VP Bank: Wie sich die Markterwartungen durch den Krieg verändert haben

VP Bank: Wie sich die Markterwartungen durch den Krieg verändert haben
Bernd Hartmann, Head of CIO Office VP Bank. (Bild: VP Bank)

Je länger die unklare Situation in Nahost anhält, desto grösser die Verschiebungen.

Rund zehn Wochen dauert der Irankrieg mittlerweile an. Trotz der anhaltenden militärischen Auseinandersetzung und der weiterhin offenen Situation am Verhandlungstisch zeigen sich die Finanzmärkte immer noch bemerkenswert gelassen. Breite Kursrückschläge blieben bislang aus, Risikoprämien haben sich grösstenteils wieder normalisiert. Und das, obwohl der reduzierte Erdölnachschub seine Wirkungen in einer wachsenden Anzahl von Produkten mit Bezug zu Öl und Gas zeigt.

Der Ölpreis jedoch, der sich hartnäckig über USD100 pro Fass der Sorte Brent hält, zeugt von einem erhöhten geopolitischen Stresspegel. Vor diesem Hintergrund analysieren wir die Erholung der wichtigsten Anlageklassen, die aktuellen Markterwartungen und beleuchten die zentralen wirtschaftlichen Fragen, die sich aus dem Iran-Konflikt ableiten lassen.

  1. Welche wirtschaftlichen Folgen sind zu erwarten und welche Effekte sehen wir bereits?

Die Inflationsraten in den USA und Europa sind als Folge des Energiepreisanstieges bereits deutlich nach oben geklettert. In der Eurozone lag die Teuerungsrate im April bei 3 % und in den USA im März bei 3.3 %. Ein reiner Anstieg der Energiepreise wäre jedoch für sich genommen noch einigermassen verschmerzbar, solange es zu keinen Zweitrundeneffekten kommt. Denn diese könnten in weiterer Folge auch die wirtschaftliche Entwicklung dämpfen.

Die US-Wirtschaft wird 2026 vermutlich nur noch mit knapp 2 % wachsen. Ursprünglich war von über 2 % auszugehen. Das Wachstum der Eurozone wird nur knapp über 0 % liegen. Von der erhofften Wachstumsbeschleunigung kann deshalb keine Rede mehr sein. Sollte der Iran-Konflikt noch längere Zeit anhalten und die Ölpreise hoch bleiben, ist nicht nur von geringeren Wachstumsraten auszugehen. Es nehmen vielmehr die Rezessionsgefahren zu, in den USA und auch in der Eurozone.

  1. Anders als die Aktienmärkte haben sich Anleihen kaum erholt. Was belastet den Bondmarkt mehr, Wachstums- oder Inflationssorgen?

Die Renditen von zehnjährigen, so genannten risikolosen Staatsanleihen von Industrieländern wie den USA oder Deutschland sind seit Beginn des Kriegs um rund einen halben Prozentpunkt gestiegen. Diese Bewegung signalisiert, dass die Inflationsängste klar dominieren. Dies wird durch die Bewegung des Kreditaufschlags (Credit Spread), welche bei Unternehmensanleihen hinzukommt, bestätigt. Denn der Kreditaufschlag bewegt sich in Richtung neuer Tiefststände. Insgesamt ergibt das ein Bild des Markts, der trotz tieferen Wachstumsaussichten noch keine Rezession befürchtet. Das hat auch damit zu tun, dass sich die US-Wirtschaft schon über längere Zeit sehr robust zeigt.

Wie bereits 2022, so büssten Staatsanleihen auch dieses Jahr ein und konnten gemischte Portfolios nur bedingt stabilisieren. Unternehmensanleihen tieferer Qualität (High Yield) korrigierten während der Eskalation des Konflikts zwar in ähnlichem Ausmass, erholten sich jedoch seit Ende März deutlich stärker und notieren inzwischen bereits wieder auf einem neuen Allzeithoch.

  1. Die höheren Energiepreise haben die Inflationsraten wieder über die Zielbänder der Notenbanken steigen lassen. Welche Auswirkungen wird das auf die Geldpolitik in den USA und in der Eurozone haben und sind die aktuellen Markterwartungen realistisch?

