Comeback der blauen Flamme

Comeback der blauen Flamme

Von Dieter Haas und Martin Raab, Derivative Partners Media AG, www.payoff.ch

Nach längerer Talfahrt der Erdgas-Preise hat der Trend gedreht. Investitionen in den Energieträger haben allerdings ihre Tücken – genau wie die Fördermethode Fracking. Wie Anleger es jetzt dennoch schaffen, die Kursbewegungen optimal nachzubilden.

Kein anderer Energieträger steht derzeit mehr im Rampenlicht als Erdgas. Zum einen ist der Börsenpreis auf historischen Tiefstständen angelangt, zum anderen sorgt wiederholt eine Fördertechnik weltweit für hitzige Debatten und Presserummel. Traditionell handelt es sich bei Gas um einen sehr umweltschonenden Energieträger, der überwiegend aus Methan besteht und bei der Energieerzeugung rückstandslos verbrennt. Doch führt eine neue Gewinnungsmethode zu Diskussionen und grossen Umweltsorgen – Fracking. Darunter versteht man die horizontale Bohrung in Gas umschliessendem Schiefergestein. Durch das Bohrloch wird mit hohem Druck eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien gepumpt, die das Gestein aufbricht und das Gas an die Oberfläche befördert.

Horizontale Zeitbombe?
Das eigentliche Problem ist nicht die Bohrung, sondern dass hochgiftige Chemikalien (ca. 80 bis 300 Tonnen, je nach Bohrloch) tief in die Erde gepumpt werden. Derzeit ist unklar, ob diese rückstandslos wieder hochgepumpt werden können und welcher Einfluss auf Trinkwasserquellen entsteht. Die teilweise fatalen Auswirkungen von Fracking wurden im Grammy-nominierten US-Dokumentarfilm «Gasland» von Josh Fox in bewegender Weise illustriert. Ein Farmer hält ein Feuerzeug an einen fliessenden Wasserhahn. Plötzlich schiessen Flammen aus dem Wasser – den Methanrückständen im Grundwasser sei Dank. Die amerikanische Gas-Lobby stempelt derartige Berichte regelmässig als veraltet und «Hirngespinste» ab. Fakt hingegen ist, dass von den 260 additiven Chemikalien, die bei Fracking immer noch zum Einsatz kommen, 58 eine toxische, Krebs erregende oder mutagene Wirkung haben.

«Fracking an sich ist nicht das Problem, sondern die additiven Chemikalien, welche bis dato verwendet werden.»

Fracking lässt die Preise purzeln
Hauptanwender von Fracking ist die US-Energiewirtschaft. In keinem anderen Land der Welt ist die Gasgewinnung im Schieferstein fortgeschrittener. Epizentrum der Förderung ist der Mittlere Westen, wo bis dato rund USD 40 Milliarden für Landkäufe bzw. Pachtverträge und Brunnen investiert wurden. Infolge rasant steigender Fördermengen purzeln die Preise für Erdgas in den USA dramatisch – von neun Dollar pro Million Kubikfuss auf rund vier Dollar für die Gasnotierungen im nationalen Verteilzentrum Henry Hub. Die Heiz- und Stromrechnung privater Haushalte und Industriekunden ist inzwischen deutlich günstiger geworden, die Öl-Importe aus Saudi-Arabien sollen dank Erschliessung der neuen Erdgas-Reserven bis 2020 nach Berechnung des US-Energieministeriums gar halbiert werden. Europäische Gasverbraucher können davon nur träumen: Dort hat sich der Preis für importiertes Erdgas in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt.

130418_Schiefergasproduktion

130418_Erdas-Futures

Traumziel Energieunabhängigkeit
Die Energieabhängigkeit zu Russland und Ex-Sowjetstaaten weckt speziell in Europa Begehrlichkeiten, auch Schiefergasvorkommen zu nutzen. Vorreiter ist bislang Polen. Nach Gutachten verfügt das Land über die wohl grössten Schiefergasressourcen in Europa. Frankreich fordert hingegen ein EU-weites Verbot von Fracking. Andere Mitgliedsstaaten diskutieren Probebohrungen als Feldversuch. So manche Regierung träumt jetzt bereits laut von der Unabhängigkeit der nationalen Energieversorgung. In Deutschland betreibt der Energiekonzern Exxon Mobil seit geraumer Zeit eine grosse PR-Kampagne zum Thema Fracking. Erdgas «Made in Germany» deckt nach 2012er-Zahlen bereits 12% (entspricht einer Förderung von elf Milliarden Kubikmeter Erdgas) des deutschen Energiebedarfs. Anders als in den USA kann die Frac-Flüssigkeit im leichten deutschen Schiefergestein aus bis zu 99,8% Wasser bestehen. Damit sollen die Umweltfolgen deutlich geringer ausfallen.

«Infolge rasant steigender Fördermengen purzeln die Preise für Erdgas – aber nur in den USA.»

