Heinrich Villiger, CEO Villiger Söhne Holding AG und Villiger Söhne AG

Heinrich Villiger

Heinrich Villiger, CEO Villiger Söhne Holding AG und Villiger Söhne AG. (Foto: zvg)

von Radovan Milanovic

Moneycab: Herr Villiger, Villiger Söhne besitzt Firmen in den Ländern Schweiz, Deutschland, den USA, Frankreich und in Indonesien. Welche Aufgaben sind ihnen übertragen?

Heinrich Villiger: Wir haben 4 Produktionsbetriebe. Das Stammhaus in Pfeffikon LU, die deutsche Tochtergesellschaft mit Sitz in Waldshut-Tiengen und mit einem zweiten Werk in Bünde/Westfalen und die PT Villiger Tobacco Indonesia in Ost Java. Dazu kommen zwei Vertriebsgesellschaften in Frankreich und in USA. Insgesamt beschäftigen wir rund 1500 Mitarbeitende.

Die im südbadischen Waldshut-Tiengen existiert seit 1910. Für den Aussenstehenden nicht auf Anhieb zu verstehen, denn die Stammkäufer Ihrer Zigarren dürften aus der Schweiz kommen…

Unser Unternehmen in Waldshut-Tiengen beliefert insbesondere die EU-Länder, das schweizerische Stammhaus die Schweiz und Drittländer. Unsere Schweizer Raucher decken ihren Bedarf in der Schweiz ein.

Bevor Ihr Bruder Kaspar Bundesrat wurde, zog er sich aus dem Familienunternehmen zurück. Wird er auch in Zukunft das Ruder Ihnen und Ihrer Tochter überlassen?

Bei der Wahl meines Bruders in den Bundesrat habe ich ihm seine Beteiligung an unserer Gruppe (50 Prozent) abgekauft. Er ist also seit 1989 nicht mehr am Unternehmen beteiligt. Meine älteste Tochter Corina Villiger ist Mitglied des Verwaltungsrates, jedoch nicht operativ tätig. Mein Bruder hat nie den Wunsch geäussert, wieder in das Familienunternehmen zurückzukehren.

„Wegen des Importdrucks aus Fernost und miserabler Margen hatte ich mich entschlossen, das Velogeschäft abzustossen…Schuster bleib bei deinem Leisten.“
Heinrich Villiger CEO Villiger Söhne Holding AG und Villiger Söhne AG

Vor rund zehn Jahren haben Sie Ihr Fahrradgeschäft verkauft. Bereuen Sie diesen Schritt nicht, vor dem Hintergrund des Hypes mit eBikes und der wachsenden Verdrängung des Individualverkehrs in den Städten zu Gunsten der Fahrradfahrer?

Mein Bruder und ich hatten sehr viel “Herzblut“ in das Fahrradgeschäft investiert. Wegen des Importdrucks aus Fernost und miserabler Margen hatte ich mich dann entschlossen, das Velogeschäft abzustossen, obwohl wir damals schon ein eBike in unserem Angebot hatten. Wie heisst das schöne Sprichwort: “Schuster bleib bei deinem Leisten“.

Wäre eine Diversifikation von Geschäftsaktivitäten vor dem Gesichtspunkt einer preiselastischen Nachfrage – als Folge steigender Steuern und politischen Vorstössen zu einer rauchfreien Bevölkerung – bei Raucherwaren nicht eine Option?

Sicherlich wäre eine Diversifikation eine denkbare Option, aber die Geschichte der Tabak-Kultur seit 1492, als Kolumbus den Tabak nach Europa brachte, zeigt, dass über die Jahrhunderte immer wieder von der “Obrigkeit“ versucht wurde, den Tabakgenuss zu verbieten, ohne Erfolg. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Wenn der mündige Bürger rauchen will, so wird er auch weiter rauchen.

„Seit 1492, als Kolumbus den Tabak nach Europa brachte, wurde von der “Obrigkeit“ immer wieder versucht, den Tabakgenuss zu verbieten.“

Extreme Forderungen nach Erhöhung der Steuern auf Zigaretten zielen auf einen Paketpreis von Zigaretten in der Schweiz bis CHF 11,00 hin. Doch Zigarillos werden tiefer besteuert, ein Vorteil für Sie…

Zigarren und Zigarillos werden niedriger besteuert, weil die Produktion sehr viel arbeitsintensiver ist. Die modernsten Zigarettenmaschinen produzieren 20‘000 Zigaretten in der Minute, unsere schnellsten Maschinen laufen mit einer Taktzahl von 75 Stück in der Minute. Zigarillos in den Hauptpreislagen kosten um die 50 bis 60 Rappen pro Stück, was in etwa dem Zielpreis des Bundesrates für Zigaretten entspricht. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

1989 haben Sie persönlich mit kubanischen Geschäftspartnern das erste Joint-Venture zur Produktion von Zigarren in Kuba gegründet und konnten somit vom US-Embargo profitieren.

