EY Jobstudie: Belastung am Arbeitsplatz nimmt zu

Mario Vieli
Mario Vieli, Head of HR bei EY Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – Arbeitnehmende in der Schweiz sehen sich einem immer grösseren Druck ausgesetzt und haben vielfach Schwierigkeiten, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. So berichtet fast jeder zweite Befragte (48 Prozent), dass die Anforderungen am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Für etwa jeden siebten Mitarbeitenden (13 Prozent) hat die Belastung sogar «stark zugenommen».

«Die Anforderungen an die Beschäftigten haben eindeutig zugenommen», sagt Mario Vieli, Head of HR bei EY. «Dafür sind zahlreiche Faktoren verantwortlich: So ist die Kommunikation durch E-Mail, Chat und Messenger-Dienste intensiver geworden, und der Druck auf Mitarbeitende, ständig erreichbar zu sein, steigt. Zudem hat die Internationalisierung zugenommen, was mehr Reisetätigkeiten sowie Arbeitseinsätze ausserhalb der Blockzeiten mit sich bringt, um sich mit Geschäftspartnern in den USA, Asien oder anderswo jederzeit austauschen zu können.»

Für 37 Prozent der Mitarbeitenden ist die Work-Life-Balance – also die Vereinbarkeit von Job und Privatleben – schwieriger geworden, was vor allem an gestiegenen Anforderungen im Job liegt: 42 Prozent der Befragten, die über eine verschlechterte Work-Life-Balance klagen, nennen als Grund mehr Arbeitsstunden und mehr Verantwortung im Beruf. Jeder Vierte sieht die Ursache im privaten Bereich.

Trotz der steigenden Anforderungen und eines darunter leidenden Privatlebens ist die Zufriedenheit der Schweizer Arbeitnehmenden jedoch hoch: Fast zwei Drittel (62 Prozent) sind «zufrieden» und 32 Prozent bezeichnen sich als «eher zufrieden». Lediglich ein Prozent ist «unzufrieden» mit ihrer Arbeit.

«Auch wenn die hohe Belastung auf der einen Seite und die hohe Zufriedenheit auf der anderen Seite auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussehen, sind sie es nicht. Sie spiegeln vielmehr die Herausforderungen und Möglichkeiten, welche die heutige Arbeitswelt bietet, wider. Denn die Arbeit ist insgesamt interessanter geworden: internationale Arbeiten, mehr Verantwortung für den Einzelnen, mehr Abwechslung und flachere Hierarchien. Das bietet Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen heutzutage nie dagewesene Entfaltungsmöglichkeiten, aber auch erhebliche Herausforderungen», ergänzt Vieli seine Analyse der Ergebnisse der «Jobstudie 2016» der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Belastung für Männer und Frauen hoch – Schwierigkeiten bei der Work-Life-Balance
Sowohl Frauen als auch Männer berichten von steigenden Anforderungen: 51 Prozent der Männer sagen, dass die Arbeitsbelastung zugenommen hat, bei den Frauen sind es mit 45 Prozent nur etwas weniger.

Sowohl bei den Frauen wie auch bei den Männern tut sich mehr als jeder Dritte etwas schwerer bei der Verbindung von Berufs- und Privatleben: Besonders verschlechtert hat sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Eltern von Vorschulkindern (vier bis sechs Jahre): Frauen geben hier zu 81 Prozent und Männer zu 53 Prozent eine Verschlechterung an. Es sind aber keineswegs nur die Kinder, welche die Work-Life-Balance junger Eltern so schwierig machen: Wenn Väter von Kindern im Vorschulalter über eine schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie klagen, begründen sie dies neben den Kindern (57 Prozent) vor allem mit steigenden Anforderungen im Job – 43 Prozent führen die verschlechterte Work-Life-Balance auf eine gestiegene Zahl von Arbeitsstunden zurück. Vollzeit beschäftigte Männer arbeiten im Durchschnitt deutlich mehr als Vollzeit beschäftigte Frauen. So arbeiten 2 von 3 Männern (66 Prozent) mehr als 40 Stunden in der Woche, aber nur 45 Prozent der Frauen. Bei Frauen ist das Verhältnis umgekehrt: Für 63 Prozent der jungen berufstätigen Mütter sind die Kinder Grund für eine mangelnde Work-Life-Balance, nur 15 Prozent geben als Grund an, zu viel Zeit im Büro verbringen zu müssen. Fast jede zweite Frau (45 Prozent) arbeitet in Teilzeit, bei den Männern sind es nur 12 Prozent.

