SGKB Investment views: Die Welt hängt am Öl

Thomas Stucki

Von Thomas Stucki, CIO St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Der Titel «Die Welt hängt am Öl» ist nicht neu, wird heute jedoch anders interpretiert als früher. Es ist nicht mehr die wirtschaftliche Abhängigkeit der Industrieländer von einer sicheren Versorgung mit der wichtigsten Energiequelle, sondern die Angst, dass der unkontrollierte Fall des Ölpreises zuerst die Finanzmärkte und dann die Realwirtschaft ins Elend treibt.

Dabei gilt eigentlich der ökonomische Grundsatz, dass eine Verbilligung der Energiepreise auf die Wirtschaft den gleichen Effekt hat wie eine Senkung der Steuern. Die Konsumenten haben dank der tieferen Preise für Benzin oder Heizöl mehr Geld für andere Konsumgüter zur Verfügung und die Unternehmen profitieren von tieferen Produktionskosten. Soweit die ökonomische Theorie. Die „Steuersenkung“ zeigt sicherlich auch ihre Wirkung, solange der Rückgang der Energiepreise nicht apokalyptische Ausmasse annimmt und einigermassen kontrolliert abläuft.

Rohöl heute billiger als in den 80er Jahren
Seit Mitte 2014 ist der Preis für ein Fass Rohöl je nach Marke aber um 75% gesunken, wobei der Fall des Preises je länger je unkontrollierter verläuft. Auf realer Basis kostet das Öl heute weniger als in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Immer tiefere Prophezeiungen machen die Runden. Mit einer Prognose von 20 Dollar pro Fass fällt man nicht mehr auf. Deshalb werden bereits 15 Dollar oder 10 Dollar propagiert.

Der Preis ist so stark gefallen und die Aussichten für die nächsten Monate so ungewiss, dass sie strukturelle Veränderungen auslösen, welche die positiven Impulse der tieferen Energiepreise mehr als kompensieren. Die Unternehmen der Energiebranche sind nicht mehr in der Lage, sich den veränderten Rahmenbedingungen in der notwendigen Geschwindigkeit anzupassen. Dies ist vergleichbar mit der Lage der schweizerischen Exportindustrie bei einem sprunghaften Anstieg des Frankens.

Das gleiche gilt in einem noch stärkeren Ausmass für Länder wie Russland, Brasilien oder auch Saudi Arabien, die auf die Einnahmen aus der Ölförderung angewiesen sind. Sie versuchen, mit einer Ausweitung der Produktion die Einnahmen zu halten mit dem fatalen Ergebnis, dass das Überangebot noch grösser wird und der Preis noch weiter fällt. Zudem wird der Druck auf die Zulieferer, in erster Linie die Hersteller der Förderindustrie, weitergegeben, indem die Investitionen gestoppt werden. Diese wiederum geben die Probleme an ihre Zulieferer weiter und so fort. Die Folge ist, dass viele Ressourcen in der Wirtschaft falsch zugeteilt sind und im Rahmen des Strukturwandels neu ausgerichtet werden müssen. Solche Strukturwandel gehen immer mit einem Rumpeln über die Bühne, insbesondere wenn sie rasch erfolgen.

Wann stabilisiert sich der Markt?  
Die grosse Mehrheit der Leute ist aber davon nicht direkt betroffen und müsste eigentlich vor allem von den tieferen Energiepreisen profitieren. Nun kommt die psychologische Komponente ins Spiel. Die Flut an negativen Meldungen aus dem Energiesektor und den indirekt betroffenen Bereichen schafft ein Umfeld der Unsicherheit, das lähmend wirkt. Es wäre deshalb für alle gut, wenn sich der Ölmarkt stabilisieren würde. Es braucht keine grosse Gegenbewegung und einen raschen Wiederanstieg des Preises. Stabile Preise und ein Abflauen der negativen Meldungsflut genügen. Der notwendige Strukturwandel kann dann einigermassen geordnet ablaufen und die positiven Wachstumsimpulse der gesunkenen Energiesteuer für die Wirtschaft als Ganzes können sich entfalten. (SGKB/mc/ps)

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