Dorian Selz, CEO Squirro

Dorian Selz, CEO Squirro
Dorian Selz, CEO Squirro

Dorian Selz, CEO Squirro

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Selz, nach den Erfolgen mit Namics als Partner und COO und als Gründer und CEO von local.ch wollen Sie es mit Squirro nochmals wissen. Wie hat sich das Start-up in den letzten etwas mehr als zwei Jahren entwickelt, was waren die wichtigsten Meilensteine?

Dorian Selz: Wir haben nochmals bei Null begonnen, mit der Idee, eine Software-Lösung für die Welt zu bauen: Squirro bietet eine mächtige SaaS-Software zur Analyse von unstrukturierten Daten. Zum Beispiel werten wir für ABB weltweit Newsquellen auf Risikoereignisse aus. ABB nutzt Squirro auch für das weltweite Produktmonitoring in spezialisierten Foren. Insgesamt hat ABB neue Ertragsquellen identifiziert und Produkt- und Reputationsrisiken gemindert.

«Innovation heisst immer auch experimentieren und zwischenzeitlich auch Rückschläge einstecken.» Dorian Selz, CEO Squirro

Das Deutsche Rote Kreuz wertet Patiententransportberichte aus und hat damit seine Ambulanz-Disposition massgeblich verbessert. Für Wells Fargo aus Amerika werten wir ihre internen Notizen, Reports und Analysen aus, und integrieren die Resultate direkt den Arbeitsplatz von Händlern und Kundenbetreuern. Und zu guter Letzt nutzen etwa die Devon & Cornwall Police in Grossbritannien oder die kolumbianische Polizei Squirro zur Verbrechensbekämpfung.

Innerhalb von weniger als zwei Jahren von der Idee über die Entwicklung zu einem internationalen Kunden- und Partnernetz, das war schon eine zwischenzeitlich recht wilde Reise.

Die Schweiz ist Spitze, wenn es um Innovation, gut ausgebildete Spezialisten, funktionierende Infrastruktur sowie rechtliche und politische Stabilität geht. Was benötigen Start-ups zusätzlich, um vermehrt auch international erfolgreich zu sein?

Risikofreudigere lokale Erstkunden. Erstkunden können sich Markt- und Wettbewerbsvorteile schaffen, wenn sie früh auf Innovation setzen. Doch oft überwiegt bei Schweizer Firmen die Skepsis und es werden namhafte Referenzkunden verlangt. Gibt es diese, heisst das eigentlich, dass diese die Innovationsvorteile bereits eingeheimst haben. Innovation heisst immer auch experimentieren und zwischenzeitlich auch Rückschläge einstecken.

Mit dem Startup local.ch konnten wir freilich eindrücklich zeigen, was die Kombination von innovativem Startup mit einem etablierten Konzern bewirkt: Innerhalb von drei Jahren haben wir im lokalen Suchen und Finden Geschäft die Marktführerschaft errungen. Heute wird local.ch mit über 400 Millionen CHF bewertet. Eine schöne Wertvermehrung für den damals investierten tiefen einstelligen Millionenbetrag.

Wie sieht Ihre Strategie aus, um Squirro in die nächste Phase des Wachstums zu bringen, welche Meilensteine sind geplant, ab wann wollen Sie die Gewinnschwelle erreichen?

Die zwei nächsten Schritte sind entscheidend: Wir wollen unsere Präsenz hier im Heimmarkt DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) und in Amerika verstärken. Der grösste europäische Software-Markt und der überhaupt grösste Software-Markt, die USA, sind unsere beiden Kernmärkte in den nächsten 18 Monaten. Wir geben zur Zeit öffentlich keine Auskunft über Finanzzahlen, auch nicht, wann wir die Gewinnschwelle erreicht haben werden.

«Ein Kunde konnte seine Supportkosten um über 10% senken, ein andere Kunde konnte Compliance-Risiken von über 1 Million Franken pro Fall reduzieren.»

Als Geldgeber haben Sie sowohl Privatinvestoren, Risikokapitalgeber (VCs), Stiftungen und die ZKB gewonnen. Wie wollen Sie die nächste Wachstumsphase finanzieren, suchen Sie weitere Investoren?

Software-Lösungen zur Analyse von strukturierten Daten, das heisst Zahlen, werden mit dem Begriff Business Intelligence bezeichnet. Anbieter sind etwa Business Objects, Cognos, Qlikview und Tableau. Die Marktforschungsfirma Gartner schätzt diesen Markt auf ca. 15Mrd. Dollar pro Jahr. In einem Unternehmen machen strukturierte Daten etwa 20% aller verfügbaren Informationen aus. 80% der Daten sind unstrukturierte Daten, das heisst Texte, Email, Chat, Reports, Berichte, Notizen, Dokumente. Wir fokussieren uns auf die intelligente Analyse dieser 80%.

