Deloitte: Big Pharma benötigt Heilung

Deloitte: Big Pharma benötigt Heilung
Vicky Levy, Partnerin und Leiterin Life Sciences bei Deloitte Schweiz.. (Foto: Deloitte)

Zürich – Die erwartete Kapitalrendite (ROI) der grössten Pharmakonzerne weltweit nur noch 3,2 Prozent, der tiefste Stand seit acht Jahren. Inzwischen geben diese Unternehmen im Durchschnitt fast zwei Milliarden US-Dollar für die Markteinführung eines Medikaments aus, wie eine Analyse des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt. Auf der anderen Seite steigen die voraussichtlichen Einnahmen, den ein Arzneimittel pro Jahr generiert, von 394 Millionen US Dollar im Jahr 2016 auf 465 Millionen im Jahr 2017. Einer der Hauptgründe für den diesjährigen Anstieg der Kosten und Umsätze ist die sinkende Zahl der Therapien, die sich in der Spätphase ihrer Entwicklung befinden.

Die prognostizierte Kapitalrendite (Return on Investment, ROI) der Forschung und Entwicklung (F&E) der zwölf grössten Biopharmaunternehmen – darunter Roche und Novartis – beträgt dieses Jahr nur noch 3,2 Prozent (2010: 10,1 Prozent). Dies geht aus der jährlichen Studie A new future for R&D? Measuring the return from pharmaceutical innovation 2017 hervor, die das Centre for Health Solutions von Deloitte durchgeführt hat.

Der durchschnittliche Kostenaufwand dieser Unternehmen, um ein Arzneimittel auf den Markt zu bringen, hat ein Rekordniveau von knapp 2 Milliarden US-Dollar erreicht, gegenüber 1539 Millionen US-Dollar im Jahr 2016. Gleichzeitig hat sich der erwartete Spitzenumsatz pro Produkt – der jährliche Betrag, den ein Medikament voraussichtlich erwirtschaften wird – um 18 Prozent erhöht, und zwar von 394 Millionen US-Dollar im Jahr 2016 auf 465 Millionen im Jahr 2017. Die Umsatzprognose wird anhand eines Zeitraums von rund 21 Jahren errechnet. Der erwartete Anstieg der Spitzenumsätze könnte damit zusammenhängen, dass sich die Unternehmen verstärkt auf höherwertige Produkte konzentrieren und gezielt auf unerfüllte medizinische Bedürfnisse oder seltene Erkrankungen eingehen.

«Die Schweizer Firmen nehmen in der Life Sciences Branche nach wie vor eine Führungsrolle wahr und investieren mit am meisten in Forschung und Entwicklung. Ihre Innovationsfähigkeit spiegelt sich unter anderem in der ersten jemals erteilten FDA-Zulassung für eine CAR-T-Zell-Therapie sowie verschiedenen Zulassungserweiterungen für bestehende Krebsprodukte wider. Damit wird der Onkologiebereich auch künftig ein wichtigster Ertragsfaktor sein. Klar ist jedoch, dass die gesamte Branche vor Herausforderungen steht, da solche Innovationen nur mit entsprechend hohen Ausgaben realisiert werden können», erklärt Vicky Levy, Partnerin und Leiterin Life Sciences bei Deloitte Schweiz.

Weniger Produkte in der späten Entwicklungsphase
Hauptursache für den Kosten- und Umsatzanstieg in diesem Jahr ist die sinkende Zahl der Produkte, die sich in der Schlussphase des F&E-Stadiums befinden, bevor ein Arzneimittel auf den Markt kommt (Phase II breakthrough, Phase III bzw. im Zulassungsverfahren). Obwohl noch nie so viele Medikamente zugelassen wurden wie in den letzten Jahren, hat sich die Zahl der Therapien in dieser Spätphase seit 2016 um 16 Prozent auf 159 verringert.

«Dies deutet darauf hin, dass die Unternehmen 2017 vielleicht ganz bewusst einige Präparate aus ihren Pipelines entfernt haben, die aus ihrer Sicht die regulatorischen Vorgaben oder die Rückerstattungskriterien nicht erfüllt hätten, um langfristig rentabel zu sein. Sie fokussieren nicht auf Quantität, sondern auf Qualität; oder es gab hohe Misserfolgsquoten in technisch komplexen Bereichen», erläutert Vicky Levy. «Die Branche hat etliche Herausforderungen zu bewältigen, um ihre Investitionen zu amortisieren, darunter der intensivere Wettbewerb, auslaufende Patente, eine sinkende Rentabilität, die zunehmende regulatorische Kontrolle und das wohl umstrittenste Thema – die Preisentwicklung.»

