Jean-Daniel Laffely, CEO Vaudoise Versicherungen, im Interview

Jean-Daniel Laffely
Jean-Daniel Laffely, CEO Vaudoise Versicherungen. (Foto: Vaudoise)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Laffely, die zweite Welle der Corona-Pandemie hat die Schweiz mit voller Wucht erfasst. Wie prägt das Virus ihren beruflichen Alltag?

Jean-Daniel Laffely: Bei der Vaudoise waren wir stets sehr vorsichtig und haben unseren Mitarbeitenden die Verhaltensregeln immer wieder vor Augen geführt. Dank unserer IT-Ausstattung konnten wir im März sofort im Homeoffice arbeiten. Als die Massnahmen gelockert wurden, arbeiteten wir wieder im Büro, haben aber einen Homeoffice-Tag pro Woche beibehalten. Seit den letzten Ankündigungen des Bundesrats haben wir die Homeoffice-Tage schrittweise erhöht, zuerst auf 50 %, jetzt 100 %.

Schlüsselstellen zur Sicherstellung der Geschäftskontinuität zum Beispiel im IT-Bereich oder Sicherheitsdienst sind davon ausgenommen. Der Geschäftssitz und die Agenturen bleiben geöffnet. Wir haben die Präsenz so organisiert, dass wir unseren Kunden und Partnern eine Dienstleistung bieten können und dabei die gesundheitspolitischen Massnahmen strikt einhalten. Ich persönlich bin gerne in Kontakt mit meinen Kollegen, Mitarbeitenden und Partnern. Aber in dieser Situation müssen wir als gutes Vorbild vorangehen und tauschen uns deshalb online via Bildschirm aus.

Sie haben Ihr Amt im Mai unter besonderen Umständen angetreten. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen den Einschränkungen der Pandemie und Umsetzung Ihrer Ziele?

Natürlich hatte ich mir meinen Start als CEO etwas anders vorgestellt. Glücklicherweise sind wir bis anhin nicht ganz so stark von den Folgen der Krise getroffen worden wie andere Akteure – im Versicherungsmarkt, und auch ausserhalb. Auf den Schock im März reagierten vor allem die Finanzmärkte. Der Aufschwung war dank den Zentralbanken recht stark. Aktivitäten waren unterschiedlich stark betroffen und gleichen sich mehr oder weniger aus. Deshalb bleiben wir für 2020 bei unseren quantitativen Zielen: Wir streben ein positives Umsatzwachstum an, das über dem Markt liegt, sowie eine Schadenquote auf gleichem Niveau wie 2019 und Aufwendungen, die unserem Budget entsprechen. Die Ziele unserer Kapitalerträge hängen vom Ausmass der 2. Welle ab, welche bereits einen relativ grossen Einfluss hat. Ich rechne damit, dass sie Auswirkungen auf das Ergebnis des Asset Managements Ende dieses Jahres haben wird.

Bei der Versicherung zeigt sich die Entwicklung der Wirtschaft verzögert. Deshalb könnte 2021 und sogar 2022 für die Versicherungsbranche schwierig werden, sowohl in Bezug auf die Prämien als auch auf die Leistungen in gewissen Branchen.

„Glücklicherweise sind wir bis anhin nicht ganz so stark von den Folgen der Krise getroffen worden wie andere Akteure – im Versicherungsmarkt, und auch ausserhalb.“
Jean-Daniel Laffely, CEO Vaudoise Versicherungen

Trotz aller digitalen Möglichkeiten ist der persönliche Kontakt im Versicherungsgeschäft sehr wichtig. Wie löst die Vaudoise dieses Problem in der aktuellen Situation?

Unsere Berater konnten ausser während des Lockdowns ihre Kundentermine wahrnehmen. Sie mussten aber lernen, ihre Arbeitsweise den Umständen anzupassen. Auch für unsere Kunden war die Situation sicherlich schwierig. Wir haben festgestellt, dass das Versicherungsbedürfnis der Kunden während des Lockdowns vorerst nachgelassen hat. Allerdings konnten wir einen anhaltenden Aufschwung nach dem Monat Mai verzeichnen. Unsere Agenturen bleiben geöffnet und wir empfangen unsere Kunden unter Einhaltung aller Sicherheitsmassnahmen. Einige Kunden schätzen auch Beratungen per Videokonferenz. Die Situation ist komplizierter was unsere unternehmensinterne Tätigkeit betrifft, wie beispielsweise das Projektmanagement, aber auch das notwendige Networking, um neue Partnerschaften einzugehen. Im Homeoffice wird effizient gearbeitet, aber für die genannten Tätigkeiten ist es nicht das ideale Modell. Wir müssen uns innovativ zeigen, damit wir uns behaupten.

Die Vaudoise ist stolz auf ihre genossenschaftlichen Wurzeln. Bringen diese in Zeiten wie diesen auch eine besondere Verantwortung mit sich?

