André Rüegg, CEO Bellevue Group und Bellevue Asset Management, im Interview

André Rüegg
André Rüegg, CEO Bellevue Group und Bellevue Asset Management. (Foto: zvg)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Rüegg, neben Inflation, neuen Virusvarianten und weltweiten Logistikengpässen hat der Ukrainekrieg nun die Börsen endgültig in die Knie gezwungen. Wie sehr merken Sie das als Vermögensmanager aktuell?

André Rüegg: Die zunehmend verschärften Rahmenbedingungen sind auch für die Bellevue Group, wie für die gesamte Finanzindustrie, spür- und sichtbar. Momentan herrscht eine grosse Unsicherheit und Anleger sind entsprechend zurückhaltend bei allen Assetklassen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Unternehmen unseres Investmentfokus, das heisst kleine und mittelgrosse Unternehmen mit innovativen Konzepten, derzeit unter Druck geraten sind. Das Ende der Phase expansiver monetärere Politik und damit verbunden gestiegener Zinsen führt zu einer Kontraktion der Bewertung dieser Unternehmen. Es werden wohl weiterhin Investitionen getätigt, aber selektiver. In dieser Normalisierung werden die Geschäftsmodelle kritischer beurteilt. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die noch kein Geld verdienen beziehungsweise deren Ertragskraft weit in der Zukunft erwartet wird.

Mittelfristig wird sich das wieder aufhellen, oder wie sehen Sie das?

Healthcare wird ein Megatrend bleiben. Die Corona-Pandemie hat die Sensibilität für Gesundheitsthemen nachhaltig geschärft. Die Bellevue Group verfügt in diesem Bereich über eine klare Positionierung und anerkannte Expertise. Wie erklärt, werden Anlagen jedoch auch in diesem attraktiven Sektor gezielter und selektiver getätigt. So sind wir gefordert, passende Lösungen für diese neue Selektivität zu definieren. Solide Geschäftsmodelle sind gefragt, die bereits rentabel sind oder zeitnah rentabel werden. Historisch betrachtet, ist der Healthcare-Sektor eine Art von Vorlaufindikator. Das gilt auch für die derzeitige Phase, bei welchem die Kurskorrekturen bereits im Frühling 2021, vor Einsetzen von Inflationsängsten, Zinssteigerungen, Ukrainekrieg und weiteren erschwerenden Umweltfaktoren einsetzten.

«Healthcare-Anlagen werden auch künftig laufen, aber nicht mehr alle. Die grosse Flut, bei der alle Boote steigen, ist vorbei.»
André Rüegg, CEO Bellevue Group und Bellevue Asset Management

Ist vor diesem Hintergrund eine frühzeitige Erholung des Sektors denkbar?

Erste Zeichen dafür sind sichtbar. Eine nachhaltige Erholung setzt jedoch voraus, dass sich das System zunächst beruhigen muss. Hierfür muss unter anderem die Inflation unter Kontrolle gebracht werden und die Zinsfront eine Stabilisierung erfahren.

In der Asset-Auswahl ist die Bellevue Gruppe hochspezialisiert, in erster Linie im erwähnten Gesundheitsbereich. Der dürfte ja wohl immer wieder laufen…

Wir glauben an diesen Sektor, wenngleich kurzfristig die Dynamik fehlt. Unter anderem was die M&A-Aktivitäten betrifft. Strukturell sowie mittel- bis langfristig sehen wir weiterhin grosses Potential. Die Fundamentaldaten sind hierfür absolut intakt. Qualitativ hochstehende Anlagen und ein aktives Management werden zentral für den Anlageerfolg sein. Ein hohes Verständnis für diesen Sektor, die handverlesene Auswahl der Unternehmen und die gezielte Diversifikation sind unabdingbar. Dank Erfahrung und Anlageexpertise ist die Bellevue Group prädestiniert, den Anlegern Investments mit soliden Perspektiven zugänglich zu machen. Healthcare-Anlagen werden auch künftig laufen, aber nicht mehr alle. Die grosse Flut, bei der alle Boote steigen, ist vorbei.

Was reizt Bellevue neben dem amerikanischen Krankenversicherungsgiganten UnitedHealth (mit einer Drittel Billion USD Jahresumsatz) an Humana, die sich ebenfalls im Portfolio befindet?

Im Gegensatz zu UnitedHealth, das neben der Dienstleistungssparte eine Vielzahl von Krankenversicherungen anbietet, fokussiert sich Humana auf «Medicare Advantage»-Krankenversicherungen, die überdurchschnittlich wachsen. «Medicare Advantage» sind erweiterte Krankenversicherungen für Senioren ab 65, die sehr beliebt sind. Rund 39% der amerikanischen Senioren sind mit «Medicare Advantage» krankenversichert. Wir rechnen damit, dass die Durchdringung um 1-3% pro Jahr steigt und dies in einer alternden Bevölkerung.

Sie verschmelzen gerade den Vermögensverwalter StarCapital mit der Bellevue Asset Management GmbH in Frankfurt. Wird Deutschland noch vor UK und der Schweiz das grosse Zugpferd im Stall werden?

