Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz im Interview

Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz im Interview

Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz und Leiter Energie- und Versorgungswirtschaft (Bild: PwC)

Luzern – „Das Energieversorgungsunternehmen im herkömmlichen Sinne wird es in Zukunft nicht mehr geben. Energieversorger werden neue Geschäftsmodelle entwickeln und sich zumindest teilweise neu definieren müssen.“

Davon ist Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz und Leiter Energie- und Versorgungswirtschaft überzeugt. Er wird die Resultate seiner Analysen im Rahmen des Herbst-Forums «Jahrhundertherausforderung Energie» des Europa Forum Luzern vom 16. November 2015 in Luzern präsentieren. Im Gespräch erläutert er die finanziellen Chancen und Risiken der Energiebranche für Investoren.

Europa Forum Luzern: Wie schätzen Sie die Finanzierungsmöglichkeiten der künftigen Schweizer Energieversorgung ein?

Marc Schmidli: Grundsätzlich positiv, jedoch aufgrund des Marktumfelds mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Die Energieversorgung ist ein zentraler Bestandteil der Schweizer Volkswirtschaft. Die Nachfrage nach Energie wächst weiter. Vor diesem Hintergrund wird die Energieversorgung auch in Zukunft für Investoren attraktiv sein. Aufgrund der fundamentalen Veränderungen im Energiemarkt  wie Gleichstrom-Übertragung, Speichertechnologien, Sensorik, Data Analytics Smart Grid/Smart Metering, ist jedoch offen, wie künftige Marktmodelle aussehen und welchen Primärenergieträgern und welcher Infrastruktur – zentrale versus dezentrale Produktion – die Zukunft gehört. Dies führt vorübergehend zu Unsicherheiten darüber, welche Investitionen heute getätigt, respektive finanziert werden sollen.

«Die Nachfrage nach Energie wächst weiter. Vor diesem Hintergrund wird die Energieversorgung auch in Zukunft für Investoren attraktiv sein.» Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz und Leiter Energie- und Versorgungswirtschaft

Welche Chancen bringt die Investition in die Energiewirtschaft institutionellen Anlegern?

Investitionen in die Energieinfrastruktur erweitern die Anlagemöglichkeiten für institutionelle Anleger. Sie bieten in einem Tiefzinsumfeld attraktive inflationsgeschützte Risiko-Renditeprofile wie beispielsweise stabile regulierte Renditen bei Übertragungs- und Verteilnetzen. Bei Kraftwerken oder Investitionen in neue Themen wie Energieeffizienz oder E-Mobilität sind die Renditen marktorientierter und volatiler.

Welche Hürden haben institutionelle Anleger aus der Schweiz bei Investitionen in die Schweizer Energieinfrastruktur?

Einerseits der Zugang zu geeigneten Investitionsmöglichkeiten; es gibt aktuell nicht genügend davon. Anderseits schränkt die Finanzmarkt- und Vorsorgeregulierung die Investitionsmöglichkeiten der institutionellen Anleger im Energiesektor ein.

«Politische beziehungsweise regulatorische Risiken sind generell schädlich für Infrastrukturinvestitionen von institutionellen Anlegern.»

Welche Auswirkungen hat dies auf die Schweizer Energiewirtschaft?

Die Finanzierung der Energieinfrastruktur erfolgt weiterhin primär durch die Energieversorger bzw. die öffentliche Hand sowie durch klassische Fremdfinanzierungsinstrumente wie Bankkredite und Obligationen. Die direkte Finanzierung der Energieinfrastruktur durch institutionelle Investoren ist hingegen noch sehr bescheiden, obwohl ein grosses Interesse besteht.

Und wie steht es mit internationalen Investoren?

Das Interesse von ausländischen Investoren ist gering. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass diese meist ein minimales Transaktionsvolumen benötigen, das in der Schweiz nur selten auf dem Markt ist. Weiter dämpfen die attraktiven Investitionsmöglichkeiten in ausländischen Energiemärkten und die Frankenstärke den Investitionsappetit von internationalen Akteuren.

Welche Erwartungen bezüglich der Finanzierungsfrage haben Sie an Bundesbern?

Die Schaffung eines stabilen Investitionsumfeldes, das heisst transparente und klare regulatorische Rahmenbedingungen. Politische beziehungsweise regulatorische Risiken sind generell schädlich für Infrastrukturinvestitionen von institutionellen Anlegern. Zudem würde mehr Handlungsspielraum im Bereich der alternativen Anlagen, zum Beispiel für Direktinvestitionen, den institutionellen Investoren den Zugang zum Energieinfrastrukturmarkt erleichtern. (EF/mc/hfu)

Marc Schmidli
ist seit Juli 2000 bei PwC Schweiz, arbeitet als Partner im Geschäftsbereich Unternehmensberatung und leitet das Bewertungsteam sowie das Energy & Utility Team. Er ist zudem verantwortlich für das Nachhaltigkeitsteam von PwC Schweiz. Schwerpunkte seiner energieorientierten Tätigkeit bei PwC Schweiz umfassen die Bearbeitung von transaktionsorientierten Fragestellungen bei nationalen und internationalen Energiegesellschaften, industriespezifische Bewertungsfragen sowie die strategische, organisatorische, prozessorientierte und regulatorischeBeratung von Energiegesellschaften im Zusammenhang mit der Liberalisierung und Regulierung des Elektrizitätsmarktes.

Europa Forum Luzern – Jahrhundertherausforderung Energie
Nationale und internationale Strategien und Konzepte in der Energiefrage  stehen im Zentrum des 29. internationalen Europa Forum Luzern im November 2015. Experten wie

  • Christoph Frei, World Energy Council,
  • Lars Göran Josefsson, ehem. CEO Vattenfall AB,
  • Hans Ruedi Schweizer, Präsident Ernst Schweizer AG,
  • Matthias Sulzer, Dozent für Energie- und Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern,
  • Kurt Lüscher, CEO Energie 360°,
  • Walter Steinmann, Direktor Bundesamt für Energie,
  • Andreas Züttel, Professor für physikalische Chemie bei EPFL,
  • Marc Schmidli, Partner PwC Schweiz und Leiter Energie- und Versorgungswirtschaft sowie
  • Bundesrätin und Energieministerin Doris Leuthard

diskutieren über Innovationen als Wegbereiter zur sicheren Energieversorgung sowie die schweizerische Energiestrategie im europäischen Umfeld. www.europa-forum-luzern.ch 

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