Oliver Nussli, CEO Schweizer Zucker AG, im Interview

Oliver Nussli, CEO Schweizer Zucker AG, im Interview
Oliver Nussli, CEO Schweizer Zucker AG. (Foto: zvg)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Nussli, welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Schweizer Zucker?

Oliver Nussli: Den Klimawandel unterschätzen wir nicht, sei dies agronomisch wie wirtschaftlich. So nimmt das wärmer werdende Klima Einfluss auf den Anbau der Zuckerrübe. Krankheiten, und Schädlinge verändern sich oder wandern geographisch. Aber auch Extremwetter-Ereignisse nehmen grossen Einfluss auf den Ernteertrag. All das wirkt sich wiederum wirtschaftlich aus.

Ihr Unternehmen betreibt auch Forschung. Wie kann es gelingen, den Zuckergehalt der Rübe zu erhöhen?

Als einzige Kultur in der Schweizer Landwirtschaft betreiben wir zusammen mit dem Verband der Rübenpflanzer eine eigene Forschungsstelle. Dort wird in Zusammenarbeit mit externen Partnern, wie Universitäten, Hochschulen und Agroscope (Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, a.d.R.) intensiv daran gearbeitet, auf natürlichem Wege resistentere Sorten zu züchten. Solche Sorten brauchen weniger Schutz gegen Krankheiten, Wetterereignisse und Schädlinge, während sie trotzdem hohen Ertrag liefern. Die Ergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass dieser Ansatz erfolgreich sein kann.

«Als einzige Kultur in der Schweizer Landwirtschaft betreiben wir zusammen mit dem Verband der Rübenpflanzer eine eigene Forschungsstelle.»
Oliver Nussli, CEO Schweizer Zucker AG

Rüsselkäfer und die Krankheit viröse Vergilbung konnten vor Jahren erfolgreich bekämpft werden. Ist bei der Schädlingsbekämpfung alles im grünen Bereich?

Nein, dem ist nicht so. Verschiedene wirksame Pflanzenschutzmittel wurden und werden verboten. Das ist aus ökologischer Sicht teilweise sinnvoll zum Schutz der wichtigen Biodiversität. Auf der anderen Seite sollen unsere Landwirte ökonomisch produzieren. Um das zu erreichen, sind sie auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. Das ist überall auf der Welt so. Die Erfahrung zeigt, dass die Entwicklung von tauglichen Alternativen – das heisst vom Wirkungsgrad, von der Ökologie als auch der Kostenseite – Zeit benötigt, weil sie im Feldversuch bestätigt werden müssen. Wir unterstützen solche Versuche nach Kräften. So haben wir dieses Jahr mit einem ETH- Start-up zusammengearbeitet, um einen neuen «Biological»-Mix im Feld zu testen.

Hat die Schweiz denn im Vergleich zum Ausland gleichlange Spiesse?

Störend ist, wenn Pflanzenschutzmittel in der Schweiz verboten werden, jedoch im Ausland weiterhin erlaubt sind. Beim Rohrzucker haben wir hier zahlreiche Beispiele. Der Branche wird regelmässig vorgeworfen, preislich gegen das Ausland nicht konkurrenzfähig zu sein. Pustekuchen, wenn beim braunen Rohrzucker andere Pflanzenschutzmittel zugelassen sind. Hier herrscht für den Konsumenten zu wenig Transparenz, was er wirklich an Ökologie einkauft. Unsere Sichtweise: Wir sollten Pflanzenschutzmittel nicht per se reduzieren, sondern mit in allen Belangen besseren ersetzen. Wir reden dann von Intensivierung der ökologischen Nachhaltigkeit. Da arbeiten wir sehr hart dran.

«Störend ist, wenn Pflanzenschutzmittel in der Schweiz verboten werden, jedoch im Ausland weiterhin erlaubt sind.»

Nach einem zweistelligen Anstieg zu Beginn des Jahrzehnts ist der Rübenpreis wieder deutlich gefallen. Hauptgrund ist ein weltweites Überangebot. Wo sehen Sie den Preis in den nächsten Jahren?

