Christoph Tonini, CEO Tamedia

Christoph Tonini, CEO Tamedia
Christoph Tonini, CEO Tamedia. (Foto: Tamedia)

Christoph Tonini, CEO Tamedia. (Foto: Tamedia)

von Bob Buchheit

Moneycab: Herr Tonini, die Entwicklung ist eindeutig: Der Digitalmedienumsatz ist bei Tamedia von 12,2 auf 20,8 Prozent hochgeschnellt. Wo in etwa könnten Sie Ende des Jahrzehnts zu liegen kommen?

Christoph Tonini: Der Umsatzanteil aus dem digitalen Geschäft wird weiter zulegen, dank Investitionen in unsere eigenen Plattformen, aber auch dank Partnerschaften. Ich schätze, dass bis Ende des Jahrzehntes je Franken Umsatz mindestens 50 Rappen aus dem Unternehmensbereich Digital kommen werden – aber das hängt natürlich nicht zuletzt von der Umsatzentwicklung im Printgeschäft ab.

Trotz aller Vorschusslorbeeren über die bezahlten digitalen Inhalte, will sich die flächendeckende Paywall in der Medienwelt nicht recht durchsetzen. Glauben Sie, dass die verwöhnten Benutzer wirklich bereit sein werden, für Beratung oder gar Infotainment zu zahlen?

Für reine News und Unterhaltung werden die Nutzer nicht bezahlen, für Analysen oder die Selektionsleistung einer leistungsstarken Redaktion mit einer vertrauenswürdigen Medienmarke sehen wir hingegen eine Chance. Sicher ist aber auch, dass Bezahlmodelle nicht die alleinseligmachende Lösung sind. Werbung wird weiterhin zentral bleiben, ebenso wie die intelligente Verknüpfung reichweitenstarker Newssites mit Angeboten im Bereich E-Commerce oder Services.

«Ich schätze, dass bis Ende des Jahrzehntes je Franken Umsatz mindestens 50 Rappen aus dem Unternehmensbereich Digital kommen werden.»
Christoph Tonini, CEO Tamedia

Könnte die Paywall nicht wiederum zu einer Renaissance der Printmedien führen, immer vorausgesetzt sie setzt sich durch?

Um Wiedergeboren zu werden, müssten Printmedien zuerst verschwinden. Davon sind sie weit entfernt: mit 20 Minuten, 20 minutes und 20 minuti erreicht erstmals überhaupt eine Zeitung jeden Tag 2.2 Millionen Leserinnen und Leser. Das kann kein anderes Medium in der Schweiz – weder ein TV- oder Radio-Sender, geschweige denn eine digitale Plattform – bieten. Was aber vielleicht über die letzten Jahre etwas in den Hintergrund geriet, ist die Tatsache, dass die Informationsleistung der Medien etwas wert ist. Wenn dieses Bewusstsein dank digitalen Bezahlmodellen eine Renaissance erlebt, wäre das erfreulich.

Der Online-Inserate-Markt boomt. Damit wird das grosse Geld verdient. Beim mobilen Inserat sieht es aber nach wie vor in der ganzen Werbebranche mau aus. Passt Bewegung und Werbung schlecht zusammen?

Die Kommerzialisierung des mobilen Traffics ist für uns effektiv eine grosse Herausforderung, genauso wie für alle anderen Marktteilnehmer von Facebook bis zu den TV-Anbietern. Deshalb investieren wir bewusst in die Entwicklung des Marktes und zeigen gemeinsam mit grossen Werbekunden wie zuletzt der Migros auf, dass mobile Werbung wirkt. Werbekunden suchen die Aufmerksamkeit der Nutzer, und diese liegt zunehmend bei den mobilen Geräten. Bei 20 Minuten liegt der Anteil der Nutzer, die über mobile Geräte auf unsere Newsplattform zugreifen, bereits bei über 70 Prozent.

Ihr Print-Stellenanzeiger Alpha und insbesondere der Executive von der NZZ werden immer dünner. Werden wichtige Stellen bald nur noch Online ausgeschrieben?

Überwiegend ja, deshalb haben wir uns auch gemeinsam mit Ringier an jobs.ch beteiligt, der führenden digitalen Stellenplattform in der Schweiz. Geht es um Kaderstellen und spielen auch Employer-Branding-Überlegungen eine Rolle, dann hat das gedruckte Inserat aber weiterhin seine Berechtigung.

An der Dachgesellschaft von jobs.ch und jobup.ch, JobCloud, hält Tamedia 63 Prozent. Es fällt auf, dass Ihre Firma gern Mehrheitsbeteiligungen, aber durchaus auch Minderheitsbeteiligungen eingeht. Ist das alles nicht ungemein schwierig zu managen?

Wir gehen Minderheitsbeteiligungen in der Regel dann ein, wenn es einen möglichen Weg zur Übernahme der Mehrheit gibt. Ausnahmen sind aber immer möglich, wie auch bei JobCloud, welches wir ab 2014 je hälftig zusammen mit Ringier besitzen werden. Wenn der Partner und die Philosophie stimmt, können Partnerschaften wie zwischen Ringier und Tamedia bei der JobCloud AG für beide Seiten und vor allem auch für die Tochtergesellschaft von Vorteil sein.

«Effizienzsteigerungen sind bei Werbe­umsätzen, die jedes Jahr um 5 bis 10 Prozent zurückgehen, keine Option sondern Pflicht.»

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für die Romandie aus? Haben sich da die Gemüter etwas beruhigt?

