SGKB Investment views: Freitag, 3. Juni, 14.30 Uhr

Thomas Stucki
Thomas Stucki, CIO St. Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

Von Thomas Stucki, CIO St. Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Am nächsten Freitag um 14.30 Uhr wird die Finanzwelt wie jeden ersten Freitag im Monat gebannt auf die Bildschirme schauen. In den USA wird der Arbeitsmarktbericht für den Mai veröffentlicht. Besonders heiss diskutiert wird dann wieder die Zahl der im Mai geschaffenen oder eben nicht geschaffenen neuen Stellen. Viele Analysten gehen davon aus, dass diese eine Zahl darüber entscheidet, ob die Fed Mitte Juni ihre Leitzinsen anheben wird oder nicht. So einfach ist die Welt von Janet Yellen und ihren Kollegen glücklicherweise aber nicht.

Es ist erstaunlich, wie viel Gewicht die Finanzwelt diesen «Non Farm Payrolls» gibt. Die Schwankungen von Monat zu Monat sind sehr gross und die Erhebung unzuverlässig. Für den Mai werden 160’000 neue Stellen erwartet. Aufgrund eines Streiks beim Telekommunikationskonzern Verizon fielen im Mai aber rund 40’000 Stellen weg, welche die Statistik negativ belasten. War das Wetter aussergewöhnlich gut oder schlecht, beeinflusst das die Arbeit auf den Baustellen um mehrere Tausend Stellen, die vorübergehend aufgehoben oder wieder neu geschaffen werden. Zudem werden die Daten nachträglich oft um Zehntausende von Stellen nach oben oder unten korrigiert.

Beschränkte Aussagekrafft der absoluten Zahl der „Non Farm Payrolls“
Die wahrscheinlich grösste Fehlerquelle liegt aber in der saisonalen Adjustierung, welche mehrere Hunderttausend Stellen betrifft. Sind die auf der Basis der Vergangenheit ermittelten Adjustierungsfaktoren nicht passend, kann das die effektive Situation entscheidend falsch darstellen. Dies gilt insbesondere für die Sommermonate, wenn die grossen Autofirmen ihre Produktion auf die neuen Modelle umstellen und zwischenzeitlich die Arbeiter in den Fabriken entlassen.

Die Faszination der Non Farm Payrolls liegt aber gerade in ihrer Publikation als absolutem Wert. Würden sie in Prozent der Beschäftigten dargestellt, wären die monatlichen Veränderungen in der ersten Stelle nach dem Komma erkennbar.

Aussagekräftigerer Trend
Wenn überhaupt, ist nur aus dem mittelfristigen Trend etwas herauszulesen. Wenn man jeweils den Durchschnitt der letzten sechs Monate heranzieht, werden in den USA seit mehr als zwei Jahren im Monatsschnitt über 200’000 neue Stellen geschaffen. Dies war letztmals in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre der Fall. Auf Dauer ist ein Stellenwachstum in dieser Höhe nicht haltbar, da die Arbeitslosenrate in einem solchen Umfeld stetig sinkt und es zunehmend schwierig wird, gut ausgebildete Facharbeiter zu finden. Die Zahl der offenen Stellen befindet sich mit 5.76 Millionen bereits auf einem sehr hohen Niveau. Früher oder später werden deshalb die Non Farm Payrolls wieder auf ein Gleichgewichtsniveau von durchschnittlich 100’000 bis 150’000 Stellen pro Monat sinken müssen.

Diesen Argumenten ungeachtet werden auch am nächsten Freitag die Finanzmärkte kurzfristig wieder hektische Ausschläge erfahren, wenn der publizierte Wert ein paar Tausend Stellen über oder unter den erwarteten 160’000 sind. Janet Yellen wird den Arbeitsmarktbericht auch studieren. Es wird im Bericht für sie aber wichtigere Angaben haben als die nackte Zahl der neuen Stellen. Sie wird versuchen, den Trend hinter den Schlagzeilen zu ergründen. Sie tut gut daran. (SGKB/mc/ps)

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