Noch gibt es wie Gartner ausweist wenig Konkurrenz in diesem Marktsegment und der Markt ist geschätzt vier Mal grösser als derjenige zur Analyse strukturierter Daten. Um diese Marktchance rasch und konsequent zu erschliessen, werden wir zu gegebener Zeit weiteres Risikokapital aufnehmen.

In den letzten Jahren haben immer wieder auch Schweizer Unternehmen ein erfolgreiches Exit-Szenario mit Integration in ein weltweit führendes Unternehmen geschafft (zum Beispiel Day zu Adobe, NetBreeze zu Microsoft, Hybris zu SAP). Wie sieht Ihr Wunschszenario aus?

Die Schweiz als Heimbasis ist zu klein, um auf Sicht alleine in einem globalen Markt bestehen zu können. Für uns gibt es verschiedene mögliche Partner. Wir fokussieren uns zur Zeit indes auf den Marktaufbau und nicht auf Wunschdenken.

Als erstes und einziges Schweizer Start-up wurde Squirro im März 2014 zum Fintech Innovation Lab nach London eingeladen. Sie haben sich von der Teilnahme viel versprochen. Was ist als Resultat von der Teilnahme geblieben?

Im Fintech Innovation Lab wählen 12 der führenden Banken, zum Beispiel Bank of America, Barclays, Citigroup, Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley, sowie die CS und die UBS zusammen mit Accenture weltweit 7 führende Startups aus, die den beteiligten Banken echte Innovation bringen. Wir schätzen uns glücklich zu dieser exklusiven Gruppe zu gehören. Das Programm war sehr intensiv: Die Banken rollten uns sozusagen einen roten Teppich aus. Seither  arbeiten wir mit verschiedenen beteiligten Banken an insgesamt einem Dutzend Projekte. Wir konnten dank dem Programm in London eine Niederlassung eröffnen und beschäftigen zur Zeit bereits vier Personen an diesem Standort, Tendenz stark steigend.

Big Data, riesige Mengen von oft unstrukturierten Daten, ist eines der aktuell grössten IT-Hype-Themen, die Analyse dieser Daten gilt als Goldgrube. Welche Industrien oder Segmente sind heute schon so weit fortgeschritten, um Ihre Werkzeuge in reellen Geschäftsprozessen gewinnbringend einzusetzen?

Zu unserem Kundenstamm gehören Unternehmen aus den Bereichen Automobil, Banken, Industrie, Marktforschung, wie auch staatliche Stellen. Wir sehen zur Zeit primär zwei Anwendungsfelder: Market Intelligence, das heisst die Analyse von externen Marktdaten, sowie Operational Intelligence, die Analyse von internen Datenquellen zum Beispiel im Bereich Customer Support oder im Bereich Supply Chain Risk Mitigation. In diesen Anwendungsfelder haben Kunden von uns sehr eindrückliche Resultate erreicht: Ein Kunde konnte seine Supportkosten um über 10% senken, ein andere Kunde konnte Compliance-Risiken von über 1 Million Franken pro Fall reduzieren. Auch wenn die Thematik komplex ist, sehen wir ähnliche Gewinnchancen auf Ertrags- und Kostenseite wie damals bei der Einführung von Business Intelligence Lösungen.

«Squirro ist so einfach zu bedienen, dass sogar meine Grossmutter zum Data Scientist mutiert.»

Die kontextuelle Suche in unstrukturierten Daten ist sowohl bei grossen Suchmaschinen wie Google, HP Autonomy, aber auch bei Business Intelligence Anbietern wie SAS ein grosses Thema. Was kann Squirro besser als die Mitbewerber und gibt es Komponenten, die Sie über Patente geschützt haben?

Unser Durchbruch fusst auf zwei Beinen. Zum einen haben wir mit unserer Konzeptsuche die weltweit erste Suche basierend auf einem Konzept anstatt Stichworten. Das heisst, für uns ist die Unterscheidung von Zürich (die Stadt) und Zürich (die Versicherung) ein Kinderspiel. Herkömmliche Hersteller bieten einzig die von Google bekannte Stichwortsuche an. Für sie ist die Unterscheidung von Zürich ein Ding der Unmöglichkeit. Zum andern profitieren wir von der Erfahrung von local.ch. Suche ist ein komplexes Thema. Bei local.ch haben wir sehr viel über «Consumerization» gelernt, der radikalen Vereinfachung von Software-Anwendungen, um von Endnutzern ohne Schulung verstanden und genutzt zu werden. Squirro ist so einfach zu bedienen, dass sogar meine Grossmutter zum Data Scientist mutiert.