Ja, ich denke, es ist uns in den letzten Monaten gelungen aufzuzeigen, worum es uns geht. Wir wollen in einem stark rückläufigen und geografisch beschränkten Markt alles unternehmen, um die Medienvielfalt aufrechtzuerhalten. Effizienzsteigerungen sind bei Werbe­umsätzen, die jedes Jahr um 5 bis 10 Prozent zurückgehen, keine Option sondern Pflicht. Aber wir streben dieses Ziel mit einer grossen Zahl an kleinen, oftmals unspektakulären Massnahmen an und prüfen jeden Schritt sorgfältig, um das Angebot für die Leserinnen und Leser nicht in Frage zu stellen.

Tja, Sprachminderheiten haben in der Medienlandschaft einen schweren Stand, und so denkt kaum einer gross ans Tessin oder gar an die Rätoromanen. Welche interessanten Nischen gibt es eigentlich Ihrer Meinung nach in der Medienlandschaft?

Es gibt viel mehr Nischen als sich die Öffentlichkeit bewusst ist. Kleine Fachverlage aber auch regionale Medien sind ein wichtiger Teil des sehr umfassenden Medienangebotes in der Schweiz. Wir haben uns als Mediengruppe aber ganz bewusst dazu entscheiden, uns auf reichweitenstarke Medien zu konzentrieren. Das ist das, was wir am besten können.

Bei den Printmedien leidet die Wirtschaftspresse am meisten, nicht nur an mangelnden Werbeeinnahmen, sondern auch an der Konkurrenz durch zeitnah berichtende Online-Portale. Welche Zukunft hat  die Qualitätswirtschaftszeitschrift Finanz und Wirtschaft noch?

Die Finanz und Wirtschaft hat im vergangenen Jahr eine eindrückliche Entwicklung auch Punkto Digital-Ausbau hingelegt. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, was die Zukunft anbelangt.

Trotz manchem Sturm im Wasserglas kann von einer „Murdochisierung“ der Schweizer Medienlandschaft auf nationaler Ebene nicht die Rede sein. Welches ist der Garant, dass es auch weiter so bleibt?

Der zunehmende Wettbewerb. Heute stehen den Bürgerinnen oder Bürgern mehr Informationen zur Verfügung als jemals zuvor. Diese Vielfalt an Informationsmöglichkeiten ist es ja gerade, die traditionelle Medien vor Herausforderungen stellt. Darüber hinaus ist aber auch das Verständnis der Schweizer Medienhäuser ein anderes als das von News Corp., die redaktionelle Autonomie der Redaktionen ist beispielsweise einer unserer zentralen Grundsätze.

«Weitere Beteiligungen im Printbereich stehen nicht im Vordergrund, dort präferieren wir Kooperationen.»  

Die bombensolide Eigenkapitaldecke von 60 Prozent lässt viel strategischen Spielraum. Kann man da schon eine Stossrichtung vorhersagen, Ihre Beteiligungsanlagen liegen ja bereits über 100 Millionen Franken?

Wir können uns weitere Investitionen, insbesondere in digitale Medien vorstellen, wenn eine Aktivität zu uns passt. Weitere Beteiligungen im Printbereich stehen hingegen nicht im Vordergrund, dort präferieren wir Kooperationen. Aber Expansion um jeden Preis war auch bisher nie unser Ziel und eine solide Finanzierung als Gegengewicht zum zyklischen Mediengeschäft ist unseren Eigentümern wichtig.

Ihr Vorgänger Martin Kall war zehn Jahre im Amt, sie beenden bald Ihr erstes Jahr als Tamedia CEO. Haben Sie ein erstes kurzes Fazit in einem Satz?  

Es ist natürlich eine grosse Verantwortung, aber vor allem auch eine grosse Chance, ein so gut aufgestelltes Unternehmen wie Tamedia von einem so erfolgreichen Vorgänger wie Martin Kall zu übernehmen. Wir sind auch dank seiner Vorarbeit heute in der Lage, die strukturellen Umwälzungen in der Medienbranche aus einer starken Position anzugehen. Die Herausforderungen im Printbereich haben sich in den letzten Monaten nochmals akzentuiert, bieten aber auch jede Menge neuer Chancen. Diese Chancen,  die professionellen, engagierten Mitarbeitenden und das Vertrauen der Eigentümer sind der Grund, weshalb ich mich jeden Tag auf meine Arbeit freue.

Zur Person:
Christoph Tonini (1969) ist seit Januar 2013 Vorsitzender der Unternehmensleitung von Tamedia. Er kam im April 2003 als Leiter Finanzen und Mitglied der Unternehmensleitung zu Tamedia. In den letzten Jahren leitete er unter anderem die Unternehmensbereiche Services, Zeitungen Schweiz, Medien Schweiz und war zuletzt für den Bereich Digital & 20 Minuten verantwortlich. Von 2007 an amtete er zudem als stellvertretender Vorsitzender der Unternehmensleitung. Vor seiner Zeit bei Tamedia war Christoph Tonini 1998 – 2003 in diversen Funktionen für Ringier tätig. Zuletzt zeichnete er dort als Leiter Ringier Ungarn und Ringier Rumänien verantwortlich. Christoph Tonini absolvierte von 2001 bis 2003 ein MBA-Studium an der Universität in St. Gallen. Von 1990 bis 1993 studierte der gelernte Offsetdrucker an der Schweizer Ingenieurschule für Druck und Verpackung (esig) in Lausanne.  

Zum Unternehmen:
Tamedia ist mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Franken eines der grossen Medienunternehmen der Schweiz.  Die Tamedia hat ihre Wurzeln und Schwerpunkten in der deutschen und französischen Schweiz. Das Unternehmen wurde 1893 gegründet und ist seit 2000 an der Schweizer Börse (IPO) kotiert. Mit rund 2 Millionen Lesern ist die Pendlerzeitung 20 Minuten die grösste Printpublikation.

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