Antimo Perretta, CEO Axa Winterthur, im Interview

Massimo Perretta
Antimo Perretta, CEO AXA Winterthur. (Foto: AXA Winterthur)

Antimo Perretta, CEO Axa Winterthur. (Foto: Axa Winterthur)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Perretta, Axa Winterthur hat im ersten Halbjahr das Prämienvolumen stabil gehalten, musste aber deutliche Einbussen beim Unternehmens- und beim Reingewinn hinnehmen. Wie bewerten Sie die ersten sechs Monate des Jahres?

Antimo Perretta: Ich bin mit dem ersten Halbjahr zufrieden. Wir haben in einem anspruchsvollen Marktumfeld solide Resultate erzielt. Besonders erfreulich wuchsen die Netto-Neuabschlüsse in der Hausrat- und Motorfahrzeugversicherung sowie das Neugeschäft in der beruflichen Vorsorge. Dem Unternehmens- und Reingewinn setzte die Situation an den Finanzmärkten zu. Der Reingewinn litt unter temporären Wertschwankungen der Fremdwährungs- und Zinsabsicherungs-Derivate sowie der Wandelanleihen. Wichtig ist für mich der operative Gewinn, wiederspiegelt er doch unser Kerngeschäft, das wir mit unserer Arbeit direkt selbst beeinflussen können. In diesem Bereich konnten wir uns trotz sinkender Anlageerträge aufgrund der Tiefzinsphase sehr gut behaupten.

Der Reingewinn wurde unter anderem durch Fremdwährungs- und Zinsabsicherungen belastet. Wie hat sich Axa Winterthur zum Beispiel auf die Entwicklungen rund um den Brexit-Entscheid vorbereitet?

Gegen Währungsschwankungen sichern wir uns konsequent ab, um unseren Kunden jederzeit eine hohe finanzielle Sicherheit zu bieten. Dies taten wir auch vor dem Brexit-Entscheid mit Absicherungen in Euro und Pfund und einer Reduktion des Aktienrisikos im Euroland und in Amerika. Dieses so genannte Hedging hat aber seinen Preis – die Kosten dafür sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Mehr Freude wird Ihnen die Entwicklung im Sachgeschäft bereitet haben. Zum Beispiel erzielte Axa Winterthur ein Plus von 38% bei den Motorfahrzeug- und Hausratversicherungen. Wie lässt sich dieses doch markante Wachstum erklären?

Wir verzeichneten weniger Annullationen als letztes Jahr und gleichzeitig mehr neue Verträge. Das ist eine starke Leistung insbesondere unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Aussendienst, welche die Kundenbetreuung sehr ernst nehmen. Im Motorfahrzeuggeschäft ist zudem unser neues Flottenprodukt für Unternehmenskunden am Markt sehr gut angekommen.

«Bei rekordtiefen Zinsen ist der Verkauf von privaten Vorsorgeprodukten eine echte Herausforderung.»
Antimo Perretta, CEO Axa Winterthur

Im Kollektivlebengeschäft stiegen die Bruttoprämien um 2,4% auf 5,1 Mrd Franken an. Im Einzelleben hingegen verliefen das Prämienvolumen als auch das Neugeschäft rückläufig. Wie ist das zu erklären?

Bei rekordtiefen Zinsen ist der Verkauf von privaten Vorsorgeprodukten eine echte Herausforderung. Als Lebensversicherer müssen wir hier künftig innovative Lösungen finden. Gerade haben wir ein neues Produkt lanciert, Capital Star, das ein sehr gutes Rendite-/Risikoverhältnis bietet. Der Verkauf ist gut angelaufen.

Ihre Muttergesellschaft hat kürzlich ihren strategischen Plan 2020 mit den Schwerpunkten Fokus und digitale Transformation veröffentlicht. Welche Auswirkungen wird dieser auf die Axa Winterthur haben?

Die Schwerpunkte der AXA Gruppe gelten auch für die AXA Winterthur. Die Strategie in den nächsten vier Jahren richtet sich auf Wachstum durch operative Exzellenz und gezielte Innovationen aus. Insgesamt investiert die AXA Winterthur bis 2020 rund 400 Millionen Franken in ihre Zukunft.

Von diesen 400 Mio Franken sind 160 Mio für innovative Transformationsprojekte vorgesehen. Um Projekte welcher Art könnte es sich konkret handeln?

Wir investieren in die Digitalisierung der Prozesse und in einfache, kundenfreundliche Angebote. Ein Beispiel: In Zusammenarbeit mit Twint bietet die AXA Winterthur ihren Kunden neu eine mobile Zahlungslösung an. Bei einem Schadenfall leisten wir als Versicherer schnell, einfach und bargeldlos vor Ort eine Akontozahlung an unsere Kunden.

«Die Digitalisierung bietet Versicherungsunternehmen die Chance, sich von ihren Konkurrenten zu differenzieren, indem sie neue, zeitgerechte Produkte entwickeln oder Kooperationen mit Start-ups eingehen, die mit neuen technologischen Möglichkeiten oder innovativen Ideen das eigene Geschäftsmodell unterstützen.»

