Joschka Fischer: «Machen Sie mal Eier aus Rühreiern»

Joschka Fischer

Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Aussenminister.

Zürich – Ist Inspiration die Muse, die einen küsst, oder das Resultat von Handwerk und Disziplin? Im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der Schweizerischen Management Gesellschaft setzten sich am diesjährigen Forum Bundesrat Johann  Schneider-Ammann, der deutsche Ex-Vizekanzler Joschka Fischer, Urs Rohner (VR-Präsident Credit Suisse) und weitere Referenten aus Wirtschaft, Kultur und Forschung mit der Frage auseinander. Inspirierend für die Diskussion wirkten – unausweichlich –  auch die Weltwirtschaftslage und der Euro.

«Wer inspiriert Sie?», fragte Moderatorin Christine Meier Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Natürlich das Parlament», antwortete er mit Schalk in den Augen und erntete den ersten Lacher des SMG Forums. Schneider-Ammann präsentierte das Hilfspaket des Bundesrats von 870 Millionen Franken zur Abfederung der Frankenstärke auch als «wichtiges psychologisches Signal». Direkten Einfluss auf den Wechselkurs könne jedoch nur die Geldpolitik ausüben. Erfreut zeigte sich der Volkswirtschaftsminister über die Einigkeit unter den Parteien: «Es hat zwar etwas gedauert, bis alle hinter der Schweizerischen Nationalbank stehen, aber es hat funktioniert.» Er betonte zudem, der bilaterale Weg in den Beziehungen zwischen der Schweiz und Europa bliebe der «Königsweg».

Joschka Fischer: Es braucht keine Träume einer neuen Aufteilung der EU
Europa stand auch im Zentrum des deutschen Ex-Aussenministers und –Vizekanzlers Joschka Fischer. Man könne mit dem Gedanken spielen, Griechenland fallen zu lassen. Doch niemand wolle die Folgen davon erleben. Seine Analogie: «Machen Sie mal Eier aus Rühreiern.» Es brauche keine Träume einer neuen Aufteilung der EU, viel mehr müssten dringend Lücken geschlossen und eine Europäische Wirtschaftsregierung gegründet werden. «Wir brauchen eine bessere Abstimmung der Staatshaushalte und die fiskalische Integration aller Mitgliedsländer.» Die europäische Wirtschaft verglich er mit meinem zerbeulten Auto, das sich auf einem Mauleselpfad in den Bergen bewege – zwei Räder in der Luft und mit betrunkenem Fahrer. «Doch wir werden es schaffen, weil es für uns alle um verdammt viel geht.»

Urs Rohner: Finanzindustrie am Anfang grosser Umwälzungen

Urs Rohner sprach über die Lage der Credit Suisse und der Schweizer Finanzindustrie. Sie müsse die Kostenbasis erheblich reduzieren. Die Branche stehe nicht nur im Kerngeschäft am Anfang grosser Umwälzungen. Der VR-Präsident der CS ging in seinen Ausführungen auf Social Media wie Facebook ein. Es handle sich um eine «echte Revolution», die Kommunikationskanäle und Budgetverteilung massiv verändere. Der Dialog mit den Kunden werde viel intensiver und finde neu in Echtzeit statt. «In der Finanzindustrie haben wir diese Entwicklung bisher eher etwas verschlafen.»

Peter Spuhler: Bilateralen sind der richtige Weg
Der Unternehmer (Stadler Rail AG) und SVP-Nationalrat Peter Spuhler appellierte an die Wirtschaftsführer, die Politik nicht den Lobbygruppierungen zu überlassen. Er bejahte das Vorgehen der Nationalbank, die den Euro-Kurs bei mindestens 1.20 Franken halten will. «Hin stehen und das Kursziel mit letzter Konsequenz verteidigen». Er hoffe, dass die Schweiz das durchstehen könne. Die Bilateralen seien der richtige Weg, sagt Spuhler, der die Freizügigkeit nach wie vor unterstützt. «Andererseits haben wir eine sehr hohe Einwanderung und wir müssen die frühere Möglichkeit neu verhandeln, in gewissen Situationen die Grenzen schliessen zu können. Sonst besteht die Gefahr, dass weit rechts eine Initiative entsteht.»

