Niklaus Boss, Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung

Niklaus Boss

Niklaus Boss, Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung.

Von Patrick Gunti.

Moneycab: Herr Boss, Sie sind seit 1. Juni 2011 Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung. Mit welcher Zielsetzung haben Sie Ihr Amt angetreten?

Niklaus Boss: Ich möchte das Image von Erdöl durch aktive Kommunikation und einen frischen Auftritt positiv beeinflussen. Das Erdöl, als noch für lange Jahre wichtigster Energieträger, soll die ihm zustehende Beachtung und Wertschätzung erfahren. Das Erdöl muss sich nicht verstecken! Weiter will ich den guten und seriösen Ruf, den die EV geniesst, weiter fördern.

Die EV hat mit Ihrer Wahl bewusst auf jemanden gesetzt, der von ausserhalb der Branche kommt und auch nicht im Verbandsbereich tätig war. Was verspricht sich die EV dadurch?

Das müssten sie eigentlich diejenigen Personen fragen, die mich gewählt haben. Ich nehme an, dass meine berufliche Erfahrung aus Verwaltung, Industrie und Grosshandel einer der ausschlaggebenden Punkte war. Man verspricht sich von mir eine gewisse Aussensicht für den Verband und die Branche.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen der EV in den kommenden Jahren?

Die grössten Herausforderungen der EV sind die Auswirkungen der Klima- und Energiepolitik. In der aktuellen Klima- und Energiedebatte ist es wichtig, dass die verschiedenen Energieträger gleich lange Spiesse erhalten und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die EV kämpft dabei für die liberale Marktwirtschaft. Der Staat soll sich auf das Definieren von Leitplanken und Zielen konzentrieren. Die Umsetzung muss aber dem Markt überlassen werden.

Der Erdölpreis verharrt derzeit auf einem hohen Niveau. Welche Faktoren sind dafür verantwortlich?

Einerseits ist die weltweit steigende Nachfrage nach Öl aufgrund der guten konjunkturellen Weltwirtschaftslage zu nennen. Allfällige, erkennbare Wolken am Wirtschaftshimmel haben bis anhin noch keinen spürbaren Einfluss auf die Nachfrage gehabt. Andererseits haben sicherlich auch die Spannungen im arabischen Raum ihren Teil zum hohen Preisniveau beigetragen.

«Entgegen der Auffassung des OPEC-Generalsekretärs sind wir der Ansicht, dass der Einfluss der Spekulation überschätzt wird. Wir sind davon überzeugt, dass Spekulanten keine Trends schaffen können.»
Niklaus Boss, Geschäftsführer Erdöl-Vereinigung

Täglich wird nach Aussage von OPEC-Generalsekretär al-Badri etwa 35 Mal mehr Öl gehandelt, als verbraucht wird. Welchen Anteil haben Spekulationen am hohen Ölpreis?

Nach unserer Ansicht reflektiert die heutige Preissituation die wirtschaftlichen Fundamentaldaten bezüglich Nachfrage und Angebot, Währungseinflüssen etc. wider. Entgegen der Auffassung des OPEC Generalsekretärs sind wir der Ansicht, dass der Einfluss der Spekulation überschätzt wird. Wir sind davon überzeugt, dass Spekulanten keine Trends schaffen können. Wegen Spekulation werden fallende Preise nicht zu steigen oder steigende Preise nicht zu fallen beginnen. Spekulanten können jedoch bestehende Trends verstärken.

Wer sind diese Spekulanten?

Es sind die üblichen Player an den internationalen Börsen und somit wir alle. Spekulation als solches ist nichts Negatives. Der Ölmarkt braucht sogar eine gewisse Spekulation. Sie verhilft dem Markt zu grösserer Liquidität und übernimmt die Risiken, die die Hedger abzugeben versuchen.

In einem überraschenden Schritt hat die Internationale Energieagentur IEA ihre Reserven angezapft und versorgt den Markt mit 60 Mio. Barrel Öl. Wie werten Sie diesen Schritt?

