Andreas Wicki, CEO HBM Healthcare Investments im Interview

Andreas Wicki

Andreas Wicki, CEO HBM Healthcare Investments. (Foto: HBM)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Wicki, in den letzten fünf Jahren sind Biotechaktien dreimal so stark gestiegen als die ohnehin schon gut gelaufenen Standardwerte. Das ist doch eine Blase…

Andreas Wicki: Das sollte man differenziert betrachten. Im Bereich der klein- und kleinstkapitalisierten Werten gibt es eine Tendenz für eine Überbewertung. Bei den grosskapitalisierten Werten wie Celgene, Biogen und Alexion kriegt man im Vergleich zu Pharma-Standardwerten ein doppelt so hohes Gewinnwachstum für die nächsten 3 Jahre zu einem lediglich leicht höherem Kurs-Gewinn-Verhältnis. Zudem liegt das Bewertungsniveau des Gesundheits-Sektors (MSCI World Health Care Index) im Vergleich zum Weltmarktindex MSCI World gerademal im längerfristigen Durchschnitt.

Ist denn die Gewinnentwicklung plötzlich so dynamisch?

Die Entwicklung in der Biotechnologie-Industrie in den vergangenen Jahren war in Sachen Innovation und neuen Medikamenten-Zulassungen beispielslos und nicht vergleichbar mit der Tech-Boomphase um die Jahrtausendwende, als viele Unternehmen alleine mit zukunftsträchtigen Geschäftsmodellen (auf Papier) die Aktienkurse zum Höhenflug trieben. Heute ist die Branche gereift, und die Zahl profitabel arbeitender Unternehmen steigt stetig. Wir beobachten weiterhin eine Vielzahl von neuen und innovativen Medikamenten, die sich in fortgeschrittener Phase befinden und in absehbarer Zeit auf den Markt gelangen könnten. Der Zyklus könnte demnach noch ein paar Jahre dauern. Die Biotechnologie-Industrie hat sich als das Innovations-Rückgrat der Pharmazeutischen Industrie etabliert. Dies erkennt man auch am weiterhin ungestillten Hunger der Pharma-Unternehmen im Bereich der Übernahmen von Biotechnologie-Gesellschaften.

Aber ihre Beteiligung Ophthotech beispielsweise hat eine Marktkapitalisierung von zwei Milliarden Dollar. Das ist das Zehnfache des Buchwertes und das Zwanzigfache des Umsatzes….

Biotechnologie-Aktien, die noch keine Umsätze und Gewinne erwirtschaften, lassen sich nicht auf Basis von Multiples bewerten. Hier ist die Beurteilung des Fortschritts der klinischen Entwicklung eines Arzneimittelkandidaten und der zukünftig möglichen Verkaufserlösen entscheidender. Bei Ophthotech sind diese Faktoren mit verantwortlich für die erfreuliche Kursentwicklung.

Sie sprechen dabei sicher die gross angelegten Phase 3-Studien für ein Medikament zur Behandlung der altersbedingten feuchten Makuladegeneration an…

Der Arzneimittelkandidat Fovista wird gerade in Kombination mit führenden, auf dem Markt erhältlichen Medikamenten Lucentis (Roche/Novartis), Eylea (Regeneron/Bayer) und Avastin (Roche) getestet. Frühere Studienresultate belegten bereits eine bessere Wirksamkeit – in Form einer Verbesserung des Sehvermögens – als die heutigen Standard-Therapien. Sollte das Medikament in ein paar wenigen Jahren auf den Markt gelangen, trauen Analysten dem Präparat von Ophthotech jährliche Verkaufserlöse von einer Milliarde Dollar und mehr zu. Damit relativiert sich der heutige Börsenwert bei weitem. Zudem konnte das Unternehmen kürzlich mit Novartis eine der grössten Lizenzvereinbarungen der Geschichte für die Marktrechte ausserhalb der USA für ein Biotechnologie-Unternehmen abschliessen. Die Summe aller Zahlungen für Erst- und Meilenstein-Zahlungen (ohne künftige Lizenzgebühren) kann sich auf mehr als eine Milliarde Dollar belaufen.

