Hans-Kaspar Scherrer, CEO Eniwa, im Interview

Hans-Kaspar Scherrer
Hans-Kaspar Scherrer, CEO Eniwa. (Foto: Eniwa/mc)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Scherrer, im letzten Jahr konnte die Eniwa rekordhohe 1091 GWh Energie liefern. Wird es dieses Jahr nochmal mehr, weil Strom zunehmend Öl ersetzt?

Hans-Kaspar Scherrer: Das letzte Jahr war vor allem aufgrund der Heizgradtage (+15% gegenüber Vorjahr) ein gas-, wärme- und stromintensives Jahr. Dieses Jahr ist bisher wieder deutlich wärmer (bis April 6% weniger Heizgradtage), weshalb wir im 2022 eher wieder von einem etwas tieferen Absatz ausgehen.

Teurer wird es wohl auf alle Fälle?

Ja, für Eniwa wird die Beschaffung von Strom und Gas deutlich teurer. Beim Gas können die höheren Beschaffungskosten auch unterjährig an die Kundinnen und Kunden weiterverrechnet werden, beim Strom können die höheren Beschaffungskosten von 2021 in den Tarif von 2023 eingerechnet werden. Das heisst, die Beschaffungskosten werden erst mit einer gut einjährigen Verzögerung bei den Kunden spürbar werden. Beim Strom hilft uns die Eigenproduktion mit unserem Aarekraftwerk, dessen Gestehungskosten konstant geblieben sind. Für die grundversorgten Kunden sorgt dieser Eigenproduktionsanteil von gut einem Drittel des Absatzes für eine Stabilisierung der Strompreise. Die Strompreise werden über die nächsten 4-5 Jahre stufenweise steigen, in einem verminderten Masse auch die Fernwärmepreise, welche zu einem Teil an die Strom- und Gasindizes gekoppelt sind.

«Da jetzt alle Gasversorger rasch alternative Quellen benötigen, ist die Suche und Akquisition von erneuerbaren Gasmengen sehr anspruchsvoll geworden.»
Hans-Kaspar Scherrer, CEO Eniwa

Eniwa liefert mehr Gas als Strom, aber bis 2040 sollen davon immerhin 150 GWh erneuerbares Gas sein. Hilft jetzt die europaweite Abkopplung von russischem Erdgas?

Der höhere Gaspreis ebnet den Weg für zusätzliche erneuerbare Gasproduktion in der Schweiz, zum Beispiel mit der neuen Biogasanlage Telli, aber auch im Ausland. Da aber alle Gasversorger jetzt rasch alternative Quellen benötigen, ist die Suche und Akquisition von erneuerbaren Gasmengen sehr anspruchsvoll geworden.

Bei Fernwärme planen Sie eine Verdreifachung von 70 GWh auf 210 GWh. Da muss aber doch jede Menge Rohr verlegt werden?

Ja, in der Tat. Und auch zahlreiche Hausanschlüsse müssen gebaut werden. Und nicht zuletzt benötigen wir den Ausbau der Wärme- und Kältezentralen. Die hohen Gas- und Ölpreise haben zu einem regelrechten Nachfrageboom nach Fernwärme geführt. Auch bei Kunden, welche letztes Jahr noch nichts von Fernwärme wissen wollten.

«Die hohen Gas- und Ölpreise haben zu einem regelrechten Nachfrageboom nach Fernwärme geführt, auch bei Kunden, welche letztes Jahr noch nichts von Fernwärme wissen wollten.»

Der Neubau Ihres grossen Aarekraftwerks soll 22 Prozent mehr Strom produzieren. Wann ist Eröffnung?

Aufgrund der Einsprachen privater Anwohner ist das Projekt auf Jahre hinaus blockiert. Wir rechnen je nach Anzahl und Länge der Gerichtsverfahren noch drei Jahre bis zum Baubeginn und dann etwa sechs Jahre bis zur Fertigstellung. Die Eröffnung wird also leider erst nach 2030 stattfinden können.

