Jörg Wild, Vorsitzender der Geschäftsleitung Elektrizitätswerk Altdorf AG, im Interview

Jörg Wild

Jörg Wild, Vorsitzender der Geschäftsleitung Elektrizitätswerk Altdorf AG. (Foto: EWA)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Wild, das Elektrizitätswerk Altdorf bietet drei Spezialstromsorten an, eine aus 100% lokaler Wasserkraft, eine aus 100% erneuerbaren Energien und eine 100% Solar. Ich nehme an, in der zitierten Reihenfolge staffelt sich auch die Nachfrage?

Jörg Wild: Dies ist – zumindest für das Privatkundensegment – korrekt.

Liegt die Zukunft des Strommarketings in so extrem differenzierten Preismodellen?

Wir orientieren uns bei der Produktgestaltung an den Kundenbedürfnissen. Ein Trend zu lokal hergestellten, ökologischen Produkten lässt sich generell feststellen. Aus diesem Grund haben wir uns schon früh entschieden, unseren Kunden eine Produktpalette mit einheimischem, erneuerbarem Strom anzubieten.

Welche Rolle spielen für die EWA denn Riesenkunden wie etwa Daetwyler?

Mit unseren Grosskunden pflegen wir seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit. Wir sind bestrebt, unseren Kunden optimal auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Und hier können wir ein breites Spektrum anbieten: Einheimischer Ökostrom, Bau und Betrieb von Leitungen und Trafostationen in Industrienetzen, Elektro-Gebäudetechnik, Schaltanlagenbau, Glasfaserleitungen, Fernsteuerung und Fernüberwachung ab Leitstelle, 24-h-Pikettdienst, Energieberatungen und Spezialmessdienstleistungen wie Thermographie sowie über unsere Tochterfirma ComDataNet AG eine breite Palette von IT- und Telekomdienstleistungen bis hin zur Cloud-Lösung aus einer Hand.

Auch in Zukunft dürfte der meiste Strom aber Standardstrom bleiben, oder geht die Tendenz zum nur 0,3 Rappen teureren URstrom?

Das Produkt URstrom aus 100 % Wasserkraft hat sich seit seiner Lancierung sehr erfreulich entwickelt. Dies gilt insbesondere für die Gewerbe- und Industriekunden: In diesem Segment liefern wir bereits rund 70 % des Stroms in der Qualität URstrom. Viele grössere Kunden – wie etwa Daetwyler – legen grossen Wert auf die ökologische Qualität der Rohstoffe, die sie verwenden. Hier haben wir ein höchst attraktives Produkt geschaffen.

«Der „Saison-Strom“ ist als Nischenprodukt für Kunden gedacht, die Strom nur im Sommer benötigen.»
Jörg Wild, Vorsitzender der Geschäftsleitung Elektrizitätswerk Altdorf AG

Nutzen viele Ihrer Kunden den „Saison-Strom“ mit seinem doppelt so hohen Winterpreis?

Der „Saison-Strom“ ist als Nischenprodukt für Kunden gedacht, die Strom nur im Sommer benötigen, weil sie beispielsweise im Winter auf andere Energieträger umsteigen können. Er hat ein treues Kundensegment.

Wie sicher ist denn der Solarertrag im Kanton Uri?

Der Solarertrag im Kanton Uri ist vergleichbar mit anderen Gebirgskantonen. Aktuell liegt der Beitrag der Solarenergie zur gesamten Stromproduktion im Promillebereich. Unsere eigene Strategie setzt den Fokus auf die erneuerbare Energieform, die im Kanton Uri absolut dominant ist: Die Wasserkraft. Mit unserem Park von einem Dutzend Wasserkraftwerken produzieren wir jährlich rund 250 Millionen kWh.

Einen guten Teil des Stromes muss das EWA aber „importieren“, die Fremdbeschaffung macht etwa 200 von 400 Millionen kWh aus. Wird sich dieser Anteil mit zunehmender Privateinspeisung und vor allem dank der neuen Kraftwerke Bristen und Gurtnellen deutlich vermindern?

Das Neubauprojekt Bristen wird den Anteil der lokalen Produktion um rund 14 Millionen kWh erhöhen. Beim Projekt in Gurtnellen handelt es sich um den merklichen Ausbau eines bestehenden Werks.

Wie „steinschlagsicher“ werden eigentlich die neuen Kraftwerke sein?

Wir gehen von keinen grösseren Risiken aus. Das Kraftwerk Gurtnellen besteht schon seit 116 Jahren an diesem Standort. Beim Kraftwerk Bristen wurden im Gebiet der Wasserfassung Felssicherungsmassnahmen getroffen.

«Bei Wetter-Extremereignissen bleibt unser Netz auch in Zukunft stärker exponiert als ein Verteilnetz im Mittelland.»

2015 dauerte die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung nur noch 4 Minuten pro Kunde. Ein stolzer Wert für einen steilen Bergkanton. Wieviel kostet Sie diese Versorgungssicherheit pro Jahr?

