Philippe Petitpierre, VRP Holdigaz, im Interview

Philippe Petitpierre
Philippe Petitpierre, VRP Holdigaz AG. (Foto: Holdigaz)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Petitpierre, Holdigaz liefert jährlich 1,7 Milliarden kWh Erdgas an seine Kunden in der Westschweiz. Wie hoch ist die Versorgungssicherheit – zum gegenwärtigen Zeitpunkt, man weiss ja nie?

Philippe Petitpierre: Aktuell ist die Versorgungssicherheit bis zum Frühherbst nicht besorgniserregend, wenn man die Entwicklung des Gasverbrauchs ausserhalb des russischen Gaskontingents und des unmittelbaren Bedarfs gegenüberstellt. Was auf der Ebene der grossen europäischen Anbieter problematischer sein könnte, ist die Befüllung der westeuropäischen Speicher.

Holdigaz ist ja in gewissem Sinne auch ein genereller Versorger. Wie kann, und wohin kann der Konsument zur Not ausweichen?

Holdigaz kann einen Teil seines Gases aus den europäischen «Hubs» beziehen. Der Rest wird von der GAZNAT SA geliefert. Die bezugsberechtigten Grossverbraucher von Holdigaz können bei uns Gas im Voraus bestellen. Das sind dann Wetten, die manchmal nahe am Casinobetrieb sind. Das erfordert Erfahrung und eine ständige Beobachtung der Märkte – solange sich diese so schnell verändern.

Zwischen der Gashochpreisinsel Appenzell und Ihrem Versorgungsgebiet in der Westschweiz gibt es Preisunterschiede von weit mehr als dem Doppelten. Worauf ist dies zurückzuführen?

Es gibt ja zahlreiche Gründe für diese von Region zu Region festgestellten Unterschiede, die vor allem mit den Netzen und den öffentlich-privaten Regelungen zusammenhängen. Aber nicht nur. So gibt es bei vergleichbaren oder ähnlichen verkauften Gasmengen zwischen zwei Versorgungsunternehmen Tarifunterschiede, die sich vor allem durch die Typologie der Versorgungsnetze erklären lassen. Die haben ja sehr unterschiedliche Entwicklungs- und Wartungskosten.

Zum Beispiel hat der städtische Verteiler A, um praktisch die gleiche Menge Gas wie Holdigaz zu verteilen, eine viel geringere Netzlänge, so dass der Verkauf der gleichen Menge Gas in einem sehr