Aber so ganz scheinen Sie selbst dem Markt nicht zu trauen, sonst hätten Sie vor ein paar Monaten nicht den NASDAQ Biotechnology Index ETF leer verkauft…

Nachdem der Gesundheitssektor und insbesondere der Biotechnologie-Sektor eine sehr starke Entwicklung verzeichnen konnten, ist eine Konsolidierung oder ein Rückgang aufgrund von Gewinnmitnahmen nicht auszuschliessen. Daher haben wir einen kleinen Teil, rund ein Zehntel des Portfoliowerts der kotierten Investitionen, marktabgesichert. Durch einige Börsengänge von vormals privaten Positionen in den USA ist der Anteil der kotierten Investitionen am Portfolio auf rund zwei Drittel angestiegen. Daher sehen wir es als opportun an, einen Teil abzusichern. Zudem sind wir stetig daran, Gewinne mitzunehmen, wo es sich anbietet, einerseits um der teils ambitionierten Marktbewertung von klein und mittelgross kapitalisierten Unternehmen Rechnung zu tragen und andererseits um mit den freigewordenen Mittel neue interessante Opportunitäten wahrnehmen zu können.

«Bei der Euroabsicherung lagen wir goldrichtig, beim Zeitpunkt der Absicherung hat sicher auch etwas Glück mit gespielt.»
Andreas Wicki, CEO HBM Healthcare Investments

Dafür lagen Sie mit der Euroabsicherung kurz vorm SNB-Entscheid ja goldrichtig. War das Bauchgefühl oder eine Analystenentscheidung?

Wir verfolgen die Situation an den Devisenmärkten im Rahmen des Portfolio- und Risikomanagements kontinuierlich – nicht zuletzt aufgrund unseres hohen Fremdwährungs-Exposures von 80 Prozent im Portfolio. Aufgrund des Verhaltens der Europäischen Zentralbank sahen wir weiter verstärkten Druck auf den Euro gegenüber dem Schweizer Franken zukommen. In unserer Beurteilung lagen wir richtig, beim Zeitpunkt der Absicherung hat sicher auch etwas Glück mit gespielt.

In den letzten Jahren hat HBM stark von Börsengängen und Wertsteigerungen der dann kotierten Titel profitiert. Welchem Ihrer Private Equity Investments trauen Sie den nächsten Börsengang zu?

In unserem Portfolio sehen wir bei allen grösseren Beteiligungen potenzielle Börsenkandidaten. Falls die operative Entwicklung der Unternehmen weiterhin erfreulich verläuft und das Börsenumfeld attraktiv bleibt, werden wir in den kommenden 12 Monaten den einen oder anderen Börsengang sehen.

Einer der grössten (börsenkotierten) Investitionen ist Esperion Therapeutics und macht 5 Prozent des HBM Anlagevolumens aus. In diesem Therapiegebiet rivalisiert Esperion aber mit Sanofi und Amgen. Das dürfte hart werden?

Der Vorteil von Esperions potenziellem Therapeutikum, ETC-1002 (derzeit vor Beginn der Phase 3), ist die orale Einnahme – wie die derzeitige Standardtherapie mit Statinen – im Vergleich zu einer Injektion bei den PCSK9‘s von Sanofi und Amgen. Eine zusätzliche orale Therapie dürfte daher im Markt für Cholesterinsenker besser aufgenommen werden als eine Injektion. Zudem ist anzunehmen, dass Esperions Therapie dereinst preislich unter dem Level der wohl teureren Biologika von Amgen und Sanofi/Regeneron angeboten wird. Dies ist ein nicht unbedeutender Vermarktungsvorteil in einem sehr grossen Therapiegebiet im Bereich der Cholesterinsenker. Dieses Profil dürfte Esperion früher oder später zum attraktiven Vermarktungspartner oder gar Übernahmekandidaten für ein grosses Pharma-Unternehmen machen.

«Esperion dürfte früher oder später zum attraktiven Vermarktungspartner oder gar Übernahmekandidaten für ein grosses Pharmaunternehmen werden.»

Zwei Drittel Ihres Engagements in Enanta haben Sie abgebaut. Lag das an den Preisreduktionen, welche die Gesundheitsbehörden auf die Hepatitismedikamente durchgeboxt hatten? Das ist sicherlich schlecht für die langfristigen Gewinnaussichten bei diesem Unternehmen gewesen.

Der Pushback der Arzneimitteleinkaufsorganisationen in den USA war sicherlich eine Negativ-Überraschung. Für die kommenden Jahre sehen wir trotzdem noch bedeutendes Umsatz- und Gewinnpotenzial für die Unternehmen in diesem Marktsegment. Die Investorengemeinde dürfte derzeit die Situation um die Preise eher etwas überschätzen – das zukünftige Potenzial unterschätzen. Bei Enanta waren wir seit über 10 Jahren investiert. Das Unternehmen hat sich erfreulich entwickelt und mit der Zulassung ihres Haupt-Medikamentes einen bedeutenden Werttreiber erreicht. Dies widerspiegelt sich in der Aktienkursentwicklung. Aufgrund der Bewertung haben wir die Position in der Zwischenzeit vollständig verkauft. Insgesamt haben wir einen Multiple auf dem Investment von über 5 erzielt.

