Andreas Schönenberger, VR Sanitas & künftiger CEO Salt, im Interview

Andreas Schönenberger, VR Sanitas & künftiger CEO Salt, im Interview

Andreas Schönenberger (Bild: UnternehmerZeitung)

Interview von Anouk Arbenz und Christoph Hilber, Unternehmerzeitung, P-Connect

Recherchen über Sie im Internet haben relativ wenig Früchte getragen. Wie machen Sie das?

Andreas Schönenberger: Mein Ziel ist es, das zu machen, wofür ich eine Leidenschaft habe. Ob ich dadurch mehr oder weniger präsent bin online, ist für mich nicht massgebend. Heutzutage hat man praktisch keine Chance mehr, den Überblick darüber zu haben, wer welche Daten hat.

«Es liegt in der Natur von uns Menschen, neugierig zu sein und unser Wissen vermehren zu wollen.» Andreas Schönenberger, mehrfacher Verwaltungsrat und zukünftiger CEO Salt

Was halten Sie von der Diskussion über Datenschutz?

Es gibt eine ewige Diskussion darüber, wie viel der Einzelne kontrollieren sollte und wer welche Daten nutzen darf. Im Moment ist die Macht bei den grossen Internet-Firmen. Ihr Ziel ist es, die Daten dafür zu nutzen, den Leuten Convenience bieten zu können. Man sollte sich dessen bewusst sein, wenn man (gratis) Services nutzt. Die Balance zu halten zwischen «Nutzen» und «Privatsphäre» ist nicht einfach.

Wann geht die Technologie einen Schritt zu weit?

Was zu weit geht und was nicht, ist schwer zu beantworten. Ich denke, es liegt in der Natur von uns Menschen, neugierig zu sein und unser Wissen vermehren zu wollen. Ich vertraue darauf, dass wir einen Weg finden werden.

Sie denken also, dass wir auf die Selbstregulierung vertrauen können?

Wir Menschen haben die Fähigkeit, Dinge immer wieder neu zu hinterfragen. So entsteht ein Diskurs, der hoffentlich die richtige Richtung aufzeigt. Natürlich ist es eine Entwicklung, die gewisse Leute mit Angst betrachten. Es ist unheimlich spannend, wie die Leistungsfähigkeit von Computern ständig zunimmt. Es gibt Vorhersagen, dass wir ca. im Jahr 2030 einen Rechner haben werden, der so leistungsfähig sein wird wie das menschliche Gehirn. Aber kann man diesen so nutzen, dass wir Menschen davon profitieren?

«Offen bleibt, welche Herausforderungen es für uns in Zukunft auf breiter Basis gibt, um leistungsfähig zu bleiben, und ob wir das überhaupt wollen.»

Stephen Hawking warnt davor: In der Vergangenheit sei es immer so gewesen, dass die intelligentesten und anpassungsfähigsten Wesen die anderen verdrängt haben.

Werden durch die Digitalisierung bestimmte Kompetenzen und Fähigkeiten nichtig?

Durch die Digitalisierung gebe ich immer mehr Kompetenzen ab: Das Navigieren überlasse ich dem Auto, das Rechnen dem Computer, Telefonnummern merken muss ich mir auch nicht mehr. Eigentlich muss ich gar nicht mehr so viel können und wissen, um in der Gesellschaft einfach zu überleben. Meines Erachtens hat der Mensch jedoch genügend Möglichkeiten und die nötige Neugierde, neue Tätigkeitsfelder zu finden, die das Gehirn beanspruchen. Offen bleibt, welche Herausforderungen es für uns in Zukunft auf breiter Basis gibt, um leistungsfähig zu bleiben, und ob wir das überhaupt wollen.

Sie haben in Ihrer Karriere in verschiedenen Bereichen und Sektoren gearbeitet. Wie kommt man zu diesen ganz unterschiedlichen Mandaten?

Es war immer mein Ziel, die Welt – so weit das möglich ist – zu verstehen, zu begreifen und wenn möglich zum Positiven zu verändern. Ich hatte vertiefte Einsicht in verschiedenste Gebiete, das übergreifende Thema meiner Tätigkeiten ist jedoch die digitale Transformation. Das charakterisiert unsere Zeit. Die Digitalisierung hat die Welt wirklich fundamental verändert. Das Internet gibt es seit gerade mal 25 Jahren, das Smartphone seit etwa acht Jahren – dessen ist man sich gar nicht so bewusst. Mit meinen Erfahrungen kann ich Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung beraten.

Von welchen Erfahrungen aus Ihrer Zeit bei Google können Sie heute als VR profitieren?

Google ist ein sehr inspirierendes Unternehmen mit starkem Tech-Charakter. Bei Google wird man dazu aufgefordert, den Status Quo immer wieder in Frage zu stellen. Aber auch Google muss gewisse Grundsätze der ordentlichen Geschäftsführung beachten. Bei der Sanitas, die sich gerade sehr stark verändert und auf dem Weg zur Digitalisierung ist, kann ich meine Erfahrungen einbringen. Man muss sich aber bewusst sein, dass man nicht einfach die Google-Welt kopieren und einpflanzen darf.

«Quantified Self» ermöglicht es, alle Körperfunktionen und –stati permanent zu messen. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Bereich?

Im Medtech-Bereich gibt es vielversprechende Startups, auch in der Schweiz. In Zukunft einfacher Diagnosen stellen zu können, ist für Risikogruppen sehr spannend. Zum Beispiel kann der Herzschlag von Patienten mit Herzrhythmusstörungen während 7×24 Stunden aufgezeichnet werden. Im Notfall wird sofort ein Alarm ausgelöst. Diese Frühwarnsysteme erhöhen die Lebensqualität enorm und können Leben retten. Mit Quantified Self sieht ein Arzt sofort, was passiert, und kann die Behandlung personalisieren.