Ganz klar, ja. Unsere Wurzeln und unsere genossenschaftliche Identität veranlassen uns, Solidarität zu zeigen mit verschiedenen Massnahmen wie mit der Plattform DireQt in Zusammenarbeit mit QoQa und der Groupe Mutuel oder dadurch, dass wir unseren Geschäftsmietenden entgegenkommen. Damit unsere Mitarbeitenden ihre familiären und beruflichen Verpflichtungen besser miteinander vereinbaren konnten, haben wir die Arbeitszeiterfassung so eingestellt, dass Minusstunden nicht abgezogen wurden, während Überstunden selbstverständlich gutgeschrieben wurden.

Inwieweit haben die Corona-Auswirkungen das Halbjahresresultat der Vaudoise mit einem 18,6% tieferen Reingewinn, aber einem 2%igen Umsatzwachstum beeinflusst?

Der Nettogewinn von CHF 61 Millionen Franken beruht hauptsächlich auf Gewinnen aus den Vorjahren in unseren Schadenrückstellungen und auf den Finanzmärkten, die sich zu einem grossen Teil erholt haben, auch wenn sie noch immer recht unbeständig sind. Dieses solide Ergebnis zeigt, dass unsere genossenschaftliche Strategie greift und wirksam ist. Dank dem grossen Einsatz unserer Mitarbeitenden, unserem soliden Kundenstamm und unserer robusten Bilanz können wir auch in dieser bewegten Zeit mit Zuversicht bestehen.

„Das solide Ergebnis zeigt, dass unsere genossenschaftliche Strategie greift und wirksam ist.“

Bei den gebuchten Prämien wurde mit einem Plus von 3,7% vor allem in der Deutschschweiz ein starker Anstieg verzeichnet. Wie wichtig ist die Deutschschweiz für die Vaudoise als Westschweizer Unternehmung?

Bereits 1913 fasste die Vaudoise in der Deutschschweiz Fuss, als sie die Agentur in Bern eröffnete. Seither haben wir unsere Präsenz stets verstärkt und ausgebaut – auf regionaler Ebene, und auch dank unseren Brokern als Geschäftspartnern. Was das Wachstum auf nationaler Ebene betrifft, so streben wir ein Wachstum an, das deutlich über dem Schweizer Markt liegt.

Wie wollen Sie in der Deutschschweiz wachsen und Marktanteile gewinnen?

Wir verstärken unsere Kommunikation, damit wir sichtbarer und bekannter werden. Gleichzeitig arbeiten wir unermüdlich daran, unser kundennahes Agenturnetz weiter zu entwickeln.

Wir haben über den persönlichen Kontakt gesprochen, gleichzeitig will die Vaudoise die Chancen der Digitalisierung stärker nutzen. Wie sieht Ihre Strategie aus?

Ganz im Sinne unserer genossenschaftlichen Identität und unseren Werten «nah», «vertrauenswürdig» und «menschlich», setzen wir den Kunden ins Zentrum unserer Strategie. Die Digitalisierung nehmen wir vor allem in Angriff, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Die Beratungsqualität muss auf jedem Kanal gleich gut sein – ob offline oder online. Wir wollen das Kundenerlebnis mit einer Kombination aus bewährten Methoden und neuen Technologien ausbauen. Wir geniessen bereits heute einen sehr guten Ruf bei unseren Kunden: Das bestätigen die beiden ersten Plätze in der Zufriedenheitsumfrage zweier unabhängiger Vergleichsportalen in den Branchen Sach-, Haftpflicht- und Motorfahrzeugversicherung.

„Die Digitalisierung nehmen wir vor allem in Angriff, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Die Beratungsqualität muss auf jedem Kanal gleich gut sein – ob offline oder online.“

Inwieweit beruht diese Strategie auf Kundenbedürfnissen und inwieweit auf der Optimierung interner Abläufe und Prozesse?

Ich denke, es ist ein Mix aus beidem. Bei unseren Kunden sind alle Altersklassen vertreten. Wir müssen also mit modernen Versicherungslösungen aufwarten und diese auf digitalen Kanälen und Tools anbieten. Parallel dazu bieten wir aber nach wie vor traditionellere Dienstleistungen an. Zugleich haben wir im Jahr 2020 umfangreiche Programme zur Modernisierung unserer Informatiksysteme und Prozesse gestartet. Dabei setzen wir auf die bewährtesten Lösungen für den Versicherungsmarkt.

Wie beurteilen Sie generell den Digitalisierungsgrad der Schweizer Versicherungsbranche?

Genau wie im Bankensektor haben die Portfolios der Versicherer und die dazugehörigen IT-Systeme eine gewisse Historie. Mit der Transformation dieser Systeme können wir die Anforderungen, die unsere Kunden an uns stellen, besser bedienen. Allerdings haben wir in diesem Bereich nicht den Vorteil eines Start-ups, wir müssen z. B. die bereits bestehenden Systeme und Daten aktiv und sorgfältig beim Digitalisierungsprozess einbeziehen Die Versicherer entwickeln sich dennoch weiter und bereiten sich darauf vor, indem sie neben ihrem traditionellen Businessmodell neue Ökosysteme schaffen. Die Vaudoise folgt diesem Trend, beispielsweise mit Animalia, die ein Abonnement für Tierfutter anbietet oder mit dem Corporate Health Services, der Unternehmen einen ganzheitlichen Ansatz in der Bearbeitung von Krankheits- und Unfallfällen bietet.

Herr Laffely, besten Dank für das Interview.

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