir weniger Verkehr, wäre zumindest jeder Beifahrersitz im Berufsverkehr besetzt oder würden wir dem Verkehrsfluss zuträglicher fahren. Die Strassen wären auch leer, würden die Pendler auf den ÖV umsteigen. Nur würde dann der zusammenbrechen. In der verkehrspolitisch festgefahrenen Kluft ist all das aber nicht von Relevanz, trotz offensichtlicher Verknappung des Angebotes. Früher oder später führt das zwangsläufig zu einer Kontingentierung, nur will das niemand aussprechen, denn dann gelangt man rasch zur heiklen Diskussion über die Grenzen des Föderalismus.

Aber können sie sich vorstellen, „nur“ noch maximal eine SMS oder Whatsapp am Tag zu verschicken zu können oder gar zu dürfen, weil die Leitung nicht mehr hergibt? Immerhin profitieren auch die Automobilisten/-innen vom reibungslosen Ausbau der Sendekapazitäten. Denn so sind wir selbst im Stau mobil erreichbar. Wir kommen nur nicht vorwärts. Da wäre eine Swiss Metro selbst für den hartgesottenen Autofahrer eine willkommene Alternative, gestreng dem Motto: Angebot schafft Nachfrage.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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