Anja Graf, Gründerin, Inhaberin und CEO VISIONAPARTMENTS, im Interview

Anja Graf
Anja Graf, Gründerin, Inhaberin und CEO VISIONAPARTMENTS. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Graf, VISIONAPARTMENTS hat in den letzten Jahren stark expandiert. Allein in den letzten fünf Jahren kamen über 1000 möblierte Serviced Apartments dazu. Welches waren die Treiber dieser Entwicklung?

Anja Graf: In der heutigen Zeit der Schnelllebigkeit und Globalisierung sind Serviced Apartments eine passende Lösung für unsere Gesellschaft. Der Co-Hype ist sehr beliebt und die Leute wollen sich weniger binden. Sie suchen nach flexiblen Möglichkeiten und Konzepten im privaten und professionellen Bereich. Wir spüren vor allem den Trend zur Individualisierung, greifen dies auf und setzen es um. Zudem bleibt der Schweizer Mietmarkt in den grossen Städten weiterhin angespannt. Hier schliessen Serviced Apartments eine Angebotslücke für Privatpersonen, Expats und Firmen.

Und die Coronapandemie in den letzten eineinhalb Jahren – praktisch ohne Geschäfts- und Freizeitreisende – hat die Expansionspläne nie in Frage gestellt?

Nein. Corona hatte zwar starke Auswirkungen auf unsere Branche: Die Auslastung sank gruppenweit zwischenzeitlich auf 50 Prozent, bei einem Schnitt über die letzten 20 Jahre von 95 Prozent. Vor allem unsere Standorte in Deutschland und Österreich waren stark betroffen. Unterdessen hat sich die Lage etwas stabilisiert. In Zürich – unserem grössten Standort – sind wir wieder bei knapp 80 Prozent, und die Zahlen steigen. Aber es gab in dieser Krise auch interessante Phänomene: In Zug blieben die Gästezahlen immer hoch. Und in Saint-Sulpice, direkt neben den Universitäten EPFL und UNIL, sind unsere Apartments jetzt schon wieder «fully booked». Wir sind zuversichtlich, dass sich der Markt erholt und bleiben auf unserem Expansionskurs.

Wie sehen Sie die Entwicklung längerfristig? Geschäftsreisende sind eine Hauptzielgruppe von VISIONAPARTMENTS und ob Geschäftsreisen das alte Niveau wieder erreichen, scheint ungewiss.

Die klassischen Geschäftsleute machen trotz der Pandemie die Mehrheit unserer Kundschaft aus. Vor der Pandemie gab es zwar mehr Geschäftsreisen, aber jetzt bleiben die Gäste oft länger. Ein Trend geht dahin, dass Geschäfts- und Privatreisen kombiniert werden, weshalb die Gäste oftmals noch ein paar Tage anhängen. Und obwohl Meetings online stattfinden, sind viele Firmen der Meinung, dass die virtuellen Treffen nicht immer ein langfristiger Ersatz für Geschäftsreisen sind.

Wir dürfen auch vermehrt Privatpersonen willkommen heissen. Einerseits Schweizer, die ihre Ferien im Land verbringen, andererseits die „modernen Wohnnomaden“, die sich in Sachen Wohnung und Wohnort nicht binden wollen. Des Weiteren gibt es Lebenssituationen, in denen der Wunsch nach einem temporären Zuhause kurzfristig aufkommt (Trennungen, Wohnungssuche, Eigenheim noch nicht fertiggestellt, Wasserschäden, Krankheiten der Verwandten etc.) – auch da merken wir eine steigende Nachfrage.

«Ein Trend geht dahin, dass Geschäfts- und Privatreisen kombiniert werden, weshalb die Gäste oftmals noch ein paar Tage anhängen.»
Anja Graf, Gründerin, Inhaberin und CEO VISIONAPARTMENTS

Wie lang ist denn die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in Ihren Appartements?

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei ungefähr einem Monat.

Im Zusammenhang mit dem Kauf des Ramada Bucharest Majestic Hotel im März haben Sie davon gesprochen, die Pandemie biete auch einzigartige Chancen. Wo orten Sie diese für Ihr Geschäft?

Die Pandemie brachte uns einige attraktive Immobilienangebote, welche ohne die Krise wahrscheinlich nicht zum Verkauf gestanden wären. Wir nutzten die Krise auch, um unsere firmeninternen Strukturen und Prozesse zu analysieren und zu verbessern.

Den Begriff von Serviced Apartments legt jeder Anbieter etwas anders aus. Was macht denn bei VISIONAPARTMENTS einen Aufenthalt aus?

Unsere Wohnungen bieten ein hohes Mass an Privatsphäre, sind günstiger als Hotels, haben mehr Platz und sind trotzdem unkompliziert ab zwei Übernachtungen buchbar. Auch Anmeldungen bei der Gemeinde sind bei uns möglich. Der Mietpreis enthält sämtliche Dienstleistungen wie alle Nebenkosten, TV- und Internet-Anschluss, die wöchentliche Reinigung und die Schlussreinigung. Zudem ist man nicht an mühsame Kündigungsfristen gebunden. Das innovative Design der Apartments und die komplette Möblierung und Ausstattung sind weitere Merkmale.

Folgt das Design einer einheitlichen Philosophie?