In den letzten Jahren haben wir bei unserem Verteilnetz ein Asset-Management-System aufgebaut, mit dessen Hilfe wir Investitionen zielgerichteter dort realisieren können, wo sie bezüglich Versorgungsqualität den höchsten Beitrag leisten. Dadurch ist es uns gelungen, die Zahl und Dauer der Unterbrechungen auf ein sehr niedriges Niveau zu senken. Und dies ohne Anstieg des Verteilnetz-Investitionsbudgets. Allerdings dürfen wir uns nichts vormachen: Bei Wetter-Extremereignissen bleibt unser Netz auch in Zukunft stärker exponiert als ein Verteilnetz im Mittelland.

In Sawiris Andermatt-Ressort kommt auch Ihr Gebäudetechnik-Team zum Einsatz. Wie wichtig sind solche Grossprojekte für Ihr Geschäft? Das EWA arbeitet ja auch bei der NEAT mit.

Unsere Elektro-Gebäudetechnik hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Wir haben inzwischen ein Team von deutlich über 100 Fachleuten (inkl. Lernende) in diesem Bereich. Dazu kommen über 40 ICT-Fachleute in unserer Tochterfirma ComDataNet AG. Damit sind wir bestens in der Lage, auch grössere Projekte erfolgreich zu realisieren. Wir haben uns dabei auf Nischen spezialisiert, in denen wir das hervorragende Know-how und die grosse Zuverlässigkeit unsere Mitarbeitenden optimal einsetzen können: Konkret sind dies beispielsweise Projekte im Bahn- und Strasseninfrastrukturbereich. Dass wir sowohl beim NEAT-Jahrhundertprojekt als auch beim innovativen Tourismusresort in Andermatt unseren Beitrag leisten dürfen, erfüllt uns mit Stolz.

Aber auch bei der intelligenten Gebäudetechnik im Wohn- und Gewerbebereich sehen wir Wachstumspotenzial. Mit unserem eigenen eHome-Beratungscenter sind wir in der Lage, den Kunden das „Smart Home“ eins zu eins erleben zu lassen. Elektrogeräte, Beleuchtung, Heizung, Markisen, Multimedia, Zutrittskontrolle, Videoüberwachung et cetera können vom Mobiltelefon oder Tablet gesteuert und überwacht werden.

«Dass wir sowohl beim NEAT-Jahrhundertprojekt als auch beim innovativen Tourismusresort in Andermatt unseren Beitrag leisten dürfen, erfüllt uns mit Stolz.»

Das EWA baut und unterhält auch Anlagen zur öffentlichen Beleuchtung. Wie hoch ist denn mittlerweile der generelle Umsatzanteil Ihres Service-Geschäfts?

Das Dienstleistungsgeschäft ist nach wie vor durch das Projektgeschäft dominiert. Getreu unserem Versprechen „Power Service 24“ wachsen wir aber auch im Service-Geschäft.

Das Biomassekraftwerk Green Power Uri wurde am 3. November 2012 durch einen spektakulären Grossbrand zerstört. Wird es in absehbarer Zeit ein neues alternatives Kraftwerk dieser Art im Kanton geben?

Aufgrund verschiedener Überlegungen hat sich der Verwaltungsrat der Green Power Uri AG entschieden, auf einen Wiederaufbau zu verzichten. Am ehemaligen Kraftwerkstandort werden schon bald eine Grosstierklinik und eine Radsporthalle ihre Türen öffnen.

Zur Person:
Jörg Wild (Jahrgang 1968) schloss sein Volkswirtschaftsstudium an der Universität Zürich mit einer Doktorarbeit zum Thema Strommarktliberalisierung ab. Nach einer Forschungsstelle am Centre for Energy Policy and Economics der ETH Zürich war er während 6 Jahren in verschiedenen Funktionen bei Plaut Economics in der Beratung von internationalen Energieversorgern und -verbänden tätig, zuletzt als stellvertretender Leiter. Seit Juli 2007 ist Jörg Wild Vorsitzender der Geschäftsleitung der Elektrizitätswerk Altdorf AG (EWA). Er ist zusätzlich Verwaltungsratspräsident der ComDataNet AG und der Kraftwerk Schächental AG sowie Verwaltungsratsmitglied der Lisag AG, der Kraftwerk Bristen AG und der Kraftwerk Gurtnellen AG. Daneben präsidiert Jörg Wild die Regulierungskommission des Verbands Schweizerische Elektrizitätsunternehmen (VSE) und engagiert sich im Vorstand von Wirtschaft Uri.

Zum Unternehmen:
Die EWA-Gruppe zählt rund 300 Mitarbeitende, inklusiv Lernende. Am Aktienkapital von 20 Millionen Franken ist die öffentliche Hand (Kanton Uri, Korporation Uri und Gemeinden) mit 38 Prozent beteiligt. Der grösste Aktionär sind die CKW mit rund 62 Prozent. Neben der Elektrizitätsversorgung betreibt das EWA ein sehr umfangreiches Dienstleistungsangebot in Energie, Gebäudetechnik (inklusive Elektrogerätehandel) und Netzbau. Im Bereich ICT, IT und Multimedia gibt es mit der ComDataNet AG ein starkes Tochterunternehmen.

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