Alex Waser, CEO Bystronic Group, im Interview

Alex Waser
Alex Waser, CEO Bystronic. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Waser, was charakterisiert den Markt der Blechbearbeitung?

Alex Waser: Der Blechbearbeitungsmarkt ist ein dynamischer, sehr weitreichender und nachhaltiger Markt. Jede und jeder von uns wird im Alltag von der Blechbearbeitung irgendwie tangiert. Blech ist ein Werkstoff mit hohem Zukunftspotenzial: Es ist recycelbar, Teil der Kreislaufwirtschaft und Blech ist stabil und einfach in der Handhabung. Deshalb wird Blech heute in fast in allen Industrien eingesetzt; bearbeitetes Blech ist überall.

Sie haben sich in den ersten neun Monate in 2021 sehr erfolgreich geschlagen. Im fortgeführten Geschäft legte der Umsatz um 16 und der Auftragseingang um über 61 Prozent zu. Wie gross war der Nachholungseffekt nach dem Corona-Jahr 2020?

Ein gewisser Nachhofbedarf ist sicher festzustellen. Die Verunsicherung bei den Kunden war teilweise gross. Trotzdem haben wir es dank einer sofortigen Umstellung auf digitale Präsentationen und Schulungen geschafft, die Nähe zu unseren Kunden zu behalten. Unsere Vertriebsmitarbeiter, Service-Techniker und Trainingsspezialisten haben hier hervorragende Arbeit geleistet. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Personal in der Pandemie abzubauen, um nach der Krise für den Aufschwung parat zu sein. Das hat sich ausgezahlt.

«Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Personal in der Pandemie abzubauen, um nach der Krise für den Aufschwung parat zu sein. Das hat sich ausgezahlt.»
Alex Waser, CEO Bystronic Group

Wie herausfordernd war die Situation bezüglich den höheren Rohstoffpreisen und den eingeschränkten Transportkapazitäten?

Die aktuelle Situation ist herausfordernd und auch wir sind von Lieferengpässen bei bestimmten Komponenten betroffen. Im Rahmen unserer Regionalisierungsstrategie haben wir uns bereits letztes Jahr dezentraler und näher an unseren Kunden aufgestellt. Wir haben beispielsweise in eine neue Fabrik in den USA in der Nähe von Chicago investiert. Zudem haben wir in allen Regionen begonnen lokale Lieferketten und Lieferanten aufzubauen. Damit können wir die knappe Verfügbarkeit von Rohstoffen, steigenden Preise und limitierte Transportkapazitäten besser abfedern.

Hat die Corona-Pandemie Ihr Geschäft darüber hinaus überhaupt noch beeinflusst?

Die Pandemie hat auch Bystronic nicht verschont. Dank dem Umstand, dass der Digitalisierungsgrad in unserem Unternehmen bereits hoch war und – wie vorher bereits erwähnt – unsere Kolleginnen und Kollegen eine einzigartige Flexibilität und Einsatz an den Tag gelegt haben, konnten wir uns gut erholen.

Inwieweit ist Ihr Geschäft vom Halbleiter-Mangel betroffen?

Wir erleben in der Tat gerade eine grössere Knappheit bei diversen Warengruppen. Die Rohstoff- und Elektronikmärkte fordern uns in der Lieferkette aktuell stark. Insbesondere im dritten Quartal hat sich die Situation verschärft, was zu Lieferengpässen und teilweise höheren Kosten geführt hat. Gemeinsam mit unseren strategischen Partnern fokussieren wir uns darauf, die Beschaffung aller kritischen Zukaufteile sicherzustellen.

«Die Rohstoff- und Elektronikmärkte fordern uns in der Lieferkette aktuell stark.»

Der Umsatzanteil des wichtigen Servicegeschäfts legte in der ersten Jahreshälfte auf 22,9 Prozent zu. Sie wollen zusätzliches Servicepersonal einstellen. Wie schwer ist es, gut ausgebildete Serviceleute zu finden?

Es ist nicht einfach, denn technisch ausgebildete Mitarbeitende sind rar. Wir sind jedoch zuversichtlich, weil wir einen guten Ruf geniessen und wir sehr viele Angebote für die Weiterbildung unserer Mitarbeitenden anbieten. Die Aufgabenstellung im Service ist darüber hinaus auch sehr interessant, da unsere Servicetechniker bei den Kunden selbstständig komplexe Aufgabenstellungen lösen und als Bindeglied zwischen der Inbetriebnahme von Neumaschinen sowie der Wartung der sich im Feld befindenden Anlagen fungieren. Wir werden auch in 2022 noch weiteres Servicepersonal einstellen.

Die Mehrzahl Ihrer Kunden ordert Maschinen zusammen mit Wartungsverträgen. Wie stark ist die Wartung heute bereits auf Predictive Maintenance ausgelegt?

