Siemens bekommt US-Sparzwang zu spüren

Peter Löscher

Siemens-CEO Peter Löscher.

New York – Die wirtschaftlichen Probleme und die politischen Querelen in den USA schlagen sich auch auf den Industriekonzern Siemens durch. «Viele Infrastruktur-Projekte haben an Fahrt verloren im Vergleich zur ursprünglichen Ankündigung», sagte Konzernchef Peter Löscher am späten Dienstag (Ortszeit) in New York.

So wurden geplante Hochgeschwindigkeits-Zugstrecken gestrichen, und auch die Erneuerung des vielerorts maroden Energienetzes lässt auf sich warten. Er gehe nicht mehr davon aus, dass im Energiebereich vor den Präsidentschaftswahlen 2012 politisch noch etwas passiere, sagte Löscher. Die oppositionellen Republikaner blockieren momentan viele Projekte der demokratischen Regierung Obama; so weigern sie sich, die Obergrenze für die Aufnahme neuer Staatsschulden anzuheben. Der Regierung droht damit im August das Geld auszugehen.

Kurzfristige Probleme
Löscher sprach allerdings von kurzfristigen Problemen. «Unser Geschäft ist langfristiges Infrastrukturgeschäft.» Und auf lange Sicht würden die USA ihre Infrastruktur erneuern und weiter in grüne Technologien investieren. «Ein Drittel der Kohlekraftwerke müssen ersetzt werden», sagte Löscher und versicherte: «Die Aufträge kommen.»

US-Headquarter nahe an politischen Entscheidungsträgern
Siemens stand in den USA lange im Schatten des dortigen Erzrivalen General Electric, obwohl der Dax-Konzern mit 62 000 Mitarbeitern in den USA einer der grossen Arbeitgeber des Landes ist. «Man nimmt uns heute wahr», sagte Löscher. Die US-Zentrale ist nach Washington umgezogen und sitzt damit nun nah an den politischen Entscheidungsträgern. «Das macht sich bemerkbar.» In New York hat Löscher den «John J. McCloy Award» des American Council on Germany erhalten für seine Verdienste um die deutsch-amerikanische Partnerschaft.

Siemens überdenkt Atompläne
Der Industriekonzern Siemens nimmt sich eine Bedenkzeit über die Zukunft seines Atomgeschäfts. «Wir sind in einer intensiven Phase, wo wir das Thema analysieren», sagte Konzernchef Peter Löscher am Dienstagabend (Ortszeit) in New York. Die Diskussionen passierten «vor dem Hintergrund von Fukushima». Siemens hatte über lange Jahre eine Partnerschaft im Atomgeschäft mit dem französischen Areva-Konzern. Die zwei Unternehmen gingen jedoch im Streit auseinander. Schon vor zwei Jahren kündigte Siemens daraufhin an, künftig mit dem staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom zusammenarbeiten zu wollen. Mehr als eine Absichtserklärung existiert jedoch bis heute nicht.

Vorreiter bei grünen Technologien
Zwischenzeitlich hat die Reaktorkatastrophe in Japan die Zukunft der gesamten Atombranche infrage gestellt. Zudem darf Siemens nach dem Spruch eines Schiedsgerichts seinem Ex-Partner Areva bis September 2013 bei der Kerntechnik keine Konkurrenz machen. Siemens liefert unter anderem die Turbinen für Atomkraftwerke sowie Steuerungstechnik, nicht aber den Reaktor selbst. Die Münchner setzen mittlerweile ohnehin auf grüne Technologien mit modernen Gasturbinen sowie Wind- und Solaranlagen. Siemens gehört hier zu den führenden Anbietern weltweit und kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Ärger mit der Atomtechnik
Die Atomtechnik hatte Siemens dagegen zuletzt nur Ärger eingebracht; so mussten der Konzern eine Vertragsstrafe über 648 Millionen Euro an Areva zahlen, weil Siemens die Partnerschaft aufkündigte. Rosatom hält dagegen grundsätzlich an der geplanten Zusammenarbeit mit Siemens fest. Allerdings zeigten sich die Russen jüngst verständnisvoll, dass Siemens nicht die politische Linie der Bundesregierung ignorieren könne. Kanzlerin Angela Merkel treibt nach der Katastrophe in Fukushima den Atomausstieg voran. (awp/mc/upd/ss)

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