Oliver Fiechter, Ökonomie 3.0

Oliver Fiechter

Oliver Fiechter, Ökonomie 3.0, Buchautor «Die Wirtschaft sind wir».

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Fiechter, der Titel Ihres in wenigen Tagen erscheinenden Buches lautet „Die Wirtschaft sind wir!“ Wenn wir uns die Entscheidungsprozesse auf Ebene EU, in den USA oder auch China anschauen, ist das nun Wunschdenken oder werden in Zukunft Entscheidungen wieder vermehrt von den Betroffenen gefällt?

Oliver Fiechter: In dem Buch beschreibe ich nicht primär eine Ist-Situation, sondern reflektiere Entwicklungstendenzen. Ich begann vor zwei Jahren, das Buch anzudenken. Damals vernahm ich schwache Signale, die den Wandel leise ankündigten. Im Verlaufe des Schreibprozesses wurden diese Signale immer stärker: die Ausschreitungen in London, der Arabische Frühling, die „Occupy Wallstreet“-Bewegung und der Slogan „We are the 99%“, das sind für mich alles Vorläufer eines Paradigmawechsels. Es ist eine neue Aufklärung im Gange, welche die Demokratisierung und Dezentralisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zum Ziel hat.

«Ich bin mir sicher, dass die neuen technologischen Möglichkeiten, die unter anderem das Internet bietet, zu einer gewaltigen Stärkung des Dezentralen und damit zum Zerfall von Machtstrukturen führen werden.» Oliver Fiechter, CEO Ökonomie 3.0, Buchautor «Die Wirtschaft sind wir».

Aber im Fall der USA oder von Europa und China stellt sich die Realität jedoch anders dar.

Je grösser die Machtapparate sind, desto langwieriger wird deren Transformation. Aktuell leben wir zwischen den Zeiten, in einer Art Dämmerungszone, in welcher der Kampf um die Zukunft tobt. Wir erleben die Auseinandersetzung zwischen den Kräften der Zentralisierung und denjenigen der Dezentralisierung. Ich bin mir jedoch sicher, dass die neuen technologischen Möglichkeiten, die unter anderem das Internet bietet, zu einer gewaltigen Stärkung des Dezentralen und damit zum Zerfall von Machtstrukturen führen werden.

«Die Wirtschaftstheorie stimmt heute in keiner Art und Weise mehr mit der wahrgenommenen Realität des Menschen überein.»

Gerade klassische Ausbildungsstätten wie die Elite-Universitäten im englischsprachigen Raum haben sich sowohl mit der Voraussage der aktuellen Krisen als auch mit Antworten auf die durch diese Krisen hervorgegangenen Probleme (zum Beispiel massive Arbeitslosigkeit bei gut ausgebildeten Jugendlichen) nicht mit Ruhm bekleckert. Woher sollen die Antworten kommen, wenn nicht aus diesen Bildungs-Hochburgen?

Diese Ausbildungsstätten haben uns die Krisen eingebracht. Die Ökonomenzunft trägt durch ihren Ansatz der Maximierung die Verantwortung dafür, dass die Wirtschaft sich entmenschlicht und von den Bedürfnissen der Menschen abgekoppelt hat. Die gegenwärtigen Krisen sind ein Effekt daraus. Die Wirtschaftstheorie stimmt heute in keiner Art und Weise mehr mit der wahrgenommenen Realität des Menschen überein.

Was gilt es jetzt zu tun?

Wir alle sind aufgefordert, die Wirtschaft zu ändern. Die Wirtschaft ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist kein Naturereignis, dem wir Menschen hilflos gegenüber stehen. Es sind die kollektiven Emotionen einer Gesellschaft, die das Wirtschaftssystem formen. Die schöpferische Hoheit über die Entwicklung ökonomischer Theorien darf nicht ausschliesslich im Kompetenzbereich von Akademien, Lehrstühlen und Eliten liegen.

Schwarmintelligenz als Lösung?

Immer wenn eine Gruppe von Menschen derselben Aufgabe nachgeht, kommt es zur Bildung von Schwärmen. Der Schwarm verfügt über eine Intelligenz, welche die Intelligenz der einzelnen Mitglieder übertrifft. Der höhere Organismus hat Fähigkeiten, die ein einzelnes Element nicht haben kann. Deshalb ist es so wichtig zu erkennen, dass wir alle die Verantwortung mittragen für den desolaten Zustand, in der sich unsere Welt befindet. Es liegt an uns, die Wirtschaft und damit die Lebensumstände von Millionen von Menschen zu verbessern. Wir sind die Macht. Wir müssen nur im Gemeinsamen, im Wir denken und uns nicht länger auf die Mächtigen dieser Welt verlassen.