Mit der Predictive Maintenance sagen wir heute proaktiv voraus, wann verschiedene Verbrauchsmaterialien und Verschleissteile aufgrund von Zyklen und Erfahrungen ersetzt werden müssen, und kümmern uns um diese Teile, bevor sie ausfallen. Wir verkaufen derzeit rund 80-90% unserer Neumaschinen mit einem Servicevertrag, das Angebot und dessen Vorteile leuchten den Kunden ein. Unser ByCare-Programm hat die Art und Weise, wie wir die Maschinen unserer Kunden warten, komplett verändert und massiv zur Kundenzufriedenheit und Produktivitätssteigerung bei unseren Kunden beigetragen.

Bystronic setzt stark auf das Prinzip der Smart Factory. Können Sie uns die «Smart Factory Vision» von Bystronic kurz erklären?

Bystronic will seinen Kunden helfen, sich fit für die Zukunft aufzustellen. Diese sind einem harten Wettbewerb ausgesetzt: Mehr Mitbewerber, kleinere Losgrössen, kürzere Lieferzeiten, schnellere Produktion – und dies immer noch mit höchster Qualität. Dies bedeutet, dass unsere Kunden ihre Produktion optimieren und noch effizienter gestalten müssen. Dies kann in erster Linie durch Automation einzelner Produktionszellen geschehen. Die Vernetzung der einzelnen automatisierten Produktionszellen führt zur Optimierung des Warenflusses in der gesamten Fertigung. Bystronic hat dieses Jahr den Software-Spezialisten Kurago übernommen und gemeinsam haben wir eine massgeschneiderte Software entwickelt, die es unseren Kunden ermöglicht auch Maschinen und Prozesse unserer Wettbewerber zu integrieren. Von der Standalone-Maschine zur vollvernetzten Fabrik. Genau diese Lösungen wollen wir unseren Kunden bieten.

Mit welchen Prozessen lassen sich zum heutigen Zeitpunkt aus Fabrikationsstätten «smarte» Fabriken entwickeln?

Viele unserer Kunden besitzen bereits mehr als eine Maschine von uns. Am Anfang stand eine Laserschneidmaschine oder eine Abkantpresse. Später kam der Wunsch nach einem Be- und Entladesystem dazu. Automatisiert lässt sich die Effizienz bereits deutlich steigern. Mit unseren skalierbaren Systemlösungen kombinieren wir Maschinen, Automation und Software, um ein flexibles Netzwerk intelligenter Komponenten zu schaffen. Bindet man nun weitere Elemente mit ein, sprechen wir von einer Smart Factory. Jeder Kunde hat jedoch eine eigene Vorstellung seiner Smart Factory. Diese sieht auch bei jedem Kunden anders aus. Eine Smart Factory ist eine sehr individuelle Angelegenheit, die aber immer eines gemeinsam hat: Die gesteigerte Transparenz von Material- und Datenfluss.

«Bystronic befindet sich aktuell in der Transformation vom traditionellen Maschinenhersteller zum Komplett-Lösungsanbieter in der Blechverarbeitung.»

Die Software ist ein zentrales Element der Smart Factory. Welche Bedeutung hat dabei die im ersten Halbjahr getätigte Übernahme des Softwarespezialisten Kurago?

Bystronic befindet sich aktuell in der Transformation vom traditionellen Maschinenhersteller zum Komplett-Lösungsanbieter in der Blechverarbeitung. Mit der Akquisition von Kurago haben wir einen bedeutenden Schritt Richtung Zukunft gemacht. Mit den Software-Spezialistinnen und Spezialisten von Kurago entwickeln wir für unsere Kunden massgeschneiderte Software-Lösungen.

Nach Abschluss der Transformation hat Bystronic ausreichend finanzielle Mittel für weitere Akquisitionen. Steht dabei weiter Software im Fokus?

Im Bereich Software sind wir mit Kurago und dem Roll-out der Smart Factory Software Suite bereits sehr gut positioniert. Die Stossrichtung für weitere Akquisitionen sehen wir deshalb eher entlang der Wertschöpfungskette in den Applikationen oder im Bereich von lokalen Servicegesellschaften. Bystronic ist sehr solide kapitalisiert, aber wir sind auch selektiv mit allfälligem weiterem anorganischen Wachstum.

Letzte Frage: Welche Lehren ziehen Sie nach über eineinhalb Jahren aus der Pandemie? Einerseits für das Unternehmen, andererseits für sich persönlich?

Es hat sich für uns ausbezahlt, in der Pandemie kein Personal zu entlassen. Unsere Mitarbeitenden an allen Standorten haben sehr flexibel auf die veränderten Anforderungen reagiert und schnell auf digitale Formate umgesetzt, um die Kundennähe zu behalten, wenn nicht sogar auszubauen. Die Pandemie hat den Ausbau der Automation bei unseren Kunden zudem eher noch forciert. Ich persönlich bin allen Mitarbeitenden sehr dankbar für den grossen Einsatz und freue mich, dass wir unseren Kunden auch in schwierigen Zeiten als verlässlicher Partner zur Seite stehen konnten. Starke Partnerschaften sind für mich der Schlüssel zum Erfolg und das ist unsere Stärke bei Bystronic.

Herr Waser, wir bedanken uns für das Interview.

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