ThyssenKrupp tief in den roten Zahlen

Heinrich Hiesinger
Heinrich Hiesinger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender Thyssenkrupp.

Heinrich Hiesinger, Vorstandschef ThyssenKrupp.

Essen – Gigantische Wertberichtigungen auf die neuen Stahlwerke in Amerika und das Edelstahlgeschäft haben den Stahl- und Industriegüterkonzern ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr (30.9.) tief in die roten Zahlen gerissen. Insgesamt schrieb das Unternehmen nach eigenen Angaben vom Freitag 2,9 Milliarden Euro in den Wind. Das führte zu einem Nettoverlust von 1,78 Milliarden Euro, vor einem Jahr hatte der Konzern noch 927 Millionen Euro verdient. Das hatte kein Analyst erwartet, die Experten hatten mit einem deutlichen Gewinn gerechnet. Die Aktie verlor zeitweise rund 3 Prozent in einem festen Marktumfeld, machte aber bis zum Mittag einen Teil der Verluste wieder wett.

«Das aktuelle Umfeld ist nicht einfach», sagte der seit Januar amtierende Vorstandschef Heinrich Hiesinger. «Die beiden Wertberichtigungen zeigen: Wir gehen die Dinge an, die notwendig sind – mit Konsequenz und Offenheit.» Die Aktionäre sollen wie im Vorjahr eine Dividende von 45 Cent je Aktie erhalten. Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern stand ein Verlust von 988 Millionen Euro. Angepeilt hatte der Konzern einen Gewinn von rund 2 Milliarden Euro. Zumindest beim Umsatz erreichte das Unternehmen seine Ziele: Dieser stieg um 15 Prozent auf 49,092 Milliarden Euro. Der Konzern hatte seine ursprünglich für Dienstag (6. Dezember) angekündigte Bilanzvorlage überraschend vorgezogen.

Stahglwserke werden zum Milliardengrab

Die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA erwiesen sich wieder einmal als grosse Belastung. Schon beim Bau waren die Kosten auf rund 10 Milliarden Euro explodiert. Nun kommen Abschreibungen von 2,1 Milliarden Euro dazu. Im August hatte der Vorstand noch gehofft, den Verlust in der Sparte unter der Milliardengrenzen halten zu können. Für die Wertberichtigungen machte der Vorstand nun neben den Kostenüberschreitungen beim Bau des Werkes in Brasilien auch den durch technische Probleme immer wieder verzögerten Hochlauf verantwortlich. Diese Mehrkosten könnten kurzfristig nicht kompensiert werden, hiess es. Hinzu komme neben der schwächelnden Wirtschaft in den USA und Europa die Stärke der brasilianischen Währung Real, die den Konzern belaste.

Dämpfer für europäisches Geschäft

Auch beim Edelstahl kam Hiesinger zu schmerzhaften Erkenntnissen. Der Kapitalmarkt verlange bei der Bewertung von Edelstahlerzeugern derzeit hohe Risikoprämien als Folge der Finanzkrise und der hohen Risikoaversion der Investoren, erklärte das Unternehmen. Zudem lasten die hohen Überkapazitäten auf der zum Verkauf stehenden Sparte. Das lange boomende Stahlgeschäft des Konzerns in Europa musste im Schlussquartal einen Dämpfer hinnehmen. Die Schuldenkrise in der Eurozone hat viele Stahlverarbeiter verunsichert. Die Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung wachsen. Viele Kunden hielten sich daher mit Bestellungen zurück. Das setzte die Preise unter Druck. ThyssenKrupp musste wie die Konkurrenten ArcelorMittal und Salzgitter seine Produktion bereits drosseln.

Kein Ausblick für laufendes Geschäftsjahr

Angesichts der unklaren Entwicklung der Schuldenkrise in der Eurozone blieb ThyssenKrupp eine Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2011/12 schuldig. Der Verlauf könne nicht verlässlich abgeschätzt werden, hiess es. Lediglich für das schon Ende des Monats auslaufende erste Quartal gab es eine Indikation. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen werde «deutlich» unter den 273 Millionen Euro von vor einem Jahr liegen. Neben Verlusten in den neuen Stahlwerken erwartet der Vorstand weitere Rückgänge im europäischen Stahlgeschäft. Der Technologiebereich, zu dem bei ThyssenKrupp das Aufzugsgeschäft, Autozulieferaktivitäten sowie der Grossanlagenbau gehören, werde sich dagegen wie im vergangenen Geschäftsjahr als stabiler Gewinnbringer erweisen. Diese Sparten will Hiesinger beim geplanten Konzernumbau stärken.

Schulden reduziert
Grösster Hemmschuh sind die Schulden. Die Verbindlichkeiten waren durch die aus dem Ruder gelaufenen Kosten für die neuen Stahlwerke in Amerika zwischenzeitlich auf mehr als 6,5 Milliarden Euro angeschwollen. Ende September lagen sie noch bei 3,6 Milliarden Euro. Etwas Luft hatte sich der Konzern durch den Verkauf eigener Aktien verschafft. Das spülte im Juli – vor dem Absturz der Börsen – rund 1,6 Milliarden Euro in die Kassen. Hinzu kam ein Liquiditätszufluss von gut einer Milliarde Euro. Vorstandschef Hiesinger hatte im Mai angekündigt, sich von Geschäftsteilen trennen zu wollen, die bislang rund ein Viertel zum Gesamtumsatz beisteuern und 35.000 Menschen beschäftigen. Das will er bis Ende 2012 schaffen. Auf der Verkaufsliste steht neben Teilen des Autozuliefergeschäfts und dem zivilen Teil des Schiffbaus vor allem die Edelstahlsparte. Angesichts der grossen Überkapazitäten in der Branche gilt ein Verkauf aber als schwierig.

Edelstahlzukunft noch unklar

Wie die Trennung vom Edelstahl aussehen soll, ist weiter unklar. Die aktuellen Turbulenzen an den Kapitalmärkten dürften zudem einen Börsengang unmöglich machen. Damit gilt ein sogenannter Spin-off als wahrscheinlichste Lösung. Dabei werden keine neuen Aktien zum Kauf an der Börse angeboten, vielmehr bekommen die Alt-Aktionäre von ThyssenKrupp Aktien der Sparte zugeteilt. (awp/mc/ps)

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