«Soziale Netze sind daran, die Strukturen unseres kapitalistischen Systems allmählich aufzulösen.»

In all den aktuellen Entwicklungen spielt das Internet mit den Möglichkeiten der Sozialen Medien eine bedeutende Rolle. Welchen Wert messen Sie dem Internet bei?

Für viele Manager und Unternehmer stellt das Internet nur einen alternativen Vertriebskanal oder neuen Wertschöpfungszweig dar. Alle diese Menschen unterschätzen die politische Kraft des Sozialen, die im Internet steckt. Soziale Netze wie Facebook, Twitter, YouTube und Co. verstärken die Möglichkeiten der Einflussnahme, sie geben den Menschen ihre Stimme und die Autonomie über wirtschaftliche Vorgänge zurück. Soziale Netze sind daran, die Strukturen unseres kapitalistischen Systems allmählich aufzulösen.

Wie kann das Netz auch zu einem qualitativen Wachstum der Gesellschaft beitragen?

Das Internet bildet ein neues Gedanken- und Wertesystem heran, in dem das Individuum mehr Freiheiten besitzt, aber auch mehr soziale Verantwortung trägt. Die Vernetzung hilft den Menschen, sich und ihre Bedürfnisse im Austausch mit anderen besser zu reflektieren. Es hilft aber auch, die Bedürfnisse der Menschen mit den Wertschöpfungsangeboten der Unternehmen besser in Einklang zu bringen. Der reine transaktionsorientierte Massenkonsum wird abnehmen. Wir werden vermehrt Sinnangebote kaufen, also Produkte, die 1:1 unserer Identität entsprechen.

«Immer mehr Menschen ist es wichtig, involviert zu werden und aktiv etwas mitzugestalten, anstatt passiv zu konsumieren.»

In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern sind die „Piraten“ gerade dabei, mit dem Versprechen der „Beteiligung“, aber ohne eigentliches politisches Programm traumhafte Wahlergebnisse einzufahren. Genügt es in Zukunft einfach „dabei zu sein“, ohne aber genau zu wissen, wohin die Reise gehen soll?

Hier ist der Weg das Ziel. Immer mehr Menschen ist es wichtig, involviert zu werden und aktiv etwas mitzugestalten, anstatt passiv zu konsumieren. Die Menschen wollen keinen vorgefertigten Inhalte, niemanden, der ihnen die Welt erklärt, sondern sie wollen den Inhalt im Dialog mitentwickeln. Die Piraten binden mit Hilfe des Internets ihre Wähler stärker mit ein und machen so aus ihnen Beteiligte. Das bringt das Gefühl von Transparenz mit sich. Und Transparenz schafft Vertrauen.

Dann betreiben die Piraten also mehr Psychologie und weniger Politik?

Ja, dieses Momentum aus Einbindung, Transparenz und Vertrauen nutzen die Piraten ideal. In Analogie zur Wirtschaft würde man in Bezug auf die Piraten nicht von einer Produkt-, sondern einer Prozessinnovation sprechen. Damit sind die Piraten sehr modern. In einer Welt, in der das Produktangebot meist kommodisiert ist, ist ein neuer Ansatz mit den Menschen zu interagieren, ein erfolgstreibender Faktor. Die guten Wahlergebnisse der Piraten beweisen, wie schwer es etablierten Parteien fällt, aufgrund ihrer zentralistischen Strukturen die Menschen richtig einzubinden.

«Der materielle Besitz wird an Bedeutung abnehmen, weil man Immaterielles nicht horten und nicht akkummulieren kann.»

Durch die Krisen fast noch beschleunigt ist ein Auseinanderdriften der Besitzverhältnisse feststellbar. Vereinfacht gesagt besitzen immer weniger extrem Reiche immer mehr des vorhandenen Vermögens. Wie soll sich das in der Ökonomie 3.0 ändern?

In reifen, vor allem westlichen Volkswirtschaften, die nach meiner Klassifizierungslogik eben der Ökonomie 3.0 angehören, haben wir in materieller Hinsicht ein Überangebot, das heisst, wir haben von allem mehr als genug. Ich gehe davon aus, dass die Ökonomie 3.0 ein neues Bewusstsein hervorbringen wird: der materielle Besitz wird an Bedeutung abnehmen, weil man Immaterielles nicht horten und nicht akkummulieren kann.

Können Sie das genauer erläutern?