Das Verhalten der Kunden verändert sich und erfordert eine Individualisierung der Versicherungsprodukte. Welchen Mehrwert können die Kunden durch die geplanten Projekte erwarten?

Kunden profitieren von immer einfacheren Services und Zugangswegen. Kunden der AXA Winterthur beispielsweise können sich auch via soziale Medien wie Twitter oder Facebook an uns wenden und eine professionelle Dienstleistung erwarten. Wir sind auch daran, eine App-Version unseres Kundenportals «myAXA» zu lancieren, um unseren Kunden via mobilem Endgerät einfach und schnell Zugriff zu ihren Informationen und Services zu bieten. Die Digitalisierung erlaubt es uns zudem, alle Prozesse schneller und effizienter zu gestalten.

Die Digitalisierung bringt einerseits gewaltige Herausforderungen mit sich. Wo sehen Sie andererseits generell die grössten Chancen für Versicherungen? Welche Ergebnisse erwarten Sie für Ihr Unternehmen?

Die Digitalisierung bietet Versicherungsunternehmen die Chance, sich von ihren Konkurrenten zu differenzieren, indem sie neue, zeitgerechte Produkte entwickeln oder Kooperationen mit Start-ups eingehen, die mit neuen technologischen Möglichkeiten oder innovativen Ideen das eigene Geschäftsmodell unterstützen. Diesen Ansatz verfolgt die AXA bereits seit einiger Zeit sehr intensiv, als Beispiel sind hier unsere Kooperationen mit dem Impact Hub Zürich, Smoope oder autolina.ch zu nennen.

Für den Abschluss einer Reiseversicherung oder einer Hausratversicherung brauchen die Kunden vielleicht keine Beratung. Anders sieht es bei der zum Beispiel bei der beruflichen Vorsorge aus. Wie wollen Sie diesen Spagat bewältigen?

Der Trend dürfte tatsächlich dahingehen, dass es künftig noch einfachere, weniger beratungsintensive Versicherungen im Baukastenprinzip braucht, die Kunden auch online abschliessen können. Demgegenüber stehen beratungsintensive Lösungen, gerade im Bereich der Vorsorge. Auf diese Entwicklungen stellen wir uns in der Kundenberatung ein. Aktuell informieren sich in der Schweiz viele Kunden gerne und häufig online, schliessen die Versicherung aber meist immer noch offline bei einem Verkaufsberater ab.

Wie werden sich die Arbeitsplätze in der Versicherungswirtschaft durch die Digitalisierung verändern?

Viele Prozesse werden digitalisiert und effizienter gestaltet werden. In gewissen Bereichen ist über die Jahre hinweg deshalb sicherlich von einem sinkenden Personalbestand auszugehen. In anderen Bereichen hingegen, beispielsweise in der Datenanalyse, entstehen neue Jobprofile.

Der designierte Axa-CEO Thomas Buberl hat dem Konzern ein milliardenschweres Sparprogramm verordnet, dem auch Stellen zum Opfer fallen werden. Kann sich das Schweizer Geschäft dem entziehen?

Wir gehen davon aus, dass die AXA Winterthur im Jahr 2020 weniger Mitarbeitende zählen wird als heute. Wie in der Vergangenheit soll dies – wo möglich – über die natürliche Fluktuation wie Abgänge und Pensionierungen geschehen. Der Personalbestand ist in den letzten Jahren bereits kontinuierlich zurückgegangen.

Herr Perretta, besten Dank für das Interview.

Zur Person
Chief Executive Officer der AXA Winterthur und Mitglied des AXA Executive Committee in Paris; Vizepräsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes
Geburtsjahr: 1962
Nationalität: Schweiz/Italien

Berufliche Erfahrung

  • seit 2014 Chief Executive Officer der AXA Winterthur und Mitglied des AXA Executive Committee
  • 2008 – 2013 Mitglied der Geschäftsleitung der AXA Winterthur als Leiter Distribution
  • 2007 – 2008 Mitglied der Geschäftsleitung der AXA Winterthur als Leiter Kollektivleben
  • 2000 – 2007 Geschäftsbereichsleiter Unternehmen, Mitglied der Geschäftsleitung Schweiz Swiss Life AG
  • 1995 – 1999 Abteilung Verkauf und Beratung von Vorsorgelösungen der 2. Säule La Suisse Lebensversicherungsgesellschaft, Lausanne
  • 1990 – 1995 Abteilung Verwaltung und Verkauf von Vorsorgelösungen innerhalb der 2. Säule Elvia Lebensversicherungsgesellschaft, Genf
  • 1989 Angehender Pensionskassenversicherungsexperte Libera Pensionskassen Beratung AG
  • 1985 – 1989 Abteilung Verkauf und Beratung innerhalb der 2. Säule Allianz Continentale Versicherungsgesellschaft, Zürich
  • 1982 – 1985 Abteilung Mathematik Kollektivversicherung Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt, Zürich

Ausbildung

  • 2006 – 2008 Executive MBA Universität Zürich
  • 1992 (A) / 1989 (B) Pensionsversicherungsexperte Teil A: Versicherungsmathematik Teil B: Rechts- und Sozialversicherungskunde
  • 1987 Eidg. Dipl. Versicherungsfachmann

 

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