Innenarchitektur und Style spielen eine immense Rolle und heben uns von der Konkurrenz ab. Wir haben ein eigenes Interior Design Team, welches die Apartmentstile plant und diese umsetzt. Die Stile variieren von Apartment zu Apartment, und wir lancieren immer wieder neue Konzepte. Diese dürfen auch gerne etwas ausgefallen sein. Trotzdem muss die Einrichtung funktional sein und über ausreichend Stauraum verfügen.

«Innenarchitektur und Style spielen eine immense Rolle und heben uns von der Konkurrenz ab.»

Mitte Juli hat VISIONAPARTMENTS in Basel einen Wohnkomplex mit 127 Studios eröffnet. Welche weiteren Schritte sieht die Expansion in der Heimat vor?

In 2022 werden wir mit 60 neuen Apartments in Lugano Fuss fassen. Zudem ist die Eröffnung von 316 Apartments in Zürich Glattbrugg im selben Jahr geplant. Natürlich sind wir stets auf der Suche nach interessanten Objekten, in der Schweiz sowie im Ausland. Neben dem Kaufen von eigenen Gebäuden sind wir auch an Management-Verträgen sowie Franchising interessiert.

Inklusive der in Entwicklungs- und Bauphase befindlichen Projekte werden bald rund 2000 Appartements für Reisende bereitstehen. Wie wichtig sind digitale Prozesse, um das Ganze möglichst einfach und einheitlich zu managen?

Digitale Prozesse sind extrem wichtig für unser Business und haben uns geholfen, die Nutzung unserer Ressourcen zu optimieren. Wir haben zum Beispiel unser eigenes Property Management System (VISION Management System) entwickelt, um unsere Prozesse zu optimieren und automatisieren. Zentral für uns sind etwa die Zutrittssysteme. Sobald der Kunde bezahlt hat, kriegt er automatisch den Zugangs-Code zum gebuchten Apartment auf sein Smartphone und er kann dann das Self-Check-in vornehmen. Wenn der Kunde zehn Nächte gebucht hat, läuft der Code automatisch nach dieser Zeit ab. VMS ist eines der ersten Systeme weltweit, das von einem Anbieter von Serviced Apartments entwickelt wurde. Es ist speziell auf unsere Branche zugeschnitten und ermöglicht eine Skalierung des Geschäftskonzepts.

VISIONAPARTMENTS ist seit über 20 Jahren am Markt. Wie ist die Idee dazu damals entstanden?

Vor der Gründung von VISIONAPARTMENTS führte ich mit drei Partnern eine Modelagentur. Wir vermittelten Models und haben Fashion Shows organisiert. Das war eigentlich das erste Unternehmen. Für die Models aus dem Ausland brauchten wir Übernachtungsmöglichkeiten. Hotels waren zu teuer, also habe ich angefangen, einzelne Zimmer zu vermieten, die ich selbst renovierte. Damals gab es in Zürich nur wenige solche Angebote. Ich erhielt immer mehr Anfragen für meine Zimmer, sogar Geschäftsleute wollten diese mieten. Ich war von der Idee überzeugt, mietete und vermietete weitere Apartments, bis ich nach kurzer Zeit das erste Haus kaufen konnte. 1999 erfolgte der Startschuss für VISIONAPARTMENTS: im Herzen von Zürich wurden im Kreis 4 die ersten Wohnungen eröffnet.

«Während ältere Generationen eher grössere Wohnräume bevorzugen, begeistert der Trend der Micro Apartments vor allem Millenials. Ganz nach dem Motto: weniger ist mehr.»

Wie haben sich die Ansprüche Ihrer Gäste in dieser Zeit entwickelt?

Wir leben in einer Zeit der Selbstbestimmung und Individualisierung, und dies sieht man auch im Bereich von Wohntrends. Individualisierung führt auch dazu, dass die Vielfalt der Wohnformen zunimmt. In Bezug auf Einpersonenhaushalte werden vor allem die Services wichtiger, die rund um das Wohnen angeboten werden – Reinigung, Wäscheservice, Essen, Fitness, «Socializing» – natürlich modular. Unsere Produkte sollen genau auf den Mieter zugeschnitten sein und auch nicht mehr beinhalten, als die Kunden möchten – da die Kunden nach kosteneffizienten Lösungen suchen.

Während ältere Generationen eher grössere Wohnräume bevorzugen, begeistert der Trend der Micro Apartments vor allem Millenials. Ganz nach dem Motto: weniger ist mehr. Möblierte Wohneinheiten mit wenigen Quadratmetern werden durch Gemeinschaftsräume wie Küche oder Lounge ergänzt. Dies haben wir z.B. in unseren Häusern in Basel und Vevey umgesetzt: Shared Kitchen, Co-Working Bereiche, Fitness/Wellness.

Letzte Frage: Sie wurden auch schon als «Apartment-Königin» betitelt. Verraten Sie uns, wie Sie selbst wohnen?

Ich wohne in Bukarest. Im Sommer bin ich gerne in Ibiza, und über die Weihnachtszeit in St. Moritz. 50 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit Reisen, entweder geschäftlich für die Expansion meiner Firma oder in den Ferien mit meiner Familie.

Frau Graf, besten Dank für das Interview.

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