«Was Sie während mindestens zwei Stunden tun, verändert Ihr Hirn»
Die Schweizerische Management Gesellschaft (SMG) wird dieses Jahr 50. Diesem besonderen Anlass entsprechend lautete das Forumsthema «Inspiration». Der Dirigent, Unternehmer und ehemalige Musikmanager Christian Gansch räumte mit dem Vorurteil vom Künstler auf, den die Muse küsst und der nach dieser Eingebung den restlichen Tag verschlafen könne. «Wer im Orchester der Tonhalle Zürich spielt, hat im Alter zwischen 8 und 20 täglich drei bis sechs Stunden geübt. Glauben Sie mir, das ist eine Tortur und man fühlt sich dabei nicht wie Mozart.» Lutz Jäncke führte den Gästen die Auswirkungen der ständigen Ablenkung vor Augen, der sich auch Manager und Unternehmerinnen im Zeitalter der Echtzeit-Kommunikation ausgesetzt sehen. Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich, sagte, Lernen sei unser Schicksal – ohne gehe es von Natur aus nicht. «Alles, was Sie während mindestens zwei Stunden tun, verändert was in Ihrem Hirn.»

«Nichts ist mehr so, dass man es planen kann»

Professor Stephan Jansen, Präsident der Zeppelin Universität Friedrichshafen, erinnerte daran, dass 99 Prozent aller Innovationen evolutionäre Verbesserungsinnovationen sind. Nur bei 1 Prozent handle es sich um Durchbruchsinnovationen. Bill Gates hat seine Software nicht selbst entwickelt, sondern günstig das Betriebssystem DOS gekauft. Ferdinand von Zeppelin hat den Zeppelin nicht erfunden. «Doch er war in der Lage, es zu managen und zu finanzieren.» Jansen zitierte das «Age of Paradox» (Charles Handy), wonach nichts mehr so ist, dass man es planen kann. „Falls dieser Fakt Sie ärgert: Er ist der Grund dafür, dass es Sie als Manager gibt. Den Rest kann man mit Beratern machen.“

Sam Keller und Samih Sawiris diskutierten Kunst
Samih Sawiris (Orascom Development Holding AG) und Sam Keller (Fondation Beyeler) diskutierten über Inspiration durch Kunst. Es sei die Frage vom Ei und dem Huhn, sagte Keller. «Ohne Wirtschaft entsteht keine Kunst und wenn es keine Kunst gibt, weiss man nicht, wohin mit dem Geld», sagte er. Sawiris bezeichnete sich als Banause, der ohne Seitenblick auf grosse Namen und teure Preise kaufe, was ihm gefällt – so zwei Bilder einer ägyptischen Künstlerin, die 30 Franken gekostet haben. Er widersprach Keller: «Kunst gab es schon bei den ersten Menschen, als nicht Geld die Künstler inspirierte. Die Kunst hat also Vorrang.»

Die erste Frau an der Spitze eines F1-Teams
Kristina Hempel, Christina Mair und Caroline Weber erzählten von der Gründung ihrer kcc Group, die in Kooperation mit Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren für deren Angestellte über 500 Krippenplätze geschaffen haben – und damit 100 Arbeitsplätze. Inspiriert hatte die drei Ex-Bankerinnen eine Studie, gemäss der sich Erwerbsarbeit für Mütter wirtschaftlich kaum lohnt und ab dem zweiten Kind sogar einen negativen Effekt auf die Haushaltsfinanzen hat. Monisha Kaltenborn berichtete aus der glamourösen Welt der Formel 1, in der sie als CEO von Sauber Motorsports AG die erste Frau an der Spitze eines Teams ist. «Mich fasziniert die Kombination aus Zirkus, Technologie und kommerziellem Hintergrund», sagte sie. «Meine Inspiration ist die tägliche Arbeit.»

Stefan Borgas betonte den Wert der Leere

Als neuer SMG-Präsident nahm Lonza-CEO Stefan Borgas nochmals Bezug auf das Referat des Musikers Christian Gansch. Dieser hatte von einem Schlüsselerlebnis als Dreizehnjähriger erzählt, als er die Musik ein paar Tage lang vernachlässigte und danach besser spielte, weil er sich auf dem Fahrrad erholte und sich das zuvor Geübte setzen konnte. Seither macht er am Wochenende Pause. «Wir alle arbeiten gerne. Es ist aber wichtig, sich auch mal leer zu machen und den täglichen Kampf zurückzustellen», sagte er. (SMG/mc/ps)

Über die SMG
Die 1961 aus dem Betriebswissenschaftlichen Institut (BWI) der ETH hervor-gegangene Schweizerische Management Gesellschaft (SMG) ist die Vereinigung der Schweizer Führungskräfte aus Wirtschaft und Gesellschaft. Mit 1300 Mitgliedern ist die SMG eine Kontakt- und Weiterbildungsplattform für Persön-lichkeiten, die dem oberen Management angehören oder als Verwaltungsräte tätig sind. Die Schweizerische Management Gesellschaft bietet den Mitgliedern Veranstaltungen an, die der Wissensvermittlung, dem Erfahrungsaustausch sowie der Beziehungspflege dienen. Ein Kernpunkt ist das jährliche Forum, das relevante und aktuelle Themen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufgreift.

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