Welche Implementierungsformen bieten Sie für Ihre Software an (Cloud, Software as a Service, Installation beim Kunden…) und welche Form wird am meisten genutzt?

Squirro kann in zwei Varianten eingesetzt werden: als Cloud basierte Anwendung oder als vor Ort installierte Anwendung. Der Cloud Lösung gehört langfristig die Zukunft. Doch im Hier und Jetzt dürfen gerade Banken, Gesundheitsdienste oder staatliche Stellen aus Governance & Compliance Überlegungen keine externe Software-Lösungen einsetzen. Diese Kunden wollen wir natürlich nicht verprellen und haben deshalb die gesamte Squirro Plattform für die Kundeninstallation in ein sogenanntes Virtual Image gepackt. Mit gängiger Software wie VMWare oder Virtualbox können Sie Squirro sogar auf ihrem Laptop betreiben.

Bis anhin entwickeln Sie die Software vollständig in der Schweiz. Was wird in Zukunft wichtiger sein, die “Swissness” oder tiefere Kosten in Offshore-Entwicklungslokationen?

Im Vergleich zum Silicon Valley produzieren wir in Zürich billiger. Das Lohnniveau ist im Valley überrissen. Der Kampf um Talente treibt drüben wirklich seltsame Blüten. Klar, im Vergleich zu osteuropäischen oder asiatischen Werkplätzen sind unsere Stückkosten höher. Wir sind jedoch der Ansicht, dass sich Innovation nicht auslagern lässt. Der Prozess von der Idee zum Produkt will eng begleitet sein. Da wir nun mal hier leben, war gross angelegtes Offshoring deswegen bisher kein Thema. Kommt hinzu, dass die Schweiz zwar gerade turbulente Jahre punkto Reputation und Wahrnehmung durchmacht. Unsere Erfahrung ist dennoch, dass die Bedeutung von «Swissness» proportional mit der Distanz zu Schweiz wächst ist und verknüpft mit einem Klasseprodukt noch immer sehr viel zählt.

«Ich wünsche mir im ICT-Bereich mehr Frauen in allen Funktionen. In der wohl wichtigsten Zukunftsbranche ist der Geschlechtermix nach wie vor sehr unausgewogen.»

Was sind für Sie als erfolgreichen “Serientäter” die wichtigsten Eigenschaften eines Unternehmers?

Grundoptimismus kombiniert mit viel Realismus, Standfestigkeit, Bescheidenheit und – auch wenn ich das nicht immer habe – Gelassenheit.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen diese aus?

Ich wünsche hier in der Schweiz jedem Mit-Startuper Erfolg. Erfolg heisst honoriertes Risiko. Um wirtschaftlich langfristig Erfolg zu haben, ist eine gesunde Dosis Risikobereitschaft unabdingbar. Und ich wünsche mir im ICT-Bereich mehr Frauen in allen Funktionen. In der wohl wichtigsten Zukunftsbranche ist der Geschlechtermix nach wie vor sehr unausgewogen. Wir nutzen das vorhandene (weibliche) Talent nicht. Ich komme gerade aus Schweden zurück, wo ich einen Vertriebspartner besucht habe: Unsere nordischen Partner sind uns hier ein gutes Stück voraus.

Der Gesprächspartner:
Dr. Dorian Selz ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer von Squirro. Zuvor war er Mitgründer der schweizerische Plattform local.ch und war dessen CEO bis im Dezember 2008. Darüber hinaus war er Partner & COO von Namics, der größten e-Business Beratungsfirma der Schweiz und verfügt über einen Doktortitel der Informatik von der Universität St. Gallen.

Das Unternehmen:
Squirro Ziel ist es, das tägliche Bedürfnis nach dem Auffinden, Erinnern, Organisieren und Austauschen von wichtigen Informationen zu vereinfachen und Geschäftsentscheidungen zu erleichtern. Squirro baut auf der bewährten Erfahrung im Bereich des «Note-Taking» von Memonic und bewährter Internet-Such-Technologien auf. Umfassender als Feeds und spezifischer als Suchen, erfasst Squirro Inhalte aus einer Vielzahl von Quellen und liefert sie den Benutzern in einer einfachen und eleganten Übersicht, die kontinuierlich und automatisch aktualisiert wird. Squirro bietet sich an, um Trends oder Auffälligkeiten zu entdecken und zu erklären, Mitbewerber zu verfolgen und Kunden besser kennen zu lernen. Auch eine Anbindung an Enterprise Software wie SAP oder Salesforce oder Business Intelligence Plattformen, wie QlikView oder Tableau sind problemlos möglich. Squirro kann sowohl mit strukturierten wie auch unstrukturierten Daten umgehen.

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