Unsere Zielmärkte sind neben dem Heimmarkt Schweiz insbesondere Kontinentaleuropa und da allen voran Deutschland sowie England. Deutschland ist uns nicht nur geographisch, sondern auch kulturell sehr nahe und bietet einen sehr grossen und interessanten Anlegermarkt. Unser Nachbarland spielt seit vielen Jahren eine strategisch wichtige Rolle, stammen von dort doch rund ein Drittel der von uns betreuten Kundenvermögen. Mit der organisatorischen Optimierung wollen wir den für die Bellevue Group zentralen Markt noch besser und intensiver bearbeiten.

«Deutschland ist uns nicht nur geographisch, sondern auch kulturell sehr nahe und bietet einen sehr grossen und interessanten Anlegermarkt.»

Ihr luxemburgischer Fonds Bellevue Digital Health mit Fokus auf die Digitalisierung des Gesundheitssektors hat auf Jahressicht die Hälfte seines Wertes verloren. Ist er Opfer einer Übertreibung, weil Software-Aktien weltweit zusammengeknüppelt wurden?

Der Bellevue Digital Health hat im aktuellen Jahr rund 31% (in CHF per 11. Juli 2022) verloren. Obwohl die Fundamentaldaten der Portfoliounternehmen mit einem durchschnittlichen erwarteten Umsatzwachstum von etwas mehr als 30% voll intakt sind, haben die Bewertungsmultiples wegen des reduzierten Risikoappetits der Investoren stark korrigiert. Dies ist insbesondere auf steigende Inflations- und Zinserwartungen in den USA zurückführen. Die Digitalisierung von Gesundheitsthemen und die entsprechenden Lösungsansätze werden auch ungeachtet der kurzfristigen Entwicklungen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Sie werden einen wichtigen strukturellen Beitrag zur Effizienzsteigerung und Kostenreduktion im Gesundheitssystem leisten. Deshalb bleiben die überdurchschnittlichen Wachstumschancen mittel- und langfristig intakt.

International hat Bellevue erste Vertriebsvorstösse in ausgewählten lateinamerikanischen Märkten wie Chile und Peru unternommen. Wieso nicht Brasilien oder Argentinien?

Chile und Peru verfügt über einen strukturell attraktiven institutionellen Markt. Insbesondere über ein gut aufgestelltes Pensionskassensystem, vergleichbar mit unserem Schweizer System. Dieser ausgereifte, hoch regulierte und transparente Pensionskassenmarkt mit rund 20 Instituten in Chile und Peru, den sog. «Administradoras de Fondos de Pensiones», hat grossen Bedarf an professionellen Asset Management-Dienstleistungen, die sich durch einen gut geregelten Marktzugang mit Luxemburger Fonds realisieren lassen. Das gilt für andere lateinamerikanische Länder, wie Brasilien oder Argentinien nicht gleichermassen.

Was wird in den für Sie «kleinen» USA geschehen?

Die USA ist als grösster Kapital- und Investitionsmarkt sicher sehr attraktiv. Gleichzeitig ist er wohl auch der kompetitivste Markt. Viele Unternehmen, in die wir investieren, sind in den USA verankert. Viele US-Fonds investieren auch in Gesundheitsthemen und für reine Healthcare-Strategien sehen wir gegenwärtig kein attraktives Potential, vor allem aus der Abwägung von Chancen und Risiken. Deshalb stellt sich die Frage, was wir in den USA wollen. Ein Markteintritt im «Healthcare-Mutterland» wäre wohl wie Schweizer Bier nach Bayern zu bringen. Derzeit sehen wir unsere unmittelbaren Wachstumsmöglichkeiten eher in Europa und Asien, wo wir gut repräsentiert und positioniert sind.

«Ein Markteintritt im «Healthcare-Mutterland» wäre wohl wie Schweizer Bier nach Bayern zu bringen.»

Im letzten Geschäftsjahr erzielten Sie eine unglaubliche Eigenkapitalrendite von 38.6%, getrieben nicht nur von positiven Erfolgsprämien, sondern auch von Prozessverbesserung. Wo liegt die Ziellinie bei Ihrer Cost-/Income Ratio?

Wir streben mittelfristig eine Cost-/Income-Ratio von unter 60% an. Eine Ratio zwischen 55 und 60% erachten wir als ideal, bestenfalls 50%. Bei einem tieferen Verhältnis müsste die Frage gestellt werden, ob wir tatsächlich genügend Mittel in unsere Zukunft investieren. In der genannten Bandbreite fühlen wir uns komfortabel, da unser Geschäft sehr skalierbar ist.

Liege ich falsch, wenn ich vorhersage, dass der Bereich Private Equity bei Ihnen in den nächsten Jahren das grösste prozentuale Wachstum haben wird?

Die Ertragsdiversifikation ist ein wichtiger Teil unserer Strategie. Da sehen wir im neu aufgebauten Bereich «Privatmarktanlagen» in der Tat ein interessantes und beträchtliches Wachstumspotential, jedoch noch auf tiefem Niveau. Im Gegensatz zum traditionellen Asset Management geht es jedoch nicht vornehmlich um ein Volumen- sondern eher um ein Ertragsspiel. Unser Credo ist deshalb «Qualität vor Quantität». Es gilt für unsere Anleger interessante Investitionsmöglichkeiten zu finden und dabei sehr selektiv zu agieren. Dann bieten solche Anlagen bei einem Exit attraktive Renditen an, bei welchen wir mit partizipieren können.

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