Kommen die Fische dann ungeschreddert durch die Turbinen?

Durch den Einsatz von langsam laufenden und fischfreundlichen Rohrturbinen werden die Fische den Abstieg auch durch die Turbine hindurch in fast allen Fällen unbeschadet überstehen. Sehr lange Fische oder Aale – die wir heute noch nicht in der Aare finden – werden nicht gefahrlos absteigen können. Sobald weitere Erkenntnisse vorliegen, werden alle Kraftwerke die Abstiegslösungen nachbauen müssen. Wir erreichen jedoch bereits ohne weitere bauliche Massnahmen mit unseren neuen Turbinen eine deutlich über 90%ige Überlebensrate der Fische.

Rund um das Kraftwerk entsteht ein, wie sie es nennen «Europapark 2», nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen. Könnte man nicht tatsächlich einen kleinen Freizeitpark hinzufügen?

Das ist nach Abschluss der Hauptbautätigkeiten auf der Kraftwerks-Insel eingeplant. Es soll vor allem ein Wasserspielplatz für Kinder und Jugendliche entstehen.

Im letzten Geschäftsjahr 2021 lag die Wasserführung der Aare trotz des Hochwassers im Sommer deutlich tiefer als im Durchschnitt der Vorjahre. Kann das mittelfristig ein Problem werden?

Ja, das ist definitiv ein Problem und hängt mit den letzten eher trockenen Jahren zusammen. Auch dieses Jahr schreibt wieder neue Minusrekorde bei der Wasserführung der Aare.

«Auch dieses Jahr schreibt wieder neue Minusrekorde bei der Wasserführung der Aare.»

Ende 2023 soll die bereits erwähnte Biogasanlage und Energiezentrale «Telli» stehen. Wenn man all Ihre Neu- und Zubauprojekte zusammenzählt, wie hoch wird dann zu diesem Zeitpunkt der Energieeigenversorgungsgrad der Eniwa sein? Im Moment sind es 22% vom Energieabsatz.

Der Eigenversorgungsgrad steigt mit der Biogasanlage um etwa 3% beim Gas, über die gesamte Energieliefermenge von Eniwa um etwa 1.5%. Bis 2050 wollen wir 50% Eigenversorgungsgrad im Versorgungsgebiet erreicht haben. Die restliche Energie beziehen wir dann immer noch über die Partnerwerke, wo wir beteiligt sind oder über den Handel auf dem freien Markt.

Wie ist die momentane Lage bei den CO2-Zertifikaten?

Das Interesse der Kunden an freiwilligen Zertifikaten ist gering. Solange es keine günstigen und anrechenbare Zertifikate gibt, wird auch das Interesse kaum wachsen.

Sie monieren eine Diskrepanz zwischen dem Auftrag des Bundes und dem Verhalten der Bewilligungsinstanzen auf allen Ebenen. Was wäre denn Ihre Wunschliste für die jetzt aufgrund der weltpolitischen Ereignisse sehr anspruchsvollen Zukunft?

Die Laufzeiten für Bewilligungen und Bau von grösseren Energieinfrastrukturprojekten betragen typischerweise 15-20 Jahre. Der jährlichen Zubau, gemäss Statistik des Bundes, entspricht etwa einem Viertel des benötigten, um die Ziele des neuen Energiegesetzes mit einem Ausbau auf 39 TWh «Neue Erneuerbare Energien» zu erreichen. Für grössere Energieprojekte ab 5 MW Produktionsleistung oder 1 GWh Speichermenge brauchen wir schnell eine Lösung analog Eisenbahngesetz, welche die Realisierungszeit deutlich verkürzt und die Verfahren vereinfacht. Oder noch besser die Einsicht aller Bürger und Instanzen in der Schweiz, dass es ohne Strom sehr schnell chaotisch werden wird und dass eine gut funktionierende und leistbare Stromversorgung das Rückgrat unserer Wirtschaft, unseres Wohlstandes auch unseres hohen Lebensstandards ist.

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