Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit sechs Jahren nicht mehr

China Industrie

Peking – Chinas Wachstum hat sich im dritten Quartal erneut verlangsamt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes wuchs in den vergangenen drei Monaten nur noch um 6,9 Prozent, wie das Statistikamt in Peking am Montag mitteilte. Analysten hatten allerdings nur mit 6,8 Prozent gerechnet.

Damit legte das Quartalswachstum so langsam zu, wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die erneut schwachen Wachstumszahlen hatten sich in den vergangenen Wochen angekündigt, nachdem Peking mehrfach düstere Konjunkturdaten vorgelegt hatte. Allein im September war der Aussenhandel um 8,8 Prozent eingebrochen. Die Importe sanken sogar um 17,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat – ein Zeichen, dass die Geschäfte auch für deutsche Unternehmen in China nicht gut laufen.

Dämpfer durch Leichtathletik-WM
Das Wachstum dürfte im dritten Quartal auch einen zusätzlichen Dämpfer erlitten haben, weil viele Fabriken wegen einer grossen Militärparade in Peking und der Leichtathletik-Weltmeisterschaft für mehrere Wochen schliessen oder den Betrieb herunterfahren mussten, um die Luftqualität zu verbessern.

Zunehmend schwierig wird es für Peking nun, bis Jahresende das angestrebte Wachstumsziel von «rund sieben Prozent» zu erreichen. Im Vorquartal hatte das Wachstum noch genau bei dieser Marke gelegen. Allerdings rechnen Analysten damit, dass Chinas BIP im letzten Quartal des Jahres wieder leicht anziehen könnte, weil die Regierung Konjunkturhilfen beschlossen hat, die erst dann ihre Wirkung entfalten. Im vergangenen Jahr war Chinas um 7,4 Prozent gewachsen – so langsam wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Industrieproduktion enttäuscht
«Von Relevanz ist, dass die chinesische Wirtschaft im laufenden Jahr die bereits vielerorts ausgerufene harte Landung umgehen kann», kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Die Erhöhung der Staatsausgaben der Regierung und der Lockerungskurs der Zentralbank sollten ausreichen, um das Wachstum auf Kurs zu halten. Man müsse sich jedoch an niedrigere Wachstumsraten gewöhnen. «Der Sprung vom Schwellen- zum Industrieland geht nun einmal mit niedrigeren Wachstumsraten einher», so Gitzel.

Hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind im September die Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion. Die Produktion legte im September um 5,7 Prozent zum entsprechenden Vorjahresmonat zu. Volkswirte hatten hingegen mit einem Zuwachs von 6,0 Prozent gerechnet. Im August war die Produktion noch um 6,1 Prozent gestiegen. Etwas besser als erwartet entwickelten sich im September jedoch die Einzelhandelsumsätze. Sie stiegen um 10,9 Prozent zum entsprechenden Vorjahresmonat. Volkswirte hatten nur einen Anstieg von 10,8 Prozent erwartet.

Wirtschaft im Umbau
Die Wirtschaft der Volksrepublik befindet sich derzeit im grössten Umbau seit Jahrzehnten. Wegen steigender Lohnkosten, einer alternden Gesellschaft und günstigerer Konkurrenz aus Staaten in Südostasien und Afrika funktioniert das alte Geschäftsmodell «als Werkbank der Welt» nicht mehr so gut wie früher. Chinas Regierung will deshalb erreichen, dass die Unternehmen des Landes innovativer werden. Mit hochwertiger Technologie sollen sie in Zukunft den grossen Konzernen in westlichen Industrieländern auf den Weltmärkten Konkurrenz machen. Zudem sollen der Dienstleistungssektor und der Binnenkonsum des Landes gestärkt werden.

Welche Ziele sich Peking genau für die Zukunft seiner Wirtschaft setzt, dürfte bald klarer werden. Im Laufe des Monats werden führende Vertreter der Kommunistischen Partei in Peking zusammenkommen, um über den neuen Fünf-Jahres-Plan des Landes zu entschieden. Das neue Wachstumsmodell dürfte dabei ein Kernelement sein. Auch strengere Ziele für den Umweltschutz dürften nach Ansicht von Beobachtern beschlossen werden.

Die Aktienmärkte in Europa legten am Morgen zu, nachdem die asiatischen Märkte zuvor leicht unter Druck geraten waren. Am Devisen- und Anleihemarkt waren keine grossen Kursausschläge zu beobachten. (awp/mc/upd/ps)

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