Wir erachten den Entscheid der IEA als problematisch. Das angewandte Instrument des „Initial Contingency Response Plan“ (ICRP) ist als Massnahme bei Marktinstabilitäten und bei absehbaren Engpässen vorgesehen. Auf den Weltmärkten herrscht weder Knappheit noch Instabilität. Der genannte Grund für die getroffene Massnahme, der Ausfall der libyschen Produktionsmenge zu kompensieren, ist unseres Erachtens nur vorgeschoben. Der Entscheid der IEA wurde vor allem auf Druck der USA gefällt. Schon vor mehr als 10 Jahren hat Präsident Clinton auf diese Weise versucht, die Preise zu senken. Das amerikanische Verhalten wird durch die innenpolitische Agenda diktiert. Aufgrund der tiefen Steuerbelastung in den USA schlagen Preisveränderungen beim Endkonsumenten viel stärker durch als in Europa.

«Wir erachten den Entscheid der IEA als problematisch.(…) Der genannte Grund für die getroffene Massnahme, der Ausfall der libyschen Produktionsmenge zu kompensieren, ist unseres Erachtens nur vorgeschoben.»

Wie hoch sind die reinen Förderkosten für ein Barrel Rohöl?

Die Förderkosten hängen von der Lage des Erdölfeldes ab. Onshore-Vorkommen können in der Regel kostengünstiger gefördert werden als Offshore-Vorkommen. Die Bandbreite bewegt sich daher von ungefähr 5$ pro Barrel (onshore arabische Halbinsel) bis gegen 70-80$ pro Barrel (kanadischer Ölsand).

Die derzeitigen Preise sind ein grosses Risiko für die Erholung der Weltwirtschaft. Die OPEC hat zwar gewarnt, dass im zweiten Halbjahr die Öl-Nachfrage die Öl-Produktion übertreffen könnte, hat die Fördermengen aber trotzdem nicht angehoben. Welche Erklärung haben Sie für diesen Entscheid?

Generell kann man sagen, dass ein zu hoher Ölpreis, der die Weltwirtschaft gefährdet respektive die Substitution von Erdöl fördert, nicht im Interesse der OPEC sein kann. Eine weltweite Rezession lässt die Nachfrage und damit auch den Preis für das Erdöl massiv sinken. Dieser Zusammenhang wurde das letzte Mal 2008/2009 bestätigt. In der OPEC sind aber verschiedene Interessen wie auch politische Ansichten vertreten. Gewisse Mitglieder haben im Sinne einer kurzfristigen Gewinnmaximierung ein Interesse am Weiterbestehen eines hohen Ölpreises. Weiter hat sicherlich beim oberwähnten Entscheid auch eine gewisse antiwestliche Tendenz eine Rolle gespielt, haben doch vor allem Venezuela und der Iran geblockt.

Wie sieht es aktuell mit den weltweiten Lagerbeständen aus?

Die weltweiten, aktuellen Lagerbestände sind hoch. Es herrscht keine Ölknappheit.

Die Turbulenzen im arabischen Raum haben gezeigt, welchen Einfluss mangelnde politische Stabilität auf den Ölpreis hat. Welche Bestrebungen können Sie bei den Ölkonzernen feststellen, Investitionen vermehrt in politisch stabilen Ländern zu tätigen?

Die internationalen Gesellschaften haben ein Problem des Ressourcenzugangs. Viele Förderländer haben nationale Ölgesellschaften gegründet, um die Ölproduktion in den eigenen Händen zu halten. Aus diesen Ländern haben sich die internationalen Firmen zurückgezogen und ihre Tätigkeiten dorthin verlegt, wo die Förderung technisch anspruchsvoll ist (Tiefseebohrungen, Förderung von Ölsand und Ölschiefer etc).

Welche Investitionen müssen getätigt werden, um die bereits bestehenden Ölförderanlagen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu unterhalten?

Die IEA rechnet mit einer Investitionssumme von mehreren 100 Millionen Dollar pro Tag um den Bedarf bis 2030 zu decken.

Die Nachfrage nach Erdöl steigt kontinuierlich. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, wie lange die Erdölvorräte der Welt noch ausreichen. In diesem Zusammenhang wird immer über den Peak Oil diskutiert, also den Höhepunkt der globalen Erdölförderung. Experten sind sich nicht einig, wann dieser Peak Oil erreicht sein wird, oder ob er allenfalls bereits erreicht wurde. Ihre Meinung?

