Belvédère Marktperspektiven: «Die Märkte warten nicht auf die Politik»
Im November wählen die Amerikaner einen neuen Kongress. Die Midterms können die Mehrheitsverhältnisse in Washington grundlegend verändern und damit auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen der kommenden zwei Jahre prägen. Die Börse scheint auf diese Klärung allerdings nicht zu warten. Der S&P 500 hat sich im bisherigen Jahresverlauf bereits deutlich positiv entwickelt.
Von Giorgio Saraco, Teilhaber, Leiter Asset Management, Belvédère Asset Management
Das ist bemerkenswert: Historisch sind Midterm-Jahre häufig von erhöhter Unsicherheit und vergleichsweise schwachen Renditen geprägt. Seit 1990 erzielte der S&P 500 in Jahren mit Zwischenwahlen durchschnittlich lediglich rund 3 Prozent. Im darauffolgenden Jahr waren es dagegen über 20 Prozent.
Das sagt weder den Wahlausgang noch die weitere Börsenentwicklung voraus. Es zeigt aber etwas anderes: Märkte versuchen politische und wirtschaftliche Veränderungen frühzeitig zu antizipieren. Der legendäre Investor und Begründer des Value Investing Benjamin Graham beschrieb die Börse einst als «kurzfristige Abstimmungsmaschine» und «langfristige Waage». Gerade vor Wahlen gewinnt dieser Gedanke an Aktualität.
Historisch setzte die Erholung in Midterm-Jahren häufig bereits Wochen vor dem Wahltermin ein, sobald sich die politischen Szenarien konkretisierten. Die Börse beginnt also, die Erwartungen für die Zeit danach zu handeln, bevor die Stimmen ausgezählt sind.
Schwierige Konstellation könnte für die Börse attraktiv sein
2026 scheint der Markt dieses Muster sogar noch früher vorwegzunehmen. Trotz geopolitischer Spannungen, hartnäckiger Inflation und inzwischen wieder steigender Leitzinsen zeigen sich US-Aktien seit Monaten robust. Sowohl die Fed als auch die EZB haben im September ihre Zinsen erhöht. Dennoch behaupten sich die Aktienmärkte und verzeichnen Höchststände. Unternehmensgewinne sowie hohe Investitionen in künstliche Intelligenz und Infrastruktur zählen derzeit offenbar mehr als die politischen und geldpolitischen Unsicherheiten.
Ausgerechnet eine für die Politik schwierige Konstellation könnte für die Börse attraktiv sein. Wird Washington nach den Midterms von keiner Partei vollständig kontrolliert, droht zwar politischer Stillstand, aber gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit grosser Gesetzespakete, weitreichender Steueränderungen und regulatorischer Eingriffe. Vielleicht ist politische Handlungsunfähigkeit für die Börse manchmal sogar die bessere Variante. Was in Washington als Stillstand gilt, kann an der Wall Street als Stabilität verstanden werden.
Politische Schlagzeilen allein sind selten eine gute Anlagestrategie
Der Wahlausgang mag für einzelne Branchen relevant bleiben, für den Gesamtmarkt zählen längerfristig jedoch andere Faktoren: Unternehmensgewinne, Zinsen, Produktivität und Bewertungen. Darin liegt die eigentliche Botschaft für Anleger. Die Frage ist nicht, ob die nächsten Monate weitere politische oder wirtschaftliche Überraschungen bringen – davon ist auszugehen. Entscheidend ist vielmehr, ob diese Überraschungen die fundamentale Entwicklung von Unternehmen und Wirtschaft nachhaltig verändern werden.
Bislang spricht wenig dafür. Gewinne und Investitionen bleiben robust, während die Märkte selbst höhere Zinsen erstaunlich gut verkraften. Das ist zwar keine Garantie für weiter steigende Kurse, es zeigt aber, dass politische Schlagzeilen allein selten eine gute Anlagestrategie sind. Die Politik wählt im November. Die Märkte haben offenbar längst begonnen abzustimmen. (Belvédère/mc/hfu)