So ist es. Vor dem Embargo waren die USA mit Abstand der bedeutendste Abnehmer für kubanische Zigarren und auch für kubanische Rohtabake. Die Kubaner mussten also dringend neue Märkte suchen. Das war schon lange vor unserem ersten Joint-Venture. Die Revolution war ja schon im Jahre 1959. Nach dem Embargo hatten wir insbesondere die Käufe kubanischer Rohtabake für die Zigarrenherstellung signifikant erhöht, u. a. auch deshalb, weil wir Zugriff zu den guten Qualitäten erhielten, welche die Amerikaner vorher “abgesahnt“ hatten. Das Joint-Venture für Zigarren folgte erst 1989.

„Die Qualität von Zigarren ist nicht messbar wie die Qualität von Stahl und Eisen.»

Zigarrenliebhaber streiten sich, welche die „besseren“ Zigarren sind, jene aus der dominikanischen Republik, jene aus Kuba oder gar solche aus brasilianischem Tabak. Für Sie ein „klarer Fall“?

Die Qualität von Zigarren ist nicht messbar wie die Qualität von Stahl und Eisen. Da spielen viele subjektive Bewertungen mit, wie bei anderen Genussmitteln auch. Zudem ist Tabak ein pflanzliches Produkt, und wie bei anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen auch ist nie die gesamt Ernte von Top-Qualität. Da gibt es erhebliche Unterschiede, unabhängig von der “Geographie“. Aber bleiben wir mal bei den Top-Qualitäten. Da steht für mich Kuba an erster Stelle, gefolgt von Brasilien, ja, und dann kommen alle anderen wie Nicaragua, Dominikanische Republik, Peru, Honduras, Mexico, usw. Es gibt in der Karibik und in Lateinamerika kaum ein Land, das keine Zigarren fabriziert.

Doch auch in Indonesien besitzen Sie eine stark expandierende Produktionsstätte, welche im Dreischichtbetrieb produziert. Inwiefern unterscheidet sich dieser Tabak vom karibischen?

Indonesien gehört auch zu den weltweit grössten Rohtabakproduzenten. Auch wir verarbeiten indonesische Zigarrentabake. In unserem Werk in Indonesien werden jedoch Rohtabake – die sog. Deckblätter, die äussere Umhüllung einer Zigarre – lediglich “veredelt“, d. h. konditioniert, die Mittelrippe des Blattes wird entfernt und anschliessend werden die Deckblatt-Zuschnitte aus dem Blatt herausgestanzt und auf Bobinen auf unsere Werke in Europa verteilt. Diese Deckblätter kaufen wir überwiegend in lateinamerikanischen Ländern. Von dort gehen sie dann direkt nach Indonesien zur Veredlung.

Was macht den Erfolg Ihrer Gesellschaft aus, der bereits in der vierten Generation expandiert? Was haben die knapp 50 Schweizer Zigarrenfabrikanten falsch gemacht, die nicht überlebt haben?

Ich sage immer, der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg hat keinen. Die Mechanisierung war der Hauptgrund für die Schrumpfung der schweizerischen Zigarrenindustrie von früher rund 50 auf heute nur noch zwei Hersteller. Die Mechanisierung der Produktion ab den 50er Jahren bedingte nicht nur Kapital, sondern führte auch zu einer erhöhten Produktion – denn die Maschinen müssen ja ausgelastet werden – die das kleine Land nicht schlucken konnte. Zudem war die gesamte Branche damals stark kartellisiert, was für eine freie Marktentwicklung hinderlich war. Und weltweit behinderten Zollschranken den Import von Tabakfabrikaten. Aber die beiden letztlich übrig gebliebenen beiden Zigarrenfabrikanten erwirtschaften mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes ausserhalb der Schweiz.

„Marketing ist ein Buch mit sieben Siegeln. Vielleicht habe ich mal einen Einfall, wenn ich auf dem Hochsitz sitze…“

Als Grand Patron haben Sie mit Weitsicht und Gespür für den Markt für Ihre Produkte das Fundament für den Erfolg und die Expansion Ihres Unternehmens gelegt. Dazu gehört auch die geniale Idee, online von Hand gerollte Zigarren und Zigarrenkisten individuell zu gestalten. Welches wird Ihr nächster Coup sein?

Marketing ist ein Buch mit sieben Siegeln. Mal ist man mit einem neuen Produkt erfolgreich, mal macht man eine Bauchlandung, auch mit Hilfe von renommierten Werbe- und Marketing-Beratern. Das passiert nicht nur uns, sondern auch den grossen multinationalen Zigarettenherstellern. Zu den Flops gehören auch die individuell gestalteten Zigarrenkisten mit dem Namen und dem Konterfrei des Rauchers. Das sind Eintagsfliegen, die keine Maschine auslasten. Was kommt als Nächstes? Vielleicht habe ich mal einen Einfall, wenn ich auf dem Hochsitz sitze, auf den Rehbock warte – der nicht erscheint – oder am Sonntagsnachmittag beim Lesen der Sonntagszeitungen. Erfolg ist nicht so leicht planbar.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in zehn Jahren?