Die US-Notenbank sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Das obere Ende des Leitzinsbandes der Fed liegt bei 3.75 % und damit noch immer auf relativ hohem Niveau. Ob der neue US-Notenbankpräsident Kevin Warsh weitere Zinssenkungen durchsetzen kann, bleibt fraglich. Die US-Wirtschaft wächst weiterhin, bei gleichzeitig gestiegenen Inflationsraten. Dies spricht gegen Zinssenkungen. Die Geldmärkte erwarten derzeit keine Zinssenkung mehr für 2026.

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt sich noch sämtliche Optionen offen. Doch im Führungsgremium scheint es eine Präferenz für eine Zinserhöhung im Juni zu geben. An den Geldmärkten sind drei Zinsanhebungen für Juni, September und eine gegen Jahresende eingepreist. Ob und wie oft die Zinsen erhöht werden, hängt entscheidend vom weiteren Verlauf des Iran-Konflikts und der Entwicklung des Ölpreises ab. Eine Zinserhöhung im Juni erachten wir angesichts des Wortlauts der EZB mittlerweile als sehr wahrscheinlich.

  1. Trotz Krieg und drohender Wachstumseinbussen sind die Analystenerwartungen an die Unternehmensgewinne gestiegen. Wie ist das zu erklären?

Die Märkte stufen die Risiken ausgehend vom Irankonflikt bislang als gering ein. Das zeigt sich vor allem in steigenden US-Gewinnerwartungen. Trotz Krieg und drohender Wachstumsdämpfer haben die Gewinnschätzungen im bisherigen Jahresverlauf zugenommen. Zwar schwächt sich der konsumgetriebene Teil der US-Wirtschaft ab, weshalb vor allem konsumnahe Branchen Gewinnrückstufungen hinnehmen müssen. Gleichzeitig profitieren Energieunternehmen von hohen Öl- und Gaspreisen.

Auch der Technologiesektor zeigt Stärke, getragen von Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft. Deren stark steigende Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz (KI) sichern Aufträge und Gewinne. Wenige, sehr grosse Unternehmen aus den Sektoren Technologie, Kommunikationsdienste und Finanzen treiben aufgrund ihres hohen Indexgewichts die durchschnittlichen Gewinnerwartungen der US-Börse deutlich nach oben. Gemessen wird dies am S&P 500 (siehe Grafik). Die grössten Veränderungen stammen allerdings aus den Sektoren Energie und Grundstoffe, die im Index nur gering gewichtet sind.

Entwicklung der Gewinnerwartungen für 2026 von S&P 500 Sektoren

Quelle: Bloomberg Finance L.P., VP Bank

  1. Seit Mai sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) nicht mehr Teil des Erdölkartells Opec. Welche Auswirkungen hat dieser Austritt auf den Ölpreis?

Der Grund für den Austritt waren schon länger schwelende Uneinigkeiten hinsichtlich der Förderquote zwischen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und den VAE. Letztere haben die Produktionskapazitäten ausgebaut, können diese aber aufgrund der vorgegebenen Obergrenze der Opec nicht vollends ausschöpfen (siehe Grafik unten).

Im Vergleich zu früheren Austritten aus der Opec, namentlich von Katar oder Angola, ist jener der VAE bedeutsam. Das Land ist für mehr als 10 % der Opec-Produktion verantwortlich und verfügt über eine moderne Infrastruktur und tiefe Produktionskosten. Zudem kann es seinen Staatshaushalt bereits bei einem Ölpreis von USD 50 pro Fass stabil halten, während Saudi-Arabien, der inoffizielle Anführer der Opec, USD 90 benötigt.

Kurzfristig spielt der Austritt der VAE keine Rolle, denn durch die Sperre der Strasse von Hormus fördert das Land ohnehin deutlich weniger Öl. Auf längere Sicht schwächt es die Preissetzungsmacht der Opec – der Anteil der globalen Produktion des Kartells hat sich bereits von über 50 % auf zirka 30 % reduziert. Das heisst bei einer Überversorgung wirken koordinierte Produktionskürzungen also weniger preistreibend. Die Folge sind daher längerfristig tendenziell tiefere Notierungen und höhere Volatilität. (VP Bank/mc/ps)

Ölproduktion der VAE

Quelle: Bloomberg Finance L.P., VP Bank

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