Die aktuellen Zuckerpreise sind historisch tief. Das macht uns grosse Sorgen. Zucker wird öffentlich an zahlreichen Börsen gehandelt. Das heisst, die Preise werden dort transparent definiert. Die ertragreichen Ernten der letzten Jahre führten zum aktuellen Überangebot. Dieses drückt jetzt stark auf die Preise. Wir hoffen natürlich, dass sich diese mittelfristig wieder erholen. Entscheidend ist dabei, wie die grossen Produktionsländer wie Brasilien oder Indien auf die tiefen Preise reagieren. Schwenken diese Länder von Zucker- auf Äthanolproduktion um? Falls ja, werden sich die Lagerbestände erholen und Zucker wird wieder einen angemessenen Preis erzielen können. Es ist auch wichtig, dass die vielen ökologischen Anstrengungen in der Schweiz fair vergütet werden.

«Der aktuellen Zuckerpreise sind historisch tief. Das macht uns grosse Sorgen.»

Die Anreize zum Anbau in der Schweiz sind ja gut. Im zweiten Jahr in Folge stieg die Anbaufläche auf jetzt 16500 Hektar. Hat der gesunkene Preis Auswirkungen auf den schweizerischen Versorgungsgrad, der bei 20’000 Hektaren liegt?

Der Rübenpreis ist auch vom Zuckerpreis abhängig. Dieser wurde für die kommende Kampagne bereits gesenkt. Die Anbaufläche bleibt hoffentlich stabil. Da die Zuckerrübe im Vergleich mit anderen Kulturen wirtschaftlich nach wie vor sehr attraktiv ist, glauben wir die Fläche halten zu können. Für eine wirtschaftliche Auslastung beider Fabriken sind tatsächlich ungefähr 20’000 Hektare nötig.

Der preisbedingte letztjährige Umsatzeinbruch um 20 Prozent hat den Gewinn zunichte gemacht, und gegen Ende Jahr hat ein Defekt am Kalkofen die Produktion jäh gestoppt. Ist der seither reduzierte Betrieb wieder hochgefahren?

Ja, dank einer Parforce-Leistung unserer Mitarbeitenden konnte die Produktion Anfang Januar mit einer Ersatzlösung wieder hochgefahren werden. Diese läuft erfreulicherweise sehr gut und hilft uns, alle Rüben der Schweiz zu verarbeiten.

Um wieviel verzögert sich durch das Malheur die Zuckerproduktionszeit, im Fachjargon «Kampagne» genannt?

Normalerweise endet die Kampagne in Aarberg um die Weihnachtszeit, in Frauenfeld meist Mitte Januar. Durch den Unterbruch wird es nun in beiden Werken bis in den Februar dauern.

Ist das Produktionsziel von 270’000 Tonnen Zucker vor diesem Hintergrund erreichbar?

Ja, die Rüben wurden ja nicht weniger. Wegen der langen Kampagne leiden die Rüben etwas, und einzelne Rübenhaufen bringen vielleicht etwas weniger Zucker. Wir sind aber guter Hoffnung, nah an dieses Mengenziel zu kommen.

Entlang der gesamten Produktionskette fallen beim Schweizer Zucker rund ein Drittel weniger Umweltbelastungen an. Ist das neben der Versorgungssicherheit das Hauptargument zugunsten von Schweizer Zucker?

Absolut ein wichtiger Grund. Auch wenn die europäischen Zuckerfabriken viel in die Nachhaltigkeit investieren, so ist unsere Produktion äusserst umweltfreundlich. Das hat vor allem auch mit den beiden Holzkraftwerken in Aarberg und Frauenfeld zu tun, die mit Verbrennen von Holz uns die nötige Energie liefern. Wir senken damit unseren CO2 -Ausstoss. Das wird übrigens von unseren Kunden sehr goutiert.

In Aarberg und Frauenfeld werden auch melassierte Schnitzel aus Zuckerrübenabfall zur Kuhfütterung produziert. Ist das ein Wachstumsmarkt?

Unsere Futtermittel sind sehr erfolgreich. Melasse beinhaltet immer auch noch etwas Zucker. Der ist ein guter Energieträger und auch bei den Tieren geschmacklich hoch beliebt. Die Marktaussichten sind gut, und wir sehen auch noch Potenzial zur Steigerung.

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