Wie läuft es denn mit Ihrem chinesischen Biotechinvestment?

Die Entwicklung bei Cathay ist ein zweischneidiges Schwert. In ihrem angestammten Kerngeschäft, der Dicarbonsäureproduktion, in welcher das Unternehmen Marktführer ist, erzielt Cathay Umsätze von über 100 Millionen USD pro Jahr. Das Unternehmen verspricht sich zudem grosses Potenzial im Bereich der vollständig biotechnologischen Herstellung von Nylon, dem sogenannten grünen Nylon. Die einstmalige Geschäftserweiterung in den Bereich der Biobutanol-Produktion (aus Mais) jedoch verlief nicht wunschgemäss, und die durch den Ausbau „verursachte“ Verschuldung erweist sich heute als hohe Bürde. Das Unternehmen prüft derzeit verschiedene strategische Optionen, um wieder auf Kurs zu gelangen. Aufgrund der vorhandenen Unsicherheit haben wir den Buchwert der Beteiligung im vergangenen September 2014 gemäss unserem Grundsatz der vorsichtigen Bewertung signifikant reduziert.

Nachdem Laxey Partners auf der Generalversammlung mit seinem Wunsch nach einer Zusatzdividende von 10 Franken ja aufgelaufen ist, legten Sie jetzt zwei Anleihen auf und verschaffen sich damit noch mehr finanzielle Flexibilität. Signalisiert das eher, dass Sie billig Geld bunkern oder haben Sie plötzlich so viele neue Investmentideen?

Wir prüfen laufend verschiedene Investitionsgelegenheiten und gehen davon aus, dass die eine oder andere Transaktion in den nächsten Monaten zum Abschluss kommen kann. Wir könnten den Finanzierungsbedarf aus den verfügbaren Mitteln oder durch den Abbau von kotierten Investitionen decken. Bei einigen der bestehenden Positionen schaffen wir für die Aktionäre Mehrwert, wen wir die Position im Rahmen einer Firmenübernahme veräussern können. Bei anderen sehen wir generell weiteres Wertpotenzial und möchten diese noch nicht vollständig abbauen.Durch die Mittelaufnahme wollen wir bewusst vom derzeit günstigen Zinsumfeld profitieren. Die Fremdkapitalaufnahme von CHF 100 Millionen steht sowohl in Bezug auf die Grösse im Vergleich zum gesamten Nettovermögen von HBM Healthcare Investments (rund 10 Prozent), als auch in Bezug zu jederzeit liquidierbaren Anlagen in börsenkotierten Gesellschaften von rund CHF 650 Millionen in einem gesunden Verhältnis. Wir sind überzeugt, dass wir mit den neuen Mitteln Mehrwert für unsere Aktionäre schaffen können.

Bei den Wiederwahlen zum Verwaltungsrat enthielten sich rund ein Fünftel der Aktionäre bei den Schweizer Verwaltungsräten der Stimme. Die ausländischen Verwaltungsräte wurden aber stattdessen mit rund 99 Prozent bestätigt. Finden Sie das nicht kurios?

Generell kommentieren wir keine Wahlergebnisse zu einzelnen Verwaltungsratsmitgliedern. Wir respektieren die Entscheidung unserer Aktionäre voll und ganz.

Zur Person
Andreas Wicki ist ein erfolgreicher Unternehmer und Investor im Bereich des Gesundheitswesens und verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in der Pharma- und Biotechnologiebranche. Er war Miteigentümer und Geschäftsführer der ANAWA Holding AG und der Clinserve AG, zwei Auftragsforschungsgesellschaften für Analyse, Logistik und Datenmanagement klinischer und präklinischer Studienproben. Wicki studierte Chemie und Biochemie an der Universität Bern, schloss mit dem Doktorexamen ab und war u.a. Mitglied im Verwaltungsrat der Basilea und PharmaSwiss. Er ist aktiver VR bei Buchler GmbH, Pacira Inc. und HBM Healthcare Investments (Cayman) Ltd.

Zum Unternehmen
Die Beteiligungsgesellschaft HBM Healthcare Investments investiert im Sektor Gesundheit und hält gegenwärtig ein internationales Portfolio von rund 25 erfolgversprechenden Unternehmen in Humanmedizin, Biotechnologie, Medizinaltechnik und Diagnostik sowie verwandten Gebieten. Die Hauptprodukte vieler dieser Unternehmen sind in fortgeschrittener Entwicklung oder bereits am Markt eingeführt. Die Unternehmen werden eng begleitet und in ihrer strategischen Ausrichtung aktiv unterstützt. HBM Healthcare Investments wird von einem internationalen Aktionariat getragen und ist an der SIX Swiss Exchange kotiert.

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