Verlockung am Bodensee
Inzwischen ist Fracking auch in der Schweiz ein Top-Thema. So sind unlängst Pläne von zwei britischen Unternehmen bekannt geworden, die in der deutschen Bodenseeregion mittels Fracking nach Erdgasquellen suchen. Das sorgt in der Bevölkerung und der Politik für rote Köpfe. Nationalrat Lukas Reimann (SVP) votierte dafür, dass «in der Schweiz ein Moratorium angestrebt wird, da der Bodensee für über vier Millionen Menschen als Trinkwasserspeicher dient» und forderte bilaterale Gespräche mit Baden-Würrtemberg. Peter Burri, Präsident der Schweizerischen Vereinigung von Energie-Geowissenschaftlern, gibt zu bedenken, dass «die Technologie sich in den letzten Jahren enorm entwickelt». Fracking der neuesten Generation kommt offenbar fast ganz ohne Wasser und Chemikalien aus.

«Produkte auf den NYSE Arca Natural Gas Index lieferten erstklassige Renditen.»

Trendwende eingeläutet
Die drastische Förderausweitung in den USA sorgte bei den Erdgasnotierungen für eine ausgeprägte Baisse. Die Kurse des nächstgelegenen NYMEX Henry Gas Natural Gas Future, dem weltweiten Gradmesser, fielen in zwei Schüben von USD 13.50 pro Millionen Btu auf knapp unter zwei Millionen Btu (siehe Grafik). Der massive Preiszerfall war einerseits der Finanzkrise und andererseits der aggressiven Förderung in den USA mittels Fracking geschuldet (siehe Grafik). Fracking brachte den USA, wie oben erwähnt, eine massive Entlastung ihrer Energieabhängigkeit, führte allerdings anfänglich zu Überkapazitäten. Dank dem leichten Konjunkturaufschwung hat sich die Lage in den vergangenen Monaten aber verbessert. Zuletzt sind die US-Erdgaslagerbestände stärker als erwartet zurückgegangen und festigten den Aufwärtstrend.

Hohes Preissteigerungspotenzial
Laut der Energie-Informationsadministration (EIA) lag die gesamte Lagermenge in den USA Mitte März bei 1.938 Billionen Kubikfuss. Im Jahresvergleich entsprach dies einem Rückgang um 440 Milliarden Kubikfuss. Damit liegt der Wert noch 198 Milliarden Kubikfuss über dem Fünfjahresschnitt. Aufgrund des strengen Winters in den USA, allgemein verstärkter Nachfrage sowie der allgemeinen Marktlage rechnet die EIA mit Preissteigerungen bis August bis nahe an die Marke von sechs USD pro Millionen Kubikfuss. Die Hausse beim Erdgas dürfte daher vorerst anhalten. Investitionen in den Energieträger haben jedoch ihre Tücken.

130418_Vergleich Gaspreise

Enttäuschung an der Produktfront

Tracker-Zertifikate auf den Erdgas-Future erwiesen sich in der Vergangenheit als Rohrkrepierer. Daran ist zum grössten Teil die übliche Terminkurve schuld, die seit Llangem in Contango notiert. Durch das Rollen vermindern sich die Partizipationsraten. Auch rolloptimierte Konzepte helfen Anlegern nicht wirklich weiter. Anlageprodukte wie ETCNGU auf den JPMorgan Commodity Curve Index Natural Gas TR Index, RICNU auf den RICI Enhanced Natural Gas TR Index oder TNGCI auf den UBS Bloomberg Natural Gas TR Index waren und sind keine Offenbarung. Sie hinken dem Kassakurs von Erdgas, langfristig betrachtet, gnadenlos hinterher.

Alternative Highlights

Einen Ausweg aus der Misere suchte der Tracker-Zertifikat VZGIU der Bank Vontobel, das je nach Situation entweder in den Rohstoff oder in einen Warenkorb aus Erdgasaktien investiert. Die Kombination schlägt zwar reine rohstoffbasierende Produkte, aber auch ihm gelingt es nur teilweise, mit dem Erdgas-Kassakurs Schritt zu halten. Ein Plus der Strategie ist die sehr geringe Schwankung. Ein Umstand, den die meisten Anleger sehr schätzen. Der dynamisch gesteuerte Switch konnte bislang aber noch keinen entscheidenden Vorteil erarbeiten gegenüber dem Tracker-Zertifikat XNGOE von Goldman Sachs, welches ausschliesslich auf Erdgasaktien abstellt. Der zugrunde liegende NYSE Arca Natural Gas Index umfasst 18 quartalsweise gleichgewichtete Aktien der höchstkapitalisierten Konzerne, die schwergewichtig in der Exploration, Produktion und Transport von Erdgas in den USA tätig sind und lieferte erstklassige Renditen. In jüngster Zeit hat der endlos laufende Tracker Konkurrenz erhalten durch zwei Basket-Zertifikate auf Gasaktien. TRKSHG, lanciert von der Credit Suisse, konzentriert seine zehnköpfige bis Februar 2016 laufende Auswahl (USA und China) auf das Teilsegment Schiefergas, während CTGAZ der Banque Cantonale Vaudoise seine achtköpfige Auswahl (Verfall 29. Januar 2016) mit Ausnahme des französischen Werts CGGVeritas aus Gasgesellschaften der USA rekrutiert. Alle drei Tracker dürften sich ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Wegen der stärksten Fokussierung besitzen aus unserer Sicht CTGAZ die besten Gewinnchancen. In den kommenden Monaten stimmen die Vorzeichen, dass Gas genügend Sauerstoff bekommt und beim Verbrennen eine blaue Farbe entsteht.

