Gregor Stücheli, Inhaber & Geschäftsführender Partner Inventx, im Interview

Gregor Stücheli, Inhaber & Geschäftsführender Partner Inventx, im Interview
Gregor Stücheli, Inhaber & Geschäftsführender Partner bei Inventx

Von Helmut Fuchs

Moneycab: Herr Stücheli, mit Ihrer Plattform Inventx bieten Sie ihren Kunden Schnittstellen in die “Open Finance”-Welt. Gerade Banken machen aber oft die Kooperation mit anderen Anbietern bewusst zum Schutz der eigenen Kundenbeziehung schwierig. Wie ist die Akzeptanz von Open Finance bei ihren Kunden?

Gregor Stücheli: Allein im letzten halben Jahr haben sich die Bank avera, die Zürcher Landbank sowie die Kantonalbanken von Appenzell, Glarus, Nidwalden, Obwalden und Uri für unsere Open-Finance-Lösung entschieden. Die Swisscom bietet ihr „BPO as a Service“ auf unserer Plattform an. Auch bei unseren Bestandeskunden ist Open Finance ein sehr aktuelles Thema und wir erhalten weitere Anfragen aus dem Finanz- und Fintech-Umfeld.

„Ich bin überzeugt, dass der Community-Anschluss zum relevanten Erfolgsfaktor für Finanzdienstleister avancieren wird.“ Gregor Stücheli, Inhaber & Geschäftsführender Partner Inventx

Ich bin daher überzeugt, dass der Community-Anschluss zum relevanten Erfolgsfaktor für Finanzdienstleister avancieren wird – und zwar schneller als von vielen erwartet. Denn die Open Finance Plattform (OFP) ermöglicht Finanzdienstleistern einen standardisierten Datenaustausch mit Partnern ihrer Wahl. Die Plattform stellt alle technischen Grundlagen für ein mannigfaltiges Ökosystem zur Verfügung, welches Banken, Vermögensverwaltern, Versicherungen, Managed-Services-Providern, FinTechs, Software- oder sonstigen Technologieanbietern eine effiziente und neue Form der Wertschöpfung ermöglicht. Die Banken können hierbei selbst entscheiden, gegenüber welchen Partnern sie sich öffnen. In den meisten Fällen werden sie sich für komplementäre Partner entscheiden, um ihr Produkt für den Kunden noch werthaltiger und attraktiver zu machen.

Mit der ix.OpenFinancePlattform verfolgen Sie also eine klare Software-as-a-Service Strategie?

SaaS ist ein wesentlicher Treiber für die OFP. Banken wollen ihre Geschäftsmodelle vermehrt auf digitalen Bausteinen aufbauen, die sie nach Bedarf rasch an Marktveränderungen anpassen können. Doch die OFP ist mehr als eine SaaS-Plattform. Sie bündelt agile Softwareentwicklung, offene Schnittstellen (APIs), DevOps und Cloudservices, damit digitale Strategien mit einem hohen Anspruch an Stabilität, Compliance, Individualisierung und Effizienz umgesetzt werden können. Die Kunden können ihre eigenen Communities auf dem Fundament des wachsenden Inventx-Ökosystems aufbauen, bewirtschaften und erweitern.

„Open Finance ist viel umfassender als die Bereitstellung von APIs. Es geht vielmehr darum, welche Wertschöpfungstiefe ein Finanzinstitut selbst abdecken will resp. wie sich Wertschöpfungsketten in Ökosystemen integrieren lassen.“

Unsere ix.OFP ermöglicht ihnen sowohl den Bezug von massgeschneiderten Services als auch eine ganzheitliche Lösung mit Anbindung der gängigen Kernbankensysteme wie Avaloq und Finnova, basierend auf der ix.Cloud. Wir sind überzeugt, dass der Trend hin zu einem nachhaltigen «Banking as a Service» weiter an Fahrt gewinnen wird. Wir setzen daher, wo immer möglich, auf Open API Standards.

Innerhalb der EU wurden mit der PSD2-Richtlinie (Payment Services Directive 2) die Finanz-Schnittstellen offen zugänglich gemacht. Wo liegen die Unterschiede zu Open Finance?

Während die Schweiz auf die Eigeninitiative der Branche zur Öffnung ihrer Geschäftsmodelle setzt, will die EU mit ihrer Direktive die Marktöffnung im Zahlungsverkehr beschleunigen. Die PSD2 triggert Open Finance in gewissem Sinn. Das Konzept von Open Finance geht aber über die Öffnung der Systeme für Zahlungsanbieter hinaus. Komplett neue Geschäftsmodelle entstehen. Die Marktteilnehmer können sich entscheiden, ob sie a) Produkte und Dienstleistungen für den Vertrieb an Dritte anbieten wollen oder b) künftig sämtliche Produkte und Dienstleistungen von Dritten beziehen und sich selbst primär auf die Schnittstelle zum Kunden fokussieren.

