Carsten Schlufter, Sector Strategist, UBS Wealth Management

Carsten Schlufter, Sector Strategist, UBS Wealth Management

Carsten Schlufter, Sector Strategist, UBS Wealth Management.

Von Martin Raab, Derivative Partners Media AG, www.payoff.ch

payoff im Gespräch mit Carsten Schlufter, Sector Strategist, UBS Wealth Management über den Gas-Boom, Preisentkopplung und profitable Pipelinegeschäfte.

payoff: Erdgas ist derzeit ein gefragter Rohstoff und in der «Energiewende» zunehmend wichtig. Woher kommt diese Renaissance?

Carsten Schlufter: Das hat primär ökonomische Gründe. Es ist wichtig zu wissen, dass es keinen weltweiten Gaspreis gibt, sondern regionale Preise. In den USA hat sich der Gaspreis von seinen Allzeit-Tiefs bei knapp 2 US-Dollar gelöst und pendelt um die 4 US-Dollar. In Europa ist der Preis deutlich höher bedingt durch die sehr langfristigen Lieferverträge – speziell mit Russland. In Asien, gerade Japan hat das Inferno von Fukushima zu sprunghafter Nachfrage nach Gas geführt. Gas gilt auch in Japan als die neue Alternative, es wird als verflüssigtes Gas, das sog. LNG, dessen Preis nochmals höher ist als in Europa, importiert. Erdgas ist so etwas wie der Rohstoff des Jahrzehnts. Es ist der einzige fossile Energieträger dessen globaler Marktanteil in den kommenden Jahren ansteigen wird.

Welcher Industriezweig ist Top-Gasverbraucher?

Die Gasnachfrage wird vor allem vom Stromerzeugungssektor getrieben. Das ist wie eingangs erwähnt eine einfache Rechung: Was ist günstiger zum Energie erzeugen – Gas oder Kohle? Im Fachjargon spricht man vom Coal-to-Gas-Switching. Wir gehen entsprechend davon aus, dass der Anteil von Gas am Strommix bis 2035 weiter steigen wird. Es erzeugt geringere CO2-Ausstösse, hat höhere thermische Effizienz und bietet mehr operative Flexibilität samt kürzerer Bauzeiten.

Hat Kohle noch eine Zukunft?

Generell schon, doch mit Blick auf das nächste Jahrzehnt wird es tendenziell bei Kohle zu eher rückläufigen Bestellungen kommen. China ist derzeit der mit grossem Abstand grösste Kohlekonsument, gefolgt von den USA. In den kommenden Jahren dürfte die Nachfrage vor allem in China und auch in Indien noch deutlich ansteigen. Allerdings wird die Umweltverschmutzung zunehmend als Problem wahrgenommen und es wird nach Lösungen gesucht werden. China hat kürzlich mit Russland bzw. u.a. Gazprom einen langfristigen Liefervertrag von Gas abgeschlossen. Nicht zuletzt wird durch den verstärkten Gebrauch von Gas China seine Luftverschmutzung deutlich eindämmen können. Das Verbrennen von Gas erzeugt rund 50% weniger CO2 Emissionen als Kohle.

«Die USA könnten bis zum Ende des Jahrzehnts von Öl-Importen unabhängig werden.»

Stichwort Emissionsreduktion. Welche Entwicklung sehen Sie bei Erdgas-Fahrzeugen?

Die entscheidende Frage wird sein, in welche Richtung der Trend nach der «Generation Öl» geht. Besonders in Asien und Südamerika boomt die Nachfrage nach Gasfahrzeugen. In Argentinien werden über 15% der Fahrzeugflotte mit Gas betrieben, in Bolivien sind es 20%. Absoluter Spitzenreiter ist Pakistan, wo 61% der Fahrzeuge mit Gas betrieben werden. Aber: Die Infrastruktur muss vorhanden sein. Diese wird im Zweifel von der Energiewirtschaft nicht aus freien Stücken aufgebaut, sondern nur dank Subventionen von staatlicher Seite.

In den Automobilen-Massenmärkten wie den USA und Europa sind Erdgasfahrzeuge eher noch Exoten…

Das mag für die Gegenwart stimmen, aber die Entwicklung der Gaspreise in den USA könnte auch in Industrienationen zu einem Umdenken führen, zumal Gasfahrzeuge ökonomisch Sinn machen könnten. Das Problem sehe ich eher in der nicht vorhandenen Infrastruktur. Sofern politisch gewünscht, könnte der Markt für gasbetriebene Fahrzeuge auch in den westlichen Ländern deutlich zulegen.

Warum, die Fahrzeuge sind doch in der Anschaffung nicht günstiger?