130418_Faktorzertifikate

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Ein Loblied den Hebelprodukten

Für eine möglichst optimale Partizipation an der Kursentwicklung des Erdgas-Kassakurses eignen sich Hebelprodukte der Kategorien Knock-out und Mini-Future am besten. Ihnen gelingt es nicht nur, mit dem Kassakurs mitzuhalten, sondern dank des Hebeleffektes diesen auch zu übertreffen. Dabei sind Knock-out-Zertifikate oder Long-Mini-Future mit tiefen Stopp-Loss-Limiten klar besser als Faktorzertifikate. Diese litten in den vergangenen Monaten unter ihrer Pfadabhängigkeit. Aus dem aktuellen Tableau im Sekundärmarkt gefällt MNG1G. Der Mini-Long der Bank Vontobel wurde im April 2012 praktisch beim Allzeit-Tiefst des Basiswertes lanciert. Es hat seit Anfang Mai klar die Nase vorn vor dem vierfach gehebelten Faktorzertifikat CBLNG4 der Commerzbank. Es schlägt inzwischen trotz der negativ zu Buche schlagenden Finanzierungskosten auch den Basispreis, während CBLNG4 immer noch die für diesen Typ ungünstige Seitwärtsbewegung der letzten Monate zu verdauen hat. Aufholen liesse sich der Rückstand nur bei einer anhaltenden Aufwärtsbewegung des Basiswertes. Das würde für eine exponentielle Entwicklung bei CBLNG4 führen, da Wertzuwächse immer zum Wert des Vortages hinzugerechnet werden. Anleger, die eher mit einer gemächlicheren Höherbewertung rechnen, sollten dem «vorsichtigeren» MNG1G die Stange halten.

«Für eine bestmögliche Partizipation am Erdgas-Preis eignen sich Knock-outs und Mini-Futures.»

Heisses Thema nicht nur für Anleger

Egal ob Anleger mit moderatem Risikobudget oder chancenorientierter Trader, der Zeitpunkt, am Comeback der blauen Flamme zu profitieren, erscheint derzeit sehr gut gewählt. Doch nicht nur für Investoren rücken der Gaspreis und die weiteren Entwicklungen der Energiewirtschaft in den Fokus. Interessanterweise hat auch Hollywood das Thema Erdgas und Fracking inzwischen auf der Agenda. Nach «Gasland» debütierte jüngst «Promised Land» (u.a. Matt Damon, Rosemarie DeWitt und John Krasinski) in den US-Kinos. Besonders pikant ist ein wenig kommuniziertes Detail: Dieser Anti-Fracking-Film wurde von Image Nation Abu Dhabi mitfinanziert, ein Staatsbetrieb des Emirats, welches OPEC-Mitglied und grösster Exporteur von Flüssiggas in die USA ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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KURZ ERKLÄRT

Fracking

Der Name leitet sich vom englischen «to fracture» ab – aufbrechen. Beim Verfahren werden unter hohem Druck Wasser, Sand und kleine Mengen Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen, damit das darin enthaltene Gas entweichen kann.

LNG

Erdgas bleibt auch unter hohem Druck gasförmig. Durch Abkühlen auf -162°C kann es jedoch verflüssigt werden, das Volumen reduziert sich so um den Faktor 600. Das heruntergekühlte, verflüssigte Methan wird als LNG (Liquefied Natural Gas) bezeichnet und mit speziellen Tankschiffen transportiert. Nach Entladen wird das flüssige Erdgas wieder in den gasförmigen Zustand gebracht und so ins Leitungsnetz eingespeist.

 CNG

Der unter der Bezeichnung CNG (Compressed Natural Gas) verfügbare Kraftstoff basiert ebenfalls auf Methan. Es wird in zwei Qualitäten angeboten: H-Gas und L-Gas. Das teurere H-Gas verfügt über einen höheren Heizwert und ermöglicht so grössere Reichweiten als mit der gleichen Menge L-Gas.

LPG

Unter der Bezeichnung LPG (Liquefied Petroleum Gas) wird eine Mischung aus Propan und Butan bezeichnet. Dieser Flüssiggas-Kraftstoff kann direkt bei der Förderung von Erdöl und Erdgas aus dem Boden oder indirekt als Nebenprodukt in der Ölraffinerie gewonnen werden.

BTU     

Bei der Britisch Thermal Unit handelt es sich um eine Einheit der Energie. Der Erdgas-Verbrauch wird in der Regel in Millionen BTU angegeben, dabei entspricht eine Million BTU 293,06 Kilowattstunden oder 26,4 Kubikmeter Gas.

Kubikfuss

Ein Kubikmeter entspricht 35,3 Kubikfuss oder 1,3 Kubikyards. Ein Kubikmeter entspricht 1’000 Liter oder einer Million Kubikzentimeter.

 

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