OBT: Financial Due Diligence – vor dem Deal Fakten schaffen
St. Gallen – Wer ein Unternehmen kaufen möchte, steht früher oder später vor einer zentralen Frage: Wie gut kenne ich die wirtschaftliche Realität des Zielunternehmens? Genau hier setzt die Financial Due Diligence (FDD) an. Der Artikel zeigt auf, warum sie einen wesentlichen Bestandteil jeder professionell begleiteten Unternehmensübertragung darstellt und in der Praxis oft matchentscheidend ist für das Zustandekommen der Transaktion sowie den letztlich verhandelten Preis.
Eine Financial Due Diligence (FDD) ist eine vertiefte betriebswirtschaftliche Analyse des Zielunternehmens. Sie beantwortet u.a. folgende Fragen:
- Wie stabil ist die Ertragslage wirklich?
- Welche Vermögenswerte gibt es – und wie sind diese bewertet?
- Gibt es Risiken, die bisher nicht transparent dargelegt wurden?
Im Zentrum stehen die Vermögens-, die Finanz- und die Ertragslage. Die FDD soll nicht nur das Bild der Vergangenheit nachzeichnen, sondern auch die Planungsqualität und die Zukunftsfähigkeit beurteilen. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zeigt sich hier oft ein anderes Bild als in der offiziellen Jahresrechnung: Steueroptimierungen, unzureichende Planungen oder stille Reserven können das Bild der wirtschaftlichen Lage verzerren.
Darum ist die FDD für Käufer und Verkäufer entscheidend
Für Käufer:
- Sie hilft, Preis und Struktur der Transaktion fundiert zu beurteilen.
- Risiken (z.B. Klumpenrisiken, Abhängigkeiten) werden identifiziert und in Relation gesetzt.
- Deal Breaker werden frühzeitig erkannt.
Für Verkäufer:
- Eine vorbereitende Sell-Side Due Diligence erhöht die Transparenz und Glaubwürdigkeit.
- Schwachstellen können vorab identifiziert und in den Unterlagen sachlich erläutert werden.
Typische FDD-Prüffelder und praxisnahe Beispiele
1.Topdebitorenanalyse:
Ziel: Feststellen, ob wesentliche Umsätze auf wenige Kunden entfallen
Beispiel: 60 Prozent des Umsatzes stammen von zwei Kunden. Das birgt ein erhebliches Klumpenrisiko, das Einfluss auf den Kaufpreis hat.
2.Inventarbewertung:
Ziel: Bewertung der Vorräte hinsichtlich Alter, Realisierbarkeit und Bewertungsmethoden
Beispiel: Ein hoher Anteil an Altbeständen mit fraglicher Absetzbarkeit deutet auf Korrekturbedarf hin.
3.Einmalige Ergebniseffekte:
Ziel: Bereinigung des Ergebnisses um Sondereffekte
Beispiel: Ein starker EBIT-Anstieg im letzten Jahr basierte auf einem ausserordentlichen Immobilienverkauf und ist nicht nachhaltig.
4.Investitionsstau:
Ziel: Identifikation eines künftigen Investitionsbedarfs
Beispiel: Der Maschinenpark ist veraltet und kurzfristig investitionsbedürftig – relevante Information für die Capex-Planung.
5.Verrechnungspreise und konzerninterne Transaktionen:
Ziel: Aufdecken potenziell nicht marktkonformer Transaktionen, insbesondere bei Konzerngesellschaften
Beispiel: Ein konzerninternes Darlehen wurde zu einem ungewöhnlich niedrigen Zinssatz gewährt. Dies führt zu einem künstlich erhöhten Gewinn der empfangenden Gesellschaft und kann steuerliche sowie bewertungsrelevante Auswirkungen haben.
Ablauf der FDD: standardisierte Prozesse, individuelle Ergebnisse
Die FDD wird in elektronischen Datenräumen (E-Data Rooms) durchgeführt. Geprüft werden Unterlagen wie Bilanzen, Erfolgsrechnungen, wichtige Verträge, Steuererklärungen und -veranlagungen sowie Planrechnungen.
Am Ende resultiert ein strukturierter Report mit klarer Aussagekraft. Neben der Analyse der Zahlen liegt der Mehrwert der FDD insbesondere in der Einordnung und Kommentierung durch erfahrene Berater. Risiken und Chancen werden so nicht nur identifiziert, sondern auch in ihrem Einfluss auf den Deal bewertet. Der Auftraggeber kann im Anschluss entscheiden, wie er oder sie das Ergebnis der FDD in seinen/ihren Entscheidungsfindungsprozess integrieren möchte. (OBT/mc/ps)
Fazit
Eine solide Financial Due Diligence (FDD) schafft Transparenz, reduziert Risiken und gibt den Verhandlungspartnern die nötige Sicherheit über die aktuelle Ausgangslage und die Zukunftsaussichten des Targets. Für Käufer ist sie unverzichtbar, um Überraschungen zu vermeiden und einen fairen Kaufpreis zu zahlen. Für Verkäufer bietet sie die Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen und den Transaktionsprozess aktiv mitzugestalten. Wer mit dem Gedanken spielt, ein Unternehmen zu kaufen oder zu verkaufen, sollte die FDD nicht als reine Formalität verstehen – sondern als strategisches Instrument für erfolgreiche Deals.
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