Die Variante c ist, dass sie als Orchestrierer Produzenten und Vertriebsträger miteinander verbinden, was dem Geschäftsmodell der Inventx entspricht. Somit ist unserer Meinung nach Open Finance viel umfassender als die Bereitstellung von APIs. Es geht vielmehr darum, welche Wertschöpfungstiefe ein Finanzinstitut selbst abdecken will resp. wie sich Wertschöpfungsketten in Ökosystemen integrieren lassen.

Um Kunden eine sichere Cloud Lösung aus der Schweiz anzubieten, haben Sie die ix.Cloud entwickelt. Auf welcher technischen Plattform basiert die Lösung, welche Kunden setzen sie schon ein?

Wir nutzen modernste Technologien von unterschiedlichen strategischen Partnern wie Microsoft, HP Enterprise, IBM, RedHat oder Rancher. Bei den API setzen wir mit ndgit auf einen Player aus dem EU-Raum. Bei allen Technologien arbeiten wir mit etablierten Standards, wo es sie gibt, und streben ein «Swiss Finish» nach gängigem Schweizer Qualitätslevel an. Zusätzlich verwenden wir Lösungen für das API-Management und Security-Werkzeuge der neusten Generation. Kunden wie Swiss Life, EY Schweiz oder der Software-Hersteller BSI setzen auf unsere bewährte Cloudlösung. Aber auch die Flexibilität und Skalierbarkeit unserer Open Finance Plattform ist nur möglich, weil sie ebenfalls auf unserer ix.Cloud basiert.

Im April dieses Jahres haben fünf Kantonalbanken auf Inventx gewechselt. Welche Signalwirkung erwarten Sie für andere Kantonalbanken und kleine selbstständige Banken?

Bereits jede dritte Kantonalbank bezieht Services von Inventx. Unsere Community wächst und dieses Wachstum belegt, dass unsere Strategie der gelebten Kundennähe in einem sich gegenseitig befruchtenden Ökosystem ein wesentlicher Differenzierungsfaktor der Inventx im Markt ist.

Die fünf hinzukommenden Kantonalbanken haben sich für unsere Open-Finance-Plattform entschieden. Das ist insofern ein Signal in den Markt, als dass die Finanzinstitute zum Schluss gekommen sind, als Teil eines modernen Netzwerks mehr Nutzen für ihre Kunden bieten zu können als im Alleingang. Ich bin überzeugt, dass noch viele weitere diesem Modell folgen werden.

Bei Rechenzentrums-Leistungen hat “Swissness” dank IT- und Betriebssicherheit, verlässlichen Rechtsgrundlagen zu einer guten internationalen Wettbewerbssituation geführt. Wir sieht es aus bei den Plattform-Leistungen?

Für uns ist ganz klar: Die Zukunft gehört hybriden Cloudlösungen. Die Kombination von Private Clouds in eigenen Rechenzentren und Public Clouds für unkritische Workloads und Daten bietet genau die richtige Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität, die nötig ist.

„Für uns ist ganz klar: Die Zukunft gehört hybriden Cloudlösungen.“

Wir nehmen diesen Sommer ein drittes hochsicheres und sehr energieeffizientes Rechenzentrum an einem neuen Standort in Betrieb. Mehr Informationen dazu folgen in den kommenden Wochen. Unsere Plattform beruht auf unseren bewährten, sicheren Inventx-Komponenten und zusätzlich sind die Infrastruktur sowie die angebotenen Services dank einem spezifisch entwickelten Security Layer optimal geschützt.

In der Coronakrise hat die Digitalisierung in Bereichen wie Bildung/Ausbildung, Meetings/Konferenzen, Home-Office einen markanten Schub bekommen. Welche Auswirkungen sehen Sie bei der Digitalisierung im Finanzsektor, welche Bereiche werden durch die Krise beschleunigt?

Ganz generell steigt die Affinität der Konsumenten gegenüber digitalen und onlinebasierten Services. An der Schnittstelle zwischen Bank und Kunde ist die Akzeptanz für digital abgebildete Prozesse, Self-Service und die Integration digitaler Touchpoints mittlerweile sehr hoch. Internet und Mobiltelefon etablieren sich neben der Filiale als Absatzkanäle für Bankprodukte wie Kredite, Hypotheken oder Einlagen.