Ich war einmal an einem Vortrag eines grossen japanischen Industriellen. Er sagte, jede Planung, die über ein Jahr hinausgehe, sei Makulatur. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Ich habe keine Ahnung, wo wir in 10 Jahren stehen werden, bin aber davon überzeugt, dass wir noch da sein werden.

…und sich selbst als Weltenbummler auf einem „Töff“?

Wo sehe ich mich selbst? Mit 83 Jahren muss man vor allem dankbar dafür sein, dass man noch mobil ist und mitwirken kann. Wie lange das noch möglich sein wird, wissen nur die Götter.

Der Gesprächspartner:
Heinrich Villiger wuchs im oberen Wynenthal, dem Zentrum der schweizerischen Zigarrenindustrie auf. Nach dem Besuch der Volksschule in Menziken/Aargau sowie Pfeffikon/Luzern, der Bezirksschule in Reinach/Aargau besuchte er die Ecole Supérieure de Commerce in Neuchâtel. Nach dem Erlangen des Handelsdiploms in 1949 und der Handelsmatur (entspricht dem deutschen Abitur) in 1950, trat er bereits im Herbst gleichen Jahres in das Familienunternehmen ein. Anschliessend absolvierte er 1 ½ Jahr§Rohtababakausbildung in den USA, Puerto Rico, Kuba und Dominikanische Republik. Nach seiner Rückkehr nach Europa ab 1952 setzte Villiger seine Rohtabakausbildung fort; in Holland (Tabakbörse), anlässlich von Aufenthalten in Brasilien und der Türkei. Anschliessend bildete sich Heinrich Villiger in der Technik der Zigarren- und Zigarettenherstellung weiter.

Ab 1954 wurde er Teilhaber der Villiger-Unternehmen in der Schweiz und in Deutschland. Zudem wurde zum Mitglied der Verwaltungsrates der Villiger Söhne AG (Schweiz) und der Geschäftsführung der Villiger Söhne GmbH (Deutschland) ernannt. 1958 verlegte er seinen Wohnsitz an die Grenze Schweiz/Deutschland und übernahm die Geschäftsführung der Villiger Söhne GmbH vor Ort in der Hauptverwaltung in Waldshut-Tiengen. Nach dem Tode des Vaters Max Villiger im Jahre 1966 trat Bruder Kaspar Villiger in das Unternehmen ein und übernahm die Leitung des schweizerischen Stammhauses; die beiden Brüder waren fortan mit je 50 Prozent am Gesamtunternehmen beteiligt. Mit der Wahl seines Bruders in den schweizerischen Bundesrat in 1989 übernahm Heinrich Villiger die Beteiligung an allen operativen Unternehmen und ist seitdem Alleininhaber der Villiger Söhne Holding AG.

Heinrich Villiger übt die Tätigkeit als Präsident des Verwaltungsrates der Villiger Söhne Holding AG sowie der Villiger Söhne AG in Pfeffikon / Kanton Luzern, Schweiz (Stammhaus des Familienunternehmens) aus. Nach Delegierung der operativen Leitung an drei Direktoren / Geschäftsführer zeigt er verantwortlich für die Oberaufsicht, die Strategie, Markenführung und die politische Lobby-Arbeit der Gruppe mit Sitz bei der Villiger Söhne GmbH in Tiengen bei Waldshut. Zudem ist er Commissioner (Aufsichtsrat) der PT Villiger Tobacco Indonesia, Vize-Präsident des Verwaltungsrates der INTERTABAK AG in Pratteln (Baselland) – offizieller Importeur von „Habanos“ für die Schweiz, Geschäftsführer der 5TH AVENUE PRODUCTS TRADING-GmbH in Waldshut-Tiengen, offizieller Importeur von „Habanos“ für Deutschland.

Das Unternehmen:
Die 1888 gegründete Villiger-Gruppe ist ein Schweizer Familienunternehmen in der vierten Generation, welches international im Tabakgeschäft tätig ist. Die Gruppe beschäftigt weltweit rund 1500 Mitarbeiter und erzielte 2012 einen Gesamtabsatz von rund 1,4 Mrd. Cigarren. Die Schweizer Produktion ist in Pfeffikon/LU. Die deutschen Herstellungsbetriebe befinden sich in Waldshut-Tiengen und in Bünde/Westfalen. Darüber hinaus werden in der indonesischen Freihandelszone Ngoro Tabakdeckblätter für die Produktion in Europa aufbereitet.

Villiger Söhne Holding AG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.