Die ökonomische Theorie basiert darauf, dass sie Knappheiten überwinden will. Hier kollidiert Theorie und Praxis. Und an diesem Punkt entstehen Krisen, weil global betrachtet jedes Nation und jede Region einen anderen ökonomischen Reifegrad aufweist. Es gibt Länder, die noch tief in der Ökonomie 1.0, der Agrarwirtschaft, verankert sind, während vor allem Schwellenländer erst zu Beginn der Ökonomie 2.0 stehen und die Mehrheit der Menschen täglich um die Versorgung ihrer Grundbedürfnisse kämpfen müssen. Dann gibt es Länder wie zum Beispiel die Schweiz, in der alles im Überfluss vorhanden ist und sich allmählich zur Befriedigung ihrer immateriellen, emotionalen Bedürfnisse hinwendet. Heute bereits gibt es extrem Reiche, welche die Hälfte und mehr ihres materiellen Besitzes philanthropisch einsetzen, um Ökonomie 1.0 und Ökonomie 2.0 Länder materiell zu unterstützen. In dem sie anderen Gutes tun, helfen sie nicht nur das Gesamtsystem zu stabilisieren, sondern befriedigen sie auch ihre emotionalen Bedürfnisse im Sinne der Ökonomie 3.0.

«Die Ökonomie 3.0 schafft die Führungskräfte ab. Führungskräfte kosten und behindern den Informationsfluss.»

Im aktuellen Wirtschaftssystem ist die Wertschätzung fast ausschliesslich auf ihren finanziellen Aspekt reduziert. Das hat nicht zuletzt der Schweiz und ihrem Bankensystem Reichtum und Ansehen und in letzter Zeit zu Isolation und Schwierigkeiten geführt. Wie soll sich in Zukunft der Wert des Geldes relativieren?

Unsere Gesellschaft ist es noch immer gewohnt, das Geld als den zentralen Masstab zur Bewertung von Leistung anzusetzen. Die Effizienz einer wirtschaftlichen Tätigkeit wird gerne gleichgestellt mit der Höhe des daraus erzielten Geldgewinnes. Das war für die transaktionsorientierte Ökonomie 2.0, in der es vor allem darum ging den Lebensstandard zu bemessen, noch halbwegs legitim. In der Ökonomie 3.0 wird die Bedeutung des Geldes abnehmen, weil man Effektivität und Lebensqualität nicht mit quantitativen Masseinheiten messen kann. Die Ökonomie 3.0 ist ein riesiges, soziales Netzwerk – dessen Wert ist das Soziale.

Grosse Unternehmen sind mehrheitlich auf hierarchischen Strukturen aufgebaut innerhalb derer ein beachtlicher Teil der Energien für die Erhaltung der aktuellen Position oder den nächsten Karriereschritt verloren gehen. Erst ganz wenige Unternehmen proben alternative Modelle (zum Beispiel Betriebe ohne Chefs). Welche Organisationsformen sind in der Ökonomie 3.0 angedacht?

In der Ökonomie 3.0 werden Hierarchien durch Netzwerke ersetzt. Die Ökonomie 3.0 schafft die Führungskräfte ab. Führungskräfte kosten und behindern den Informationsfluss. Die Bedürfnis- und Wertschöpfungsgemeinschaft vertraut stattdessen auf reflektierte Wirtschaftsteilnehmer, direkte Kommunikation unter den Peers und die eigene Schwarmintelligenz.

Der Gesprächspartner:
Oliver Fiechter wird 1973 in Argentinien Buenos Aires geboren. Dort verbringt er, vollständig integriert in die argentinische Kultur, die ersten Jahre seiner Kindheit. Anfang der 80er Jahre kehrt die Familie in die Schweiz zurück.

Als junger Journalist arbeitet Oliver Fiechter in den Bereichen Kultur und Wirtschaft. Er gründet 1999 mit einem Partner die Kommunikationsagentur FDMM AG, welche auf strategische Kommunikation und Krisenmanagement spezialisiert. Oliver Fiechter betreut delikate Mandate, die er dank seiner unorthodoxen Lösungen erfolgreich führt. Er entwickelt einen Ansatz zur Operationalisierung von weichen Faktoren und konzipiert einen Ökonomieansatz mit einer neuen Werte- und Geldphilosophie, abgeleitet aus dem Konstruktivismus (Heinz von Foerster etc.).

2012 gründet er die Ökonomie 3.0 AG. Diese setzt das von ihm ausgearbeitete Denkmodell „Ökonomie 3.0“ in die Praxis um.

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