Gerade im Flottengeschäft wie bei Logistikunternehmen könnte der Kostenvorteil recht schnell umgesetzt werden – und zwar je nach Einsparung gegenüber dem Benzinpreis. Der Kraftstoffpreis und die Schadstoffemission – samt evtl. verbundener Steuern – sind bei dieser Rechnung ganz entscheidend. In Argentinien haben sich die zusätzlichen Investitionen in Gasfahrzeuge bereits nach nach 1,3 Jahren ausgezahlt. Über den Lebenszyklus eines Autos hinweg können 7‘000 bis 17‘ 000 US-Dollar gespart werden.

Speziell in den USA steigt die Förderung von Erdgas drastisch an, parallel fiel der US-Gaspreis markant. Ist die «Energieunabhängigkeit» wirklich greifbar?

Absolut. Erdgas macht in den USA bereits über 25% an der gesamten Energieproduktion aus. Die Angebotseite wächst sehr stark, angetrieben vom unkonventionellem Gas oder dem sog. Schiefergas. Neue Technologien sowie die als Fracking bekannte Fördermethode haben zu diesem Boom geführt. In den kommenden Jahren könnten die USA sogar damit beginnen, Erdgas zu exportieren. Neben Schiefergas wächst in Nordamerka aber auch die Produktion von Oelschiefer deutlich. In der Folge könnte es sein, dass die USA bis zum Ende des Jahrzehnts von Öl-Importen aus OPEC-Staaten tatsächlich unabhängig sind. Auf der fossilen Seite stammen bei Crude Oil die meisten Importe aus Kanada. Die Hälfte der Summe kanadischer Ölimporte kommen aus Saudi-Arabien.

Wo sind denn in den USA die grössten Schiefergasvorkommen?

Derzeit wird in den USA rund ein Viertel des geförderten Erdgas aus den Schiefergasvorkommen bezogen. Der Löwenanteil kommt aus dem texanischen Barnett Basin, dem ältesten Fördergebiet von Shale Gas. Neuste und grösste Förderregion ist Marcellus, welche sich entlang der Appalachen zieht. Dort sind alle grossen Energiekonzerne aktiv.

Wie wirkt sich die Renaissance bei der Erdgas-Förderung auf das Pipelinegeschäft aus?

Das ist ein Riesengeschäft, denn gerade in den USA ist das Pipeline-Business reguliert, sprich wirft langfristig planbare Renditen ab. Die bekannten Master Limited Partnerships bzw. Mid-Stream-Unternehmen sind bei vielen Anlegern wegen der stabilen und attraktiven Dividenden begehrt.

«Das Pipeline-Business ist ein Riesengeschäft.»

Gibt es Unternehmen, die im besonderen davon profitieren?

Hier muss man sich die gesamte Wertschöpfungskette ansehen. Ein höherer Gaspreis würde sich insbesondere bei den Produzenten positiv bemerkbar machen. Die Durchleitegebühren in den Pipelines sind natürlich unabhängig vom Marktpreis des Erdgas, sie richten sich nach der durchgeleiteten Menge. Neben den Abnehmern auf der Kraftwerksseite, machen auch derzeit auch die Anlagenbauer gute Geschäfte. Dazu zählen die bekannten Blue-Chips wie GE, Siemens und ABB. Ferner locken die tiefen Gaspreise in den USA z.B. die chemische Industrie vermehrt an.

Beim Blick auf die Preise für Erdgas entkoppelt sich der US Preis (Henry Hub) zunehmend vom Rest der Welt. Welche Trends erwarten Sie bei den Gaspreisen generell?

Für die US-Gaspreise sind zwei Dollar, wie wir sie vor rund einem Jahr gesehen haben, eindeutig zu niedrig; das ist unter den Produktionskosten. Wie von vielen erwartet, ist hier eine Preisrange von 4 bis 5 US-Dollar realistischer Weise zu erwarten. In Europa sind aufgrund der erwähnten langfristigen Lieferverträge nur kleine Veränderung erkennbar. Hier bleibt der Gaspreis weiterhin an den Ölpreis gekoppelt Vielleicht sorgen die neuen LNG-Lieferungen aus Nordafrika für gewisse Preisentspannung. Langfristig könnte LNG aber dazu führen, dass sich die derzeit noch sehr unterschiedlichen und regional geprägten Gaspreise tendenziell annähern.

Herzlichen Dank für das Interview.

Der Gesprächspartner:

Carsten Schlufter ist seit 2005 bei UBS im Wealth Management tätig. Er ist als Aktienanalyst für den globalen Versorger- und Energiebereich zuständig. Zudem ist er für die globale Sektorstrategie verantwortlich. Vor seinem Eintritt bei UBS war Carsten Schlufter zwischen 1998 und 2005 bei der Deka Investment in Frankfurt als  Aktienanalyst beschäftigt und hatte direkten Einfluss auf das Aktienfondsmanagement. Der Diplom-Kaufmann studierte Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten in Jacksonville (USA) und Marburg (Deutschland), wo er 1997 sein Studium abschloss. Seit 2000 ist er zudem ein Certified European Financial Analyst (CEFA).

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