«Frauen übernehmen in vielen Haushalten nach wie vor einen Grossteil der Kindererziehung. Männer neigen eher dazu, gleichzeitig auch im Job Vollgas geben und nicht zurückstecken zu wollen – weder im Beruf noch im Privatleben. Deswegen leisten viele Männer der Karriere wegen mehr Arbeitsstunden und übernehmen gleichzeitig zu Hause mehr Aufgaben als früher – mit dem Ergebnis, dass auch sie es schwer haben, die richtige Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden», sagt Vieli.

«Es bleibt nun auch Aufgabe der Firmen, die damit einhergehende Belastung abzufedern – beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle oder Kinderbetreuungsangebote», sagt Vieli abschliessend. Dies bestätigen auch die Befragten, denn 66 Prozent der Schweizer Arbeitnehmenden wünschen sich von einem modernen Arbeitgeber vor allem flexible Arbeitszeitmodelle. Jeder Dritte wünscht sich die Möglichkeit, mehr Homeoffice machen zu dürfen (33 Prozent).

Arbeitnehmende bewerten die wirtschaftliche Situation der Unternehmen positiv
In der Schweiz bewerten 87 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Situation des eigenen Arbeitgebers derzeit als «eher gut» oder «sehr gut». Nach Einschätzung der Beschäftigten hat sich die wirtschaftliche Situation des eigenen Unternehmens in den vergangenen drei Jahren unterm Strich kaum verändert. Dies münzen Beschäftigte auch auf ihre Erwartung bezüglich Lohn um: Jeder vierte Beschäftigte rechnet für 2016 mit einem marginal höheren Verdienst (im Durchschnitt eine Erhöhung von 0,7 Prozent). Hier zeigen sich Angestellte im Verbandswesen deutlich optimistischer als Beschäftigte in der Privatwirtschaft.

«Die steigende Arbeitsbelastung ist auch eine Konsequenz des Erfolgs der Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Jahren», betont Vieli. «Neue Vertriebskanäle, neue Geschäftsmodelle und innovative Technologien werden entwickelt, es gibt viel zu tun in der Schweizer Unternehmenslandschaft. Um all das rechtzeitig zu antizipieren, müssen die Betriebe und ihre Beschäftigten hart arbeiten. Fakt ist, dass im Zuge der Globalisierung der Wettbewerb in allen Branchen zugenommen hat und damit der Druck steigt, Produktivität und Profitabilität zu erhöhen. Das führt auch zu steigenden Anforderungen an den einzelnen Mitarbeitenden.»

Jeder Dritte wird leistungsabhängig entlohnt – Männer mehr als Frauen
Bei 34 Prozent der Schweizer Arbeitnehmenden weist der Lohn eine Erfolgs- oder Leistungskomponente auf, wobei dieser Anteil bei Männern etwas höher liegt als bei Frauen und in der Privatwirtschaft deutlich weiter verbreitet ist als im öffentlichen Dienst und bei Verbänden. Im Versicherungswesen (58 Prozent), bei den Unternehmensdienstleistern (53 Prozent) sowie in der Telekommunikation und der IT-Branche (47 Prozent) ist der Anteil der variablen Lohnempfänger am höchsten. Bei grösseren Unternehmen und mit der Hierarchiestufe steigt die Prozentzahl der Personen, die eine variable Lohnkomponente aufweisen. Für 9 von 10 Beschäftigten ist die Berechnungsmethode des Erfolgs- bzw. Leistungsbestandteils im Lohn nachvollziehbar. Zwei von drei Beschäftigten (und hier liegt der Anteil der Männer höher) befürworten eine leistungsabhängige Bezahlung und mehr als die Hälfte der Beschäftigten würde ihr Engagement nach eigenen Angaben bei der Arbeit erhöhen, wenn sie (stärker) erfolgsabhängig bezahlt würden. Männer verdienen im Durchschnitt bei einem Vollzeitpensum 45 Prozent mehr als Frauen, denn der Brutto-Jahresverdienst von Männern liegt bei durchschnittlich 77‘500 CHF und der von Frauen bei 53‘600 CHF. Am zufriedensten mit ihrem Lohn sind Personen, die in der Telekommunikation und IT arbeiten, gefolgt von Unternehmensdienstleistern und Personen in der Land- und Forstwirtschaft. Am wenigsten zufrieden sind Personen in der Immobilienbranche und im Handel. Grundsätzlich sind trotz der Branchen- und Geschlechterunterschiede fast neun von zehn Beschäftigten (88 Prozent) in der Schweiz mit ihrer Entlohnung eher zufrieden oder zufrieden.

Das sind die Ergebnisse der «EY Jobstudie 2016» der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die mehr als 1‘000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz befragt wurden. (EY/mc/ps)

Über die globale EY-Organisation
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