Wie Schweizer über Versicherungen entscheiden

Versicherungen
(Bild: Photo-K - Fotolia.com)

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St. Gallen – Das Verhalten der Schweizer Bevölkerung im Hinblick auf Versicherungsfragen lässt sich durch drei statistisch robuste Gruppen beschreiben: die Gruppe der Pragmatiker (41 % der Bevölkerung), die Gruppe der Selbstentscheider (36 %) und die Gruppe der Delegierer (23 %). Dies ist eine der Erkenntnisse einer neuen Studie der Universität St. Gallen. In ihr werden die Resultate einer Befragung mit 1’027 Teilnehmern in der gesamten Schweiz präsentiert, welche das Informations- und Entscheidungsverhalten zu Versicherungsfragen analysiert und auf der Basis eine Kundentypologie entwickelt. Die Studie wurde im Auftrag des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV durchgeführt.

Für die Delegierer sind die Berater zentral, entsprechend wichtig ist deren Qualität. Pragmatiker agieren nach dem Motto: „Versicherungen? Lochen und ablegen“; für sie ist aufgrund Ihres passiven Informationsverhaltens eine standardisierte Kundeninformation nützlich. Beim Selbstentscheider ist die Schutzbedürftigkeit geringer als in den anderen Gruppen. Sie benötigen weniger Konsumentenschutz.

Ausweitung des Konsumentenschutzes unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen
Die Meinung der Konsumenten zu mehr Konsumentenschutz ist dabei geteilt. So bevorzugen z. B. 78 % der Befragten eine Wahlfreiheit bezüglich der Vertragslaufzeit und sind bereit, auf Kündigungsmöglichkeiten zu verzichten, wenn dies für sie einen Vorteil (z.B. eine geringere Prämie) bietet. Ein Widerrufsrecht wird dagegen von 61 % der befragten Konsumenten befürwortet. Eine Ausweitung des Konsumentenschutzes sollte folglich nur gezielt und unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen erfolgen.

Wissendefizite bei Konsumenten
Die Studie zeigt auch erhebliche Wissensdefizite beim Konsumenten auf: 32 % der Bevölkerung zeigen erhebliche Defizite im Basisfinanzwissen; zu Versicherungsfragen gibt es noch grössere Defizite. So wird gesagt, dass viele Konsumenten bei Versicherungsfragen überfordert sind und ihre Rechte nicht kennen. Die Studie empfiehlt hier staatliche wie private Initiativen zur Wissensförderung („Fit for Insurance“), damit Kunden Risiken und Versicherungsfragen besser verstehen und so bessere Entscheidungen treffen können. Auch werden neue Initiativen zur besseren Kundeninformation unter Nutzung neuer Medien vorgeschlagen („Digital Coach“).

Geringeres Versicherungswissen bei Jüngeren und Frauen
Die Studie zeigt auch interessante Unterschiede nach Alter, Geschlecht und Regionen: Umso jünger, umso geringer das Versicherungswissen und umso eher werden Entscheidungen delegiert. Dies ist ein Indiz dafür, dass der Aufbau von Versicherungswissen sehr spät passiert. Das grosse Lernpotenzial in jungen Jahren wird derzeit wenig genutzt. Frauen gehen bei Versicherungsentscheidungen eher pragmatisch vor und weisen ein geringeres Versicherungswissen als Männer auf. Delegierer lassen sich zu einem grossen Teil der französisch- und italienischsprachigen Schweiz zuordnen. In der Deutschschweiz sind hingegen die Pragmatiker und Selbstentscheider überrepräsentiert.

Die Ergebnisse der Studie haben eine hohe Relevanz vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Diskussionen um eine Neugestaltung des Konsumentenschutzes in der Schweiz. Hierzu zählen etwa die Revision des Versicherungsvertragsgesetzes VVG oder die Neugestaltung des Finanzdienstleistungsgesetzes FIDLEG. (Universität St. Gallen/mc/pg)

Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen

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