Nicolas Nussbaum, EMEA-Leiter Hedgefonds- und Liquid Alternatives bei BlackRock, im Interview

Nicolas Nussbaum, EMEA-Leiter Hedgefonds- und Liquid Alternatives bei BlackRock, im Interview
Nicolas Nussbaum, EMEA Leiter Hedgefonds- und Liquid Alternatives bei BlackRock und Leiter der Genfer Niederlassung (Bild: Blackrock)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Nussbaum, inmitten der Energie- und anderen Krisen wächst der Markt der alternativen Anlagen kontinuierlich. Während sich Banken zunehmend aus dem Kreditgeschäft verabschieden, ziehen vor allem Alternative Anlagen Gelder an. Was sind die Hintergründe für diese Entwicklung?

Nicolas Nussbaum: Alternative Anlagen nehmen insgesamt einen immer grösseren Anteil am gesamten globalen Wirtschaftswachstum ein. Gleichzeitig interessieren sich immer mehr Investoren dafür, ihr Kapital in diese Anlageklasse zu investieren. Gründe dafür sind, dass sich Portfolios, die vor allem aus klassischen Anlagen wie Aktien und Obligationen bestehen, mit Beimischung von alternativen Anlagen gut diversifizieren lassen und so ein attraktives Risk-Return Verhältnis bieten. Die Eintrittsbarrieren für Alternative Anlagen sind zudem wesentlich tiefer als früher und insgesamt hat sich bezüglich Transparenz sehr viel getan in den letzten Jahren. Damit befinden sich Alternativen Anlagen aktuell in einer Phase der zunehmenden Demokratisierung.

Hedgefonds haben in der Bevölkerung einen teilweise negativen Ruf, da vor allem publik wird, wenn Wetten auf einen Niedergang der Börse, einer Währung eines Unternehmens oder einer ganzen Volkswirtschaft publik werden. Wie setzen Sie Hedgefonds ein, welche Strategie fahren Sie in der aktuellen Wirtschaftslage?

Aufgrund des strukturell schwächeren Wachstums und geopolitischer Risiken werden die nächsten fünf Jahre schwieriger als die letzten Jahre. Die Renditeerwartungen für die nächsten zehn Jahre wurden vielerorts nach unten korrigiert. Daher suchen viele Anleger nach Alternativen und ändern ihren Fokus, um ihre Rendite- und Ergebnisziele zu erreichen.

«Die Eintrittsbarrieren für Alternative Anlagen sind wesentlich tiefer als früher und insgesamt hat sich bezüglich Transparenz sehr viel getan in den letzten Jahren.» Nicolas Nussbaum, EMEA Leiter Hedgefonds- und Liquid Alternatives bei BlackRock

Um widerstandsfähige ausgewogene und zukunftsorientierte Portfolios mit einer besseren Rendite/Risikoprofile aufbauen zu können, eignen sich Hedge Fonds als komplementäre Ergänzungen zu traditionellen Aktiv- oder Indexstrategien.

Allerdings gibt es sehr viele unterschiedliche Strategien von Hedge-Fonds, welche in sich selbst schon sehr komplex sind. Hier ist es wichtig, sich gut beraten zu lassen und die geeigneten individuellen oder gemischten Strategien auszuwählen. Einige Hedgefonds Strategien wie Makro- oder Merger-Arbitrage haben eine schwächere Korrelation mit dem Aktienmarkt als Fundamentale Long/Short Aktien Strategien. Dies hat sich vor allem in diesem Jahr gezeigt.

Auch für spezialisierte Anleger ist der Markt der alternativen Anlagen schwer durchschaubar, unter anderem wegen fehlenden oder bruchstückhaften Daten und einer enormen Vielfalt an Anlagemöglichkeiten. Wie gehen Sie bei BlackRock damit um, wie grenzen Sie das Verlustrisiko ein?

Wichtig zu wissen ist, dass es zwei wesentliche Kategorien von Alternativen Anlagen gibt. Die erste sind private Vermögenswerte wie Private Equity, Privatkredite, Infrastruktur und private Immobilien. Sie werden weniger häufig gehandelt als öffentliche Aktien und Anleihen und bieten Investoren Zugang zu unterschiedlichen potenziellen Renditequellen.

Hedge-Fonds, die zweite Kategorie, operieren hauptsächlich auf öffentlichen Märkten, nutzen weniger traditionelle Instrumente wie den Gebrauch von Derivaten, Leerverkäufe und Leverage und können so auf mehrere Optionen zurückgreifen. Auch die Datenqualität dieser verschiedenen Kategorien ist unterschiedlich. Die Datenqualität ist in den letzten Jahren aber gestiegen und Anbieter wurden weiter institutionalisiert. Mit unseren Spezialistenteams und unseren Technologie-Plattformen stellen wir sicher, dass wir unseren Kunden die besten Alternativen Anlagen hinsichtlich Risiko/Renditeprofil und Datenqualität zur Verfügung stellen können.

Bei den traditionellen Anlagen spielen ESG-Kriterien eine zunehmend wichtige Rolle. Die AnlegerInnen wollen nicht nur Rendite erzielen, sondern mit ihrem Geld auch Gutes tun. Welche Rolle spielen ESG-Kriterien bei Alternativen Anlagen, wie intensiv werden die Qualität der ESG-Kriterien und deren Einhaltung überprüft?