«Künstliche Intelligenzen, wie es sie heute gibt, sind für eine bestimmte Disziplin optimiert. Ihnen fehlt das allumfassende und differenzierte Denken.»

Gleichzeitig sehe auch ich, was mit meinem Körper geschieht, wenn ich mich zum Beispiel schlecht ernähre oder zu viel Alkohol trinke. Menschen reflektieren ihr Verhalten oft besser und passen sich schneller an, wenn sie etwas zurückgespielt bekommen.

Wie digital können oder sollen VR-Sitzungen sein? Was halten Sie von einem Algorithmus, wie es ihn z. B. bei Deep Knowledge Ventures gibt?

Früher schleppte man noch Bundesordner zur Sitzung, heute ist fast alles digital. Personen, die nicht anwesend sein können, schaltet man über Video zu. Auch online Vorab-Stimmabgaben für Generalversammlungen setzen viele Firmen bereits ein. Ein letzter Schritt sind dann eben Algorithmen. Darüber wird in den Medien gerade sehr viel diskutiert. Man braucht sie, um grosse Datenmengen zu analysieren. Das ist gut und wichtig und kann zusätzliche Informationen liefern.

Um eine eigene Stimme im VR zu haben, braucht es jedoch eine übergreifende Intelligenz. Künstliche Intelligenzen, wie es sie heute gibt, sind für eine bestimmte Disziplin optimiert. Ihnen fehlt das allumfassende und differenzierte Denken. Zudem bin ich überzeugt, dass die physische Nähe in einem Team zusätzliche Kommunikationsebenen miteinbezieht und zu besseren Entscheiden führt. Der Computer ist (noch) nicht so weit.

Der Mensch wird durch neue Technologien immer mehr verdrängt. Können Ihrer Meinung nach genug alternative Stellen geschaffen werden?

Die Digitalisierung wird Jobs verändern und auch eliminieren, so wie das bei der Industrialisierung bereits der Fall war. Das heisst nicht, dass es nur noch Aufgaben für hochintelligente Menschen geben wird. Oft limitieren heutige Jobs die Leute unnötig. Ich könnte mir vorstellen, dass wir als Gesellschaft deshalb auch einen Weg finden werden, in dieser neuen Organisation Aufgaben für alle möglichen Menschen zu finden. Es werden neue Stellen und neue Umfelder geschaffen. Bereits heute gibt es beispielsweise Stellenausschreibungen für: «Youtubers», «Bloggers» und «Gamers», was früher undenkbar gewesen wäre.

«Es stellt sich die Frage, ob mit diesem (Sharing-) Modell genug Geld verdient werden kann, und wer wie viel daran verdient. Damit dieses für die Gesellschaft von Vorteil ist, bräuchte es meiner Ansicht nach deshalb auch Rahmenbedingungen.»

Traditionelle Geschäftsmodelle werden immer mehr in Frage gestellt. Wo sehen Sie Chancen, wo allenfalls Gefahren der sogenannten «Uberisierung»?

Bei Uber oder auch Airbnb zum Beispiel nimmt die Digitalisierung Ineffizienzen aus dem System. Solche Sharing-Modelle dringen in immer mehr Bereiche ein. Die Folge davon ist unter Umständen, dass die Leute immer selbständiger werden. Spinnt man diesen Gedanken weiter, stellt sich die Frage, ob mit diesem Modell genug Geld verdient werden kann, und wer wie viel daran verdient. Damit dieses für die Gesellschaft von Vorteil ist, bräuchte es meiner Ansicht nach deshalb auch Rahmenbedingungen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie verändern wollen?

Mein Wunsch ist, insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung, dass diese zum Wohl der Menschheit eingesetzt wird. Also einen Nutzen stiftet für die Gesellschaft. Das ist mein Wunsch und meine Hoffnung.

Der Gesprächspartner:
Dr. Andreas Schönenberger (1965) promovierte in Theoretischer Physik an der ETH Zürich und schloss seinen MBA an der London Business School ab. Nach achtjähriger Tätigkeit bei der Boston Consulting Group und der Monitor Group arbeitete er während vier Jahren als Geschäftsführer der Google Schweiz AG. Anschliessend war er Mitglied im Verwaltungsrat der Publigroupe, Zanox und Bisnode. Heute führt Schönenberger die Boxalino AG und leitet den Verband smama (The swiss mobile association). Daneben hat er verschiedene VR-Mandate inne, unter anderem bei Mobilezone und seit 2015 bei der Sanitas Krankenversicherung. Vor ünf Jahren gründete er mit @speed sein eigenes Internet Beratungsunternehmen. Zudem ist er Mitglied im Geschäftsleitungsausschuss des MCM-Instituts der Universität St. Gallen.

Nach Aufzeichnung des Interviews wurde am 25. Januar 2016 bekannt, dass Andreas Schönenberger per 15. März 2016 CEO des Mobifunkanbieters Salt wird. Auf diesen Zeitpunkt werde er sein VR-Mandat bei Mobilezone abgeben. Der ehemalige Chef von Google Schweiz solle eine Schlüsselrolle bei der Festigung des Management-Teams von Salt innehalten, hiess es in der Medienmitteilung. Und: Der Schweizer sei “ein Wegbereiter für die Digitalisierung in der Schweiz”.

Meldung vom 25. Januar zur Enennung als Salt CEO…

 

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