„Gesplittete Teams, Videokonferenzen, neue Arbeitszeitmodelle – digitale Kollaboration und die damit verbundene Flexibilisierung sind nun auch in der Finanzindustrie angekommen.“

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Omnichannel-Strategien ist durch die die Turbodigitalisierung während der Coronakrise noch einmal geschärft worden. Zumal sich auch die Banken selbst während dieser Corona-Wochen recht rasch auf digitale und virtuelle Abläufe einstellen und ins Home-Office ausweichen mussten. Gesplittete Teams, Videokonferenzen, neue Arbeitszeitmodelle – digitale Kollaboration und die damit verbundene Flexibilisierung sind nun auch in der Finanzindustrie angekommen. Nur dass hier die Sicherheitsanforderungen noch einmal viel höher sind als in unkritischeren Branchen. Ein Kundenberater einer Bank kann remote nun einmal nicht denselben Zugang zu Kundendaten haben wie in einer optimal geschützten Umgebung.

Welche Perspektiven sehen Sie für Inventx, welche langfristige Strategie verfolgen Sie mit dem Unternehmen?

Inventx ist Enabler für die digitale Transformation der Finanz- und Versicherungsindustrie. Unser IT- und Digitalisierungsangebot hilft der Branche beim Übergang auf digitale Geschäftsmodelle. Das ist kein Schalter, den man einmal umlegt. Wir reden hier von einer kontinuierlichen Businesstransformation, die den Kunden und dessen Bedürfnisse radikal ins Zentrum stellt. Unsere Perspektive ist es, die Lösungen dafür bereitzustellen, dass dies innovativ, wettbewerbsdifferenzierend und effizient geschieht.

Der Mehrwert, den wir dabei bieten, ist zum einen unser wachsendes Ökosystem, in dem sich auf Plattformen wie unserer ix.OFP unsere Kunden und Partner gegenseitig ko-kreativ befruchten. Und zum anderen unsere gelebte Kundenorientierung, die schnelle Entscheidungen und damit auch schnelle Time-to-Market von Innovation möglich macht. In diese Richtung gehen wir mit unserem ix.InnovationLab und unseren einmal monatlich stattfindenden ix.InnovationDays.

Welche technologische Entwicklung hat Ihrer Ansicht nach in den kommenden Jahren das grösste Potential, unser Leben grundlegend zu verändern?

Ganz klar die Künstliche Intelligenz. Und die Power, die daraus erwächst, dass KI mit Big Data, Deep Learning, Automatisierung oder Internet of Things zusammenspielt. Ich stelle mir vor, welch gigantisches kreatives Potenzial freigesetzt wird, wenn sich die Menschen von Routineaufgaben befreien und ihre Innovationskraft weiter ausleben können. Wir können unsere Ressourcen sinnvoller einsetzen, wenn wir Prozesse identifizieren, die sich standardisieren und damit automatisieren lassen. Selbstlernende Algorithmen optimieren dann weiter. Und unsere Aufgabe wird es sein, aus Sicht des Kunden die für ihn wichtigen Prozessschritte anschliessend so zu individualisieren, dass er davon begeistert sein wird.

Sie haben sich vom Manager (IBM, T-Systems) mit Ihrem Geschäftspartner Hans Nagel zum Unternehmer gewandelt. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse in diesem Prozess?

Wichtig sind die 3 M: Menschen, Motivation, Mehrwert. Was immer man auch tut, man tut es nicht allein, sondern braucht Menschen, die mitziehen, die sich begeistern lassen, die mit Dir an einem Strang ziehen. Schafft man es, sein Umfeld zu motivieren, kann man die sprichwörtlichen «Berge versetzen». Und das bedeutet: nachhaltig Mehrwert schaffen – in erster Linie für die Kunden, aber auch für unsere Partner, für das Unternehmen und damit letztlich für die Mitarbeitenden -.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Ich wünsche mir, dass wir uns in der Schweiz ein Stück weit mehr auf die Mentalität einlassen, die das Silicon Valley vorlebt: Mehr Offenheit zur Ideenteilung, mehr Gründergeist und mehr Vertrauen darauf, dass Technologie unser Leben einfacher, komfortabler, besser machen kann. Dank Technologie ist unser Wohlstand in den letzten hundert Jahren gewachsen und ich bin überzeugt, dass in der Digitalisierung noch viel mehr Potenzial liegt, als wir uns heute vorstellen können.

„Menschen, Motivation, Mehrwert. Was immer man auch tut, man tut es nicht allein, sondern braucht Menschen, die mitziehen, die sich begeistern lassen.“

Und mein zweiter Wunsch wäre, dass sich die Schweiz wieder auf ihre Erfolgsfaktoren wie Freiheit, ein positives Verhältnis der Gesellschaft zur Wirtschaft und ein Staatsverständnis zurückbesinnt, das auf weniger Regulatorien und mehr guten Rahmenbedingungen beruht.


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