Sie spielen eine zunehmend wichtige Rolle, da es gerade bei den Alternativen Anlagen viele Möglichkeiten gibt, in Zukunftstechnologien, wie beispielsweise erneuerbare Energien, zu investieren. Wie von uns bereits 2020 angekündigt, sind wir davon überzeugt, dass Klimarisiken auch Anlagerisiken sind. Daher kann unserer Ansicht nach die Einbeziehung von Klima- und Nachhaltigkeitsaspekten in die Anlageprozesse helfen, resilientere Portfolios aufzubauen und langfristig bessere risikobereinigte Renditen zu erzielen.

«Wir sind davon überzeugt, dass Klimarisiken auch Anlagerisiken sind.»

In den letzten Jahren hat sich bezüglich Regulation und Einhaltung von ESG Kriterien einiges getan. Standardisierte und transparente Richtlinien wie jene der Taskforce for Climate Financial Disclosure (TFCD) und die im März 2021 in der EU in Kraft getretenen Regelwerk von nachhaltigkeitsbezogenen Offenlegungspflichten (SFDR) hat die Transparenz erhöht. Die Lancierung der Swiss Climate Scores durch den Bund im Juni 2022 war ebenfalls ein wichtiger Schritt. 

Der aktuelle, politisch geförderte, Umbau der Wirtschaft hin zu nachhaltigeren Energieformen löst immense Investitionsvolumen aus. Welche Rolle spielen hier Alternative Anlagen zur Finanzierung dieser Initiativen?

Allgemein hinsichtlich Klima sehe ich eine Beschleunigung der Nachfrage bei Alternativen Anlagen, insbesondere Infrastrukturanlagen in erneuerbare Energien. Der hohe Bedarf an Strom, nicht nur in Ländern der OECD aber auch in Entwicklungsländern, sowie die stark vorangetriebene Verlagerung der Stromerzeugung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien bedarf einem enormen Investitionsvolumen, wir gehen von rund 9 Billionen Dollar aus, das unter anderem durch Institutionelle Anleger zur Verfügung gestellt werden kann. Um die weltweit vereinbarten Klimaziele zu erreichen, ist eine 50-prozentige Reduzierung der Emissionen bis 2030 nötig, so die UNO. Auf die Schwellenländer entfällt dabei ein immer grösserer Anteil der weltweiten Emissionen – inzwischen 34 Prozent bzw. 65 Prozent einschliesslich China

Mit Private Equity lassen sich Tendenzen am breiten Markt teilweise abfedern, zum Preis eines höheren Risikos. Bei niedrigen Ertragsaussichten mit herkömmlichen Anlagen wird dies auch für durchschnittliche Privatanleger immer attraktiver. Was raten Sie hier interessierten Anlegerinnen?

Für jeden potenziellen Investor in Alternative Anlagen ist es von grundlegender Bedeutung, die Art der Anlage sowohl unter Liquiditäts- als auch unter Risiko-/Renditegesichtspunkten vollständig zu verstehen, bevor investiert wird.  Daher ist es meiner Meinung nach von entscheidender Bedeutung, von Spezialisten beraten zu werden.

Investoren in private Märkte sollten einen langfristigen Anlagehorizont von mindestens sieben Jahren im Auge haben. Alternative Anlagen haben eine weitaus geringere Liquidität als z. B. ETFs/Indexfonds, die mehrmals täglich an der Börse gehandelt werden. Private Equity wird nicht öffentlich an der Börse gehandelt. Die Bewertung Alternativer Anlagen erfolgt auf der Grundlage des so genannten Nettoinventarwerts (NAV). Bevor eine Investition getätigt wird, ist es also absolut entscheidend, ein klares Verständnis aller relevanten Investitionskennzahlen zu haben.

«Investoren in private Märkte sollten einen langfristigen Anlagehorizont von mindestens sieben Jahren im Auge haben.»

Die Diskussion um die obligatorische Vorsorge (1. und 2. Säule) zeigt, dass viele Menschen ihren Lebensstandard im Alter mit den ersten beiden Säulen kaum werden halten können. Welche Rolle können hier Alternative Anlagen spielen, um die Vermögen der künftigen RentnerInnen abzusichern?

Diese spielen eine immer grössere Rolle. In der Schweiz ist der Anteil an Alternativen Anlagen vergleichsweise aber immer noch bescheiden. Schweizer Pensionskassen legen gemäss der jüngsten Pensionskassenstudie von Swisscanto 2021 nur rund 10 Prozent ihres Vermögens in Alternative Anlagen an.

Zu den stark nachgefragten Alternativen Anlagen gehören konkret Private Equity, Infrastrukturinvestments und Private Debt. Im angelsächsischen Raum, aber auch in den skandinavischen Ländern wie Schweden, Dänemark und Finnland sind die Quoten von Alternativen Anlagen bei Pensionskassen im Vergleich zur Schweiz markant höher. Dies hängt auch mit den gesetzlich unterschiedlichen Vorschriften zusammen. In den USA beispielsweise beträgt der Anteil an Alternativen Anlagen durchschnittlich 31 Prozent.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Als erstes wünsche ich mir, dass, auch wenn Volatilität bei Alternativen Anlagen in Theorie etwas Gutes sein kann, das Marktumfeld sich von den Umständen der letzten Jahre erholt und zu normaleren Umständen zurückkehrt.

Zweitens wünsche ich, dass Anleger realisieren, dass Alternative Anlagen «Mainstream» werden und dass es in Zukunft keine Alternativen zu den Alternativen Anlagen geben wird.


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