Die Sicht des Raiffeisen Chef-Ökonomen: Trotzdem Performance

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – So turbulent es 2014 auch zugegangen sein mag an den Finanzmärkten, die stattliche Performance von festverzinslichen Papieren oder Aktien entschädigte die Anleger für die nervenaufreibende Berg- und Talfahrt der Kurse im Jahresverlauf. Schon allein daher lohnt es sich, einen Blick zurück zu werfen.

Vor einem Jahr lag die Rendite für 10jährige Anleihen der Schweizer Eidgenossenschaft bei rund 1.3%. Heute liegt dieser Wert noch bei knapp einem Viertel des damaligen Niveaus. Die sensiblen Bondmärkte haben demnach 2014 nochmals einen Kurswechsel vollzogen. Im Mai 2013 hatte es danach ausgesehen, als hätten die Märkte nach der Ankündigung Ben Bernankes, das Quantitative Easing durch die Fed sukzessive zurückzufahren, die Zinswende vollzogen. Die zweite Jahreshälfte war geprägt von weltweit steigenden Langfristrenditen, die gegen Ende 2013 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Danach ging es faktisch nur noch bergab und das in einem Ausmass, das selbst die kühnsten Prognostiker nicht erwartet hatten.

Der Jahresstart war überschattet von Protesten in der Ukraine gegen die Regierung. Im Februar bereiteten Unruhen in Thailand und der Konflikt in Zentralafrika Kopfschmerzen, bevor im März die Krimkrise ausbrach, die zur Annexion der Halbinsel im Schwarzen Meer durch Russland führte. Danach ging es Schlag auf Schlag. Palästina stand im Fokus des Weltgeschehens, dazu kam der Vormarsch des IS in Syrien und nordkoreanisches Säbelrasseln – Ebola beschäftigte die Finanzmärkte ebenso. Doch auch wenn der explosive geopolitische Cocktail immer wieder zu Kursrückschlägen führte, konnte er den Trend der Märkte nach oben nicht brechen.

Konjunktur und Geldpolitik
Als Gradmesser für geopolitische Richtungsänderungen taugen die Börsen nur selten. Ein etwas besseres Gespür haben die Finanzmarktaktteure für den Gang der Wirtschaft. Und auch der bereitete 2014 zusehends Sorgen. Namentlich Europa kam im letzten Jahr nicht richtig vom Fleck und verlor im Jahresverlauf Tempo, das es eigentlich noch gar nicht richtig aufgenommen hatte. Die Eintrübung der Perspektiven der Wirtschaft im Euroraum und die gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass Russland in eine tiefe Rezession abgleitet, werden Hauptthemen 2015 sein. Ein steter Wegbegleiter wird die desaströse Lage der öffentlichen Haushalte in Europa und den übrigen Industrieländern sein. Der Kurssturz im Sommer und das kurze Beben an den Finanzmärkten in der ersten Oktoberhälfte haben die diesbezügliche Anfälligkeit der Börsen deutlich unter Beweis gestellt.

Unter der Annahme, dass die diversen schwelenden geopolitischen Konfliktherde nicht weiter eskalieren, wird die Politik 2015 an den Finanzmärkten nicht die Hauptrolle spielen – ausgenommen die Geldpolitik, die selbstverständlich vor allem in den USA deutlich ins Visier genommen wird. Denn deren geldpolitischer Vorsprung auf Europa hat deutlich zugenommen, die hohen Dollarnotierungen sind Zeuge dafür. Auch wenn die EZB eine schwere Hypothek geldpolitischer Forderungen und Versprechungen bedienen muss und immer wieder für Schlagzeilen sorgen wird, ist der Blick der Märkte auf Anfang 2015 – zumindest was die Geldpolitik betrifft – eindeutig auf die USA gerichtet.

Die amerikanische Notenbankchefin wird sehr wahrscheinlich schon demnächst das Timing des geldpolitischen Kurswechsels zumindest ansatzweise konkretisieren und die Bedingungen genauer festlegen, welche an den Ausstieg gekoppelt sind. Dies ist notwendig, um den Märkten die notwendige Orientierung zu erleichtern.
Zuletzt hatten Äusserungen der Notenbankspitze eher zu Irritationen geführt als zu Klarsicht.

Nicht Neues 2015: Aktien bevorzugt
Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir auch 2015 ein Jahr erleben, in dem es turbulent zugehen wird, zumindest die Börsen aber nochmals zulegen werden. Auch wenn es in den USA das siebte Jahr des Booms wäre, eine ungewöhnlich lange Phase, spricht 2015 wieder alles für die Aktie. Mit der nahenden Zinswende am langen Ende, eingeleitet in den USA, dürften die Rentenmärkte 2015 keine attraktiven Renditen mehr abwerfen, die meisten Dividendenpapiere hingegen schon. Aktien sind damit als Anlageklasse gesetzt, wobei Korrekturen jeweils Gelegenheit bieten, selektiv Titel zuzukaufen. Nach der harschen Korrektur der Rohstoffpreise sind auch die Rohwarenmärkte wieder attraktiv bewertet.

Sollte Europas Konjunktur tatsächlich endlich positive Signale aussenden, könnte namentlich der Ölpreis sehr rasch wieder Aufwind erhalten. Das jetzt erreichte tiefe Niveau ist einerseits ein phänomenales Konjunkturprogramm. Es bringt aber andererseits die Erdölindustrie in Schwierigkeiten, was auf Grund deren Grösse und Bedeutung wiederum zu einem Risiko für die Weltkonjunktur werden könnte. Hier wird 2015 ein neues Gleichgewicht gefunden werden müssen, was für Unsicherheit an den Märkten sorgen dürfte. Trotzdem dürfte nervenstarke Anleger in risikoreicheren Anlagen 2015 nochmals mehr verdienen, nur schon mangels Alternativen. Das ist zwar kein starkes Argument für eine Rallye, aber eins gegen einen Absturz an der Börse. (Raiffeisen/mc/pg)

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