CS-Konzernchef Tidjane Thiam bringt Beschattungsaffäre zu Fall

Tidjane Thiam
Tidjane Thiam. (Foto: World Economic Forum / Boris Baldinger)

Zürich – Die Beschattungsaffäre bei der Credit Suisse ist dem Konzernchef zum Verhängnis geworden. Bis heute betont Tidjane Thiam nichts gewusst zu haben, dennoch muss er jetzt seinen Hut nehmen. Nachfolger wird Schweiz-Chef Thomas Gottstein. Die Anleger reagieren negativ.

Nach monatelangen Spekulationen und Aufforderungen zum Rücktritt in verschiedenen Medien kommt es zum Machtwechsel bei der zweitgrössten Schweizer Bank. Thiam tritt in einer Woche zurück. Vorher soll er noch am Donnerstag wie geplant das Jahresergebnis 2019 präsentieren. Danach werde er die Credit Suisse verlassen, teilte das Geldhaus am Freitag mit.

Der Verwaltungsrat habe in einer Sitzung am Vortag einstimmig den Rücktritt von Thiam angenommen und Gottstein zum neuen CEO der Credit Suisse ernannt, hiess es.

Rohner: Wechsel unausweichlich
Dazu sagte VRP Urs Rohner im Radio SRF: Ab einem gewissen Punkt habe man feststellen müssen, „dass wir aus dieser Situation so nicht herauskommen, ausser man macht einen Wechsel“.

Übereinkunft mit Verwaltungsrat
Thiam liess sich mit folgenden Worten in der Mitteilung zitieren: „Ich bin mit dem Verwaltungsrat übereingekommen, dass ich die Bank verlassen werde.“ Er betonte zwar erneut, dass er nichts von den Beschattungen von zwei Top-Managern gewusst habe, deren Bekanntwerden seit dem Herbst 2019 für grosse Aufregung gesorgt hatte. „Ich hatte keinerlei Kenntnisse von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen.“

Aber: Zweifellos habe dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt. „Ich bedauere das Vorgefallene, und es hätte nie passieren dürfen.“ Er sei gleichzeitig auch „stolz darauf, was das Team während meiner Zeit erreicht hat.“

Thiam kam im Juli 2015 vom britischen Versicherer Prudential zur Credit Suisse und wurde damit Nachfolger von Brady Dougan. Dieser hatte die Bank acht Jahre geleitet. Insgesamt war der Amerikaner 25 Jahre für die CS tätig.

Skandal weitet sich aus
Im vergangenen September war bekannt geworden, dass die Credit Suisse den früheren Top-Manager Iqbal Khan von Privatdetektiven beschatten liess. Eine Untersuchung ergab allerdings, dass der mittlerweile entlassene COO Pierre-Olivier Bouée in Eigenregie handelte. CEO Thiam soll der Untersuchung zufolge tatsächlich nichts davon gewusst haben.

Seither berichteten verschiedene Medien immer wieder über neue Details zur Affäre. Kurz vor Weihnachten flog dann auf, dass die Beschattung Khans kein Einzelfall war, sondern auch Personalchef Peter Goerke ebenfalls überwacht worden war. Auch Greenpeace soll ausspioniert worden sein, wie die „Sonntagszeitung“ berichtete.

Ausserdem wirft eine ehemalige US-Mitarbeiterin der Credit Suisse vor, dass sie 2017 während einer Auseinandersetzung mit der Bank von dieser in New York überwacht worden sei. Die CS erklärte dazu, eine Untersuchung habe keinerlei Hinweise gefunden, dass ihre Anschuldigungen wahr seien.

Staatsanwaltschaft und Finma untersuchen
Khan, der mittlerweile zur Konkurrentin UBS als Co-Leiter die weltweite Vermögensverwaltung gewechselt ist, hatte im September Strafanzeige erstattet. Daraufhin wurde ein Strafverfahren eröffnet, wie die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich gegenüber der Nachrichtenagentur AWP bestätigte. Es werde geprüft, ob sich jemand in Zusammenhang mit der Überwachung eines strafrechtlich relevanten Fehlverhaltens schuldig gemacht habe.

Zudem hat die Finanzmarktaufsicht Finma im Zusammenhang mit der Beschattungsangelegenheit eine Untersuchung eingeleitet. Auch die CS-interne Untersuchungen liefen weiter, bestätigte ein Sprecher zuletzt.

Der Verwaltungsrat sprach derweil Präsident Urs Rohner am Freitag das Vertrauen aus. Roche-Konzernchef Severin Schwan, der bei der CS Vizepräsident und „Lead Independent Director“ ist, erklärte, Rohner habe das Gremium „während dieser turbulenten Zeit in anerkennenswerter Weise geführt“. Alle Schritte des Verwaltungsrates seien einstimmig erfolgt nach sorgfältigen Beratungen. Man spreche dem Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner das volle Vertrauen aus und erwarte, dass dieser sein Amt bis April 2021 ausüben werde.

Auf Konfrontation mit Aktionären
Das ist insofern brisant, als dass auch Rohner in den vergangenen Monaten stark unter Beschuss gekommen war. Erst am (gestrigen) Donnerstag forderte erneut der Westschweizer Stimmrechtsberater Ethos seinen Rücktritt. Verschiedene Grossaktionäre hatten sich zudem für Thiam ausgesprochen. Sollte Rohner Thiam nicht weiterhin unterstützen können, solle er darüber nachdenken, seinen Posten vorzeitig zu verlassen, hiess es etwa in einem Statement des britischen Grossaktionärs Silchester International Investors vom Mittwoch.

Auch der Vertreter des grössten CS-Aktionärs, David Herro vom US-Fondsmanager Harris Associate, drohte Rohner mit der Abwahl, falls es an der operativen Spitze der Grossbank zum Führungswechsel kommen sollte, wie das Onlinewirtschaftsportal „The Market“ schrieb.

Rohner ist seit 2009 Verwaltungsratsmitglied der Grossbank und seit 2011 deren Präsident. Eigentlich müsste er spätestens zur Generalversammlung 2021 abtreten, da er dann die maximale Amtszeit von zwölf Jahren im Gremium erreicht hat.

Interne Lösung
Rohner selbst wünschte Thiam für die Zukunft alles Gute und lobte am Freitag dessen Leistungen in den vergangenen viereinhalb Jahren: „Tidjane Thiam hat der Credit Suisse einen enormen Beitrag geleistet, seit er 2015 zu uns gestossen ist.“ Es sei klar sein Verdienst, dass die Bank heute wieder als grundsolide Bank dastehe und in die Gewinnzone zurückgekehrt sei.

Unter Thiam seien die Kapitalreserven gestärkt, Kosten reduziert, Risiken abgebaut, Vielfalt gefördert und ein ausserordentlich hoher Grad der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen erzielt worden. Die Credit Suisse sei nun gut aufgestellt und habe eine Vielzahl von begabten Mitarbeitenden, die auf seinen Erfolgen aufbauen könnten.

Der neu Chef Gottstein verfügt indes über 30 Jahre Bankerfahrung, mehr als 20 Jahre verbachte er davon bei der CS. Gottstein bedankte sich beim Verwaltungsrat für das entgegengebrachte Vertrauen. Sein Nachfolger als CEO der Credit Suisse (Schweiz) AG wird André Helfenstein, der damit auch in die Konzernleitung eintritt. Bisher war dieser das Geschäft mit institutionellen Kunden in der Schweiz verantwortlich.

An der Schweizer Börse gewannen die Aktien der Bank am Freitag leicht, nachdem sie im frühen Handel noch um rund 5 Prozent abgegeben hatten. (awp/mc/pg)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.