Der Peak Oil im Voraus zu bestimmen ist unmöglich, den erkennen wir erst im Nachhinein. Seit mehr als 20 Jahren betragen die Reserven von erschlossenen, konventionellen Ölvorkommen mehr als 40 Jahre. Mit anderen Worten, parallel zum steigenden Konsum wurden immer neue Vorkommen erschlossen. Jedoch ist auch für uns klar, dass das Erdöl eine endliche Ressource ist. Die Diskussion um den Peak Oil erachten wir aber als obsolet. Die Umstellung auf andere Energieträger hat bereits begonnen. Da Öl weltweit immer noch einer der wichtigsten Energieträger ist, wird die Umstellung mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen, aber deutlich vor der Förderung des „letzten“ Fasses Öl abgeschlossen sein.

Der Preis für Heizöl in der Schweiz wird durch den gegenüber dem US-Dollar sehr starken Schweizer Franken zwar etwas abgemildert, liegt aber trotzdem sehr hoch. Nun ist derzeit keine Heizperiode, wer aber hinsichtlich dem kühleren Herbst und dem kommenden Winter den Öltank füllen muss, macht sich seine Gedanken. Welche Tipps können Sie geben?

Verlässliche Prognosen zu machen, ist sehr schwierig. Der Ölpreis wird durch die globale wirtschaftliche Entwicklung getrieben. Wer nun aufgrund der Euro- und sonstigen Krisen von einer pessimistischen Entwicklung der Weltwirtschaft ausgeht, wird auf sinkende Preise setzen. Wer hingegen die wirtschaftliche Entwicklung optimistisch betrachtet, wird von weiterhin hohen Ölpreisen ausgehen. Sinnvoll ist es auf alle Fälle, nicht mit einem leeren Tank in die Heizsaison zu starten. Notfüllungen des Öltanks sind immer eine kostspielige Angelegenheit. In den letzten Jahren hat sich ein Abwarten nicht bewährt, weil die Preise tendenziell eher gestiegen als gesunken sind.

Wie schätzen Sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Führungsnachwuchses ein?

Ich schätze die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Führungsnachwuchses als hoch ein. Unser Nachwuchs ist mehrsprachig, sehr international und mobil. Dies verbindet er mit den schweizerischen Grundtugenden wie Verlässlichkeit, Bescheidenheit und Genauigkeit.

Wie wichtig ist Diversity für Ihr Unternehmen und welche Massnahmen sind in Ihrem Unternehmen zum Thema geplant oder schon umgesetzt?

Ich spreche hier für die Branche und nicht für die Erdölvereinigung als Verband. Die Ölgesellschaften gehörten zu den ersten global tätigen Unternehmen. Dieses Weltumspannende wird in der Branche abgebildet. Dazu kommt noch der Facettenreichtum an beruflichen Anforderungen in dieser Branche, der das Spektrum vom Tankstellenshoppersonal bis zum Geologen alles abdeckt. Diversity wird demnach bereits heute in der Ölwirtschaft gelebt.

Herr Boss, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person
Niklaus Boss ist seit 1. Juni 2011 als Nachfolger von Rolf Hartl Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung. Der 47-Jährige studierte an der Universität Zürich Rechtswissenschaften und absolvierte anschliessend die Anwaltsprüfung. Nach verschiedenen Funktionen in der Verwaltung des Kantons Aargau wechselte er in die Privatwirtschaft, wo er in mehreren Bereichen des Von Roll Konzerns (Marketing und Sales, Gesamtführung, Stabsstelle, Projektleitung) auch internationale Erfahrungen sammelte. Zuletzt zeichnete er bei der Firma Dobi-Inter AG, einem Grosshandelsunternehmen, als Mitglied der Geschäftsleitung für den Verkauf und die Logistik verantwortlich. Berufsbegleitend schloss er das Executive MBA der Universität Zürich ab.
Niklaus Boss ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen, und im Kanton Aargau wohnhaft. Neben Arbeit und Familie engagiert er sich auch in seiner Gemeinde als Mitglied der Finanzkommission.

Zur Organisation
Die Erdöl-Vereinigung (EV) setzt sich als Verband der schweizerischen Erdölwirtschaft für die Wahrung und Förderung der Interessen ihrer Mitglieder ein. Die heute 28 Mitglieder tätigen 95% der schweizerischen Importe von Rohöl und Erdölprodukten.

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