Neue Angriffe: USA und Iran kämpfen um Kontrolle über die Strasse von Hormus
Washington/Teheran – Die USA und der Iran haben sich im Kampf um die Kontrolle über die Strasse von Hormus erneut gegenseitig angegriffen und damit die Ölpreise weiter nach oben getrieben. Das US-Militär attackierte nach eigenen Angaben in der Nacht Luftabwehrstellungen und Radarsysteme der iranischen Revolutionsgarden sowie Gerät zum Verlegen von Seeminen. Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Jordanien, Kuwait und Bahrain. Diese Staaten sind mit Washington verbündet und beherbergen US-Militärstützpunkte.
US-Präsident Donald Trump bezeichnete die «grossen und gewaltigen» Angriffe des eigenen Militärs als Vergeltung für den gescheiterten Versuch der Iraner, Seeminen in der Strasse von Hormus zu verlegen. Auch reagiere man damit auf den jüngsten iranischen Raketenbeschuss auf Stützpunkte des Militärs in Jordanien. Diese seien erfolgreich abgewehrt worden, schrieb Trump auf der Plattform Truth Social weiter. Das US-Militär selbst nannte als weiteren Grund iranische Attacken auf Handelsschiffe in der für den globalen Öl- und Gashandel wichtigen Meerenge.
Iran: Tote bei US-Angriff auf Hochzeitsfeier
In einer Erklärung der Iranischen Revolutionsgarden hiess es, die USA hätten mehrere Orte bombardiert, darunter auch zivile Gebiete. So sei eine Hochzeitsfeier im Raum Sirik angegriffen worden. Dabei seien vier Menschen getötet worden, darunter ein kleines Kind. Laut der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim wurden zudem 63 Menschen verletzt, darunter 50 Frauen und Kinder. Die Angaben liessen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Iranische Staatsmedien berichteten über Explosionen in mehreren Regionen des Landes. Davon betroffen seien unter anderem auch die Insel Gheschm und die Grossstadt Bandar Abbas an der Strasse von Hormus sowie weiter im Osten der Raum Konarak und die Hafenstadt Tschabahar. Darüber hinaus wurden Explosionen von der im Persischen Golf liegenden Insel Lavan gemeldet.
Bericht: USA verfolgen neue «Tanker-für-Tanker»-Politik
Das US-Nachrichtenportal «Axios» berichtete unter Berufung auf US-Beamte, dass das Militär dabei auch zwei Tanker der iranischen Regierung angegriffen habe. Und zwar erstmals als Vergeltung für iranische Angriffe auf Schiffe in der Strasse von Hormus – und nicht, um diese daran zu hindern, die gegen iranische Häfen verhängte US-Seeblockade zu durchbrechen, hiess es.
Das Vorgehen des US-Militärs sei Teil einer neuen «Tanker-für-Tanker»-Politik, die von Trump gebilligt worden sei, um iranische Angriffe auf Tanker, die die Meerenge durchqueren, weiter abzuschrecken, wurde ein US-Beamter zitiert. Der Iran weigert sich jedoch bislang, nachzugeben und beansprucht die Kontrolle über die wichtige Meerenge für sich. Die Revolutionsgarden holten in Reaktion auf die US-Angriffe umgehend zum Vergeltungsschlag aus.
Iran verübt Vergeltungsschläge
Jordanien wurde nach Angaben der örtlichen Nachrichtenagentur Petra mit 13 ballistischen Raketen angegriffen. Zehn seien erfolgreich abgefangen worden, die übrigen in entlegene Gebiete gestürzt. Es habe keine Verletzten gegeben. Auch Kuwait und Bahrain meldeten erneut feindlichen Beschuss aus dem Iran. In einer Erklärung der iranischen Revolutionsgarden hiess es zudem, man habe US-Stützpunkte in Erbil in der autonomen Kurdenregion im Norden des Iraks mit Raketen und Drohnen attackiert. Eine Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.
In der Nacht zum Montag hatte es erstmals seit Ende Juli wieder gegenseitige Angriffe zwischen dem Iran und den USA gegeben. Dass der Beschuss nun weitergeht, unterstreicht, dass eine dauerhafte Beilegung des Kriegs auch mehr als sechs Monate nach Beginn weit entfernt zu sein scheint.
Die Ölpreise legten angesichts der erneuten Zuspitzung der Lage im Nahen Osten wieder deutlich zu. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Referenzsorte Brent mit Lieferung im November kletterte zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit rund zweieinhalb Monaten (95,44 US-Dollar).
Trump: Wann steht Irans Volk endlich auf und kämpft?
Trump drohte dem Iran erneut mit einer Ausweitung der Angriffe: «Sollte die gescheiterte Nation Iran auf diesen völlig gerechtfertigten Angriff reagieren, wird sie erneut noch viel härter und in grösserem Umfang getroffen werden.» Er hatte der Islamischen Republik im Laufe des Kriegs bereits mehrfach martialisch mit Vernichtung gedroht. In einem weiteren Post schrieb der US-Präsident, er versuche nicht, «den Iran an den Verhandlungstisch zu zwingen».
Es sei ihm «völlig egal», ob Irans Führung ein Abkommen unterzeichne, das für sie wertlos sei, schrieb Trump weiter. «Mir gefällt unsere derzeitige Position viel besser: Wir haben fast die vollständige Kontrolle über die Strasse von Hormus, und ihre Wirtschaft bricht völlig zusammen», meinte der US-Präsident. Er fügte hinzu: «Wann wird das iranische Volk endlich aufstehen und kämpfen?»
Die Strasse von Hormus hat sich im Verlauf des Kriegs zum zentralen Streitpunkt zwischen Washington und Teheran entwickelt: Der Iran blockiert mit Drohungen und Angriffen auf Schiffe den Verkehr durch die wichtige Meerenge noch immer weitestgehend. Laut US-Medienberichten eskortiert das US-Militär jedoch immer wieder erfolgreich Schiffe entlang der omanischen Küste durch die Passage zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Vor dem Krieg verlief die Schifffahrt in der Meerenge noch weitestgehend störungsfrei.
Verstricken sich die USA in einen langwierigen Konflikt?
In der Erklärung der iranischen Revolutionsgarden hatte es zuvor geheissen, durch die Angriffe der USA würde die Blockade der Strasse von Hormus durch den Iran noch verschärft werden.
Laut «Axios» sollen die neuen US-Angriffe Teil eines Plans sein, der begrenzte Angriffe in der Meerenge vorsieht, um den Iran daran zu hindern, seine Radar- und Raketenkapazitäten für neue Angriffe auf Schiffe wieder aufzubauen.
Das «Wall Street Journal» schrieb, die Attacken könnten den USA zwar helfen, den wirtschaftlichen Druck auf den Iran aufrechtzuerhalten und die Führung in Teheran daran zu hindern, die Meerenge zu kontrollieren. Der gegenseitige Beschuss drohe jedoch das US-Militär in einen langwierigen Konflikt zu verstricken. Das US-Regionalkommando Centcom erklärte, die mehr als 50.000 US-Streitkräfte in der Region seien weiterhin bereit, Angriffe durchzuführen.
Ein im Juni zwischen den USA und dem Iran vereinbartes Rahmenabkommen sollte auf die Öffnung der Meerenge hinwirken – doch es zerfiel angesichts fortdauernder Spannungen schnell in sich zusammen. Der US-Sender Fox News zitierte US-Präsident Trump nun wenig optimistisch: «Ich glaube, ein Abkommen mit ihnen ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht», sagte der Republikaner demnach. «Wir haben ihnen viele Chancen gegeben.» (awp/mc/pg)