Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Globales Risiko

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), bezeichnete am Rande des WEF in Davos die Geldpolitik als Gefahr für die Weltwirtschaft. Das ist ein beachtenswertes Votum für eine öffentlich exponierte Person, die in den letzten Jahren nie als grosse Kritikerin der Politik der offenen Geldschleusen aufgefallen ist. Aber nur auf den ersten Blick. Denn genau genommen gilt ihre Sorge gar nicht dem expansiven Kurs der Notenbanken sondern der sogenannten Divergenz, dem Auseinanderdriften der Geldpolitik dies und jenseits des Atlantiks. Auch sie reiht sich damit in die Truppe derer ein, die übertriebenen Respekt vor der geldpolitischen Normalisierung haben.  

Wie schon mehrfach in dieser Kolumne ausgeführt, ist es bedenklich, wenn die gesamte Finanzgemeinschaft wegen einem bisschen höheren Zinsen in Panik gerät. Aber bekanntlich reagiert an den Finanzmärkten nicht die Vernunft und eine Zinssenkung um ein Viertelchen kann ja auch schon mal eine Börsenrally hervorrufen. Wieso also nicht auch andersrum? In Tat und Wahrheit geht es um etwas ganz Anderes. Nach über acht Jahren Grosseinsatz ist die Geldpolitik am Ende ihres Lateins. Nur wollen das die Geldhüter weder dem Markt geschweige denn sich selbst eingestehen. Der Markt möchte davon am liebsten sowieso gar nichts wissen, hat er sich doch nahezu zehn Jahre ausschliesslich auf die Geldpolitik verlassen.

Die berühmte Stunde der Wahrheit, sprich die zum GAU hochstilisierte Zinswende in den USA, hat nun aber doch mehr bewirkt, als ursprünglich angenommen. Nicht wegen des Ausmasses, sondern wegen des Timings. Denn just nach dem kleinen Richtungswechsel der US-Notenbank kamen die Märkte ins Trudeln wie noch nie zu einem Jahresauftakt. Das ist wohl weniger dem Zinsschritt selbst zuzuschreiben, sondern eher der Sorge, dass die Wirtschaft bald schon wieder alleine laufen soll, und die Märkte ihr das noch nicht oder nicht mehr zutrauen. Das zögerliche Vorgehen Janet Yellens in den letzten Monaten, namentlich das ständige Aufschieben der längst erwarteten Zinserhöhung und schier endlose Lamentieren darüber, ob die US-Wirtschaft das Viertelchen verkraften wird, hat mehr verunsichert als beruhigt. So sehr, dass sich nun die halbe Welt Gedanken darüber macht. Das wäre heute kaum der Fall, hätte die Fed schon früher den Schneid aufgebracht, die Normalisierung einzuleiten. Jetzt ist es zu spät dafür und darum ist jetzt auch Feuer unterm Dach. Eine Konjunkturschwäche – so das allgemeine Credo an den Märkten – wäre nun Gift, liesse sie sich doch kaum mehr mit monetären Mitteln beilegen.

Super Mario gibt nicht auf
Mario Draghi lässt das alles kalt, genauso wie seinen japanischen Amtskollegen Haruhiko Kuroda. Unbeirrt fahren beide weiter auf Expansionskurs. Draghi hatte Anfang Dezember angedeutet, sein riesiges Anleihenkaufprogramm eventuell auszuweiten. Und er dozierte – nachdem die Märkte nach der EZB-Pressekonferenz Anfang Dezember einbrachen – die Finanzmärkte würden seine Politik unterschätzen. Auch die japanische Notenbank könnte angesichts der Marktverwerfungen und der harschen Korrektur an den Börsen versucht sein, nochmals nachzulegen. So ist den beiden wenigstens der kurzfristige Applaus der Finanzmärkte sicher, egal wie schnell der Stimulus verpufft und darauf legen sie es wohl auch an. Letzte Woche machte der Nikkei in Japan einen Riesensatz, nur allein weil die Hoffnungen einer geldpolitischen Lockerung die Marktteilnehmer blendeten.

Dabei wäre es eher angebracht, sich Gedanken darüber zu machen, wieso die Geldpolitik immer mehr auf Granit beisst und in der Realwirtschaft gar nicht richtig ankommt. Die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik ist angekratzt, weil die Geldpolitik sich zu stark – um nicht zu sagen ausschliesslich – auf die Finanzmärkte konzentriert und sich auf Nebenkriegsschauplätzen aufhält, auf denen sie nichts bewirken kann. Stichwort Preisniveaustabilität bzw. die leidige Diskussion um die Deflation. Wer glaubt denn noch daran, dass es den Geldhütern nach achtjähriger Improvisation gelingt, die Inflation exakt so zu steuern, dass sie bei den jeweiligen Zielwerten landet? Nur sagen tut es niemand, denn die Geldhüter sind im Gegensatz zur Exekutive Eminenzen, die zu kritisieren dem Normalbürger nicht ansteht. Auch wenn sie erfolglos gegen Windmühlen kämpfen. Das ist der Unterschied zwischen Geldhüter und Politiker.  (Raiffeisen/mc/ps)

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