Schweizer Akteure in der Krebstherapie
Im Bereich der Krebstherapien werden nach wie vor hohe Preise bezahlt: In der Onkologie hat sich der prozentuale Anteil der prognostizierten Umsätze von Produkten in der späten Entwicklungsphase im Vergleich zum Gesamtmarkt deutlich erhöht, von 18 Prozent im Jahr 2010 auf 37 Prozent im Jahr 2017. «Der hohe Grad an unerfüllten medizinischen Bedürfnissen, die signifikanten Fortschritte in der Krebsforschung und das höhere Ertragspotenzial bieten den Unternehmen klare Anreize für weitere Investitionen in Krebstherapien. Die beiden Schweizer Firmen gehören weltweit zu den wichtigsten Akteuren in der Onkologie und investieren nach wie vor in Innovationen und die Erweiterung ihres Onkologieportfolios. Die unlängst von Novartis angekündigte Übernahme des französischen Unternehmens Advanced Accelerator Applications mit seiner Technologie für schwer behandelbare gastropankreatische endokrine Tumore veranschaulicht diese Anlagestrategie», so Vicky Levy.

Weitere Erkenntnisse der Deloitte-Studie legen nahe, dass kleinere Firmen ihre grösseren Konkurrenten leistungsmässig übertreffen: Seit 2015 wurden neben den zwölf Unternehmen aus der ursprünglichen Gruppe vier Biopharmakonzerne mit einer mittleren bis hohen Marktkapitalisierung in die Studie aufgenommen. Diese schneiden mit prognostizierten Renditen von 11,9 Prozent für 2017 (2016: 9,9 Prozent) erneut besser ab als die ursprüngliche Pharmakohorte, liegen aber weit unter dem 2014 erreichten Spitzenwert von 17,7 Prozent.

F&E-Modell muss sich ändern
Die analysierten Daten und die mit Spitzenkräften der Branche geführten Gespräche zeigen, dass das jetzige F&E-Modell der Pharmabranche nicht tragbar ist. «Unsere Analyse erinnert eindringlich daran, dass F&E-Investitionen nicht nur mit einem hohen Mehrwert, sondern auch mit hohen Risiken einhergehen. Jedes Jahr werden Milliarden für die Entwicklung neuer Arzneimittel ausgegeben, und doch schafft es die überwiegende Mehrheit der vielversprechenden Präparate nie bis zur Marktreife. So kann es in der Pharmaforschung nicht weitergehen, zumal sich das Preisumfeld kaum verbessern dürfte. Während diese Trends anhalten, sehen wir, dass sich innerhalb der Branche – auch in den führenden Schweizer Unternehmen – rasch Prozesse und Technologien durchsetzen, die eine aggressivere Steuerung der steigenden Entwicklungskosten vorsehen», erklärt Nico Kleyn, Partner und Consulting Leader für die Life-Sciences-Branche bei Deloitte Schweiz.

Der Bericht von Deloitte veranschaulicht, wie technologische Fortschritte – z. B. künstliche Intelligenz, empirische Daten (real-world evidence) und Automatisierung – eine deutlich höhere Produktivität im F&E-Bereich bewirken können. Auch tragbare Elektronische Geräte (wearables), mit dem Internet verbundene Geräte sowie die Telemedizin haben das Potenzial, nicht nur die Zahl der Patienten, sondern auch die Art und Weise zu revolutionieren, in der diese an klinischen Studien teilnehmen. «Die Unternehmen setzen diese Innovationen aggressiv um, weil sie mehr Produktivität, Innovationen und eine schnellere Marktreife versprechen. Wir beobachten, dass sich die Experimentierfreudigkeit im Hinblick auf diese Technologien zu einem Veränderungswillen gebündelt hat. der zu einer dynamischen und nachhaltigen Pharmabranche führen wird – eine Entwicklung, die für die Zukunft der öffentlichen Gesundheit weltweit von entscheidender Bedeutung ist», so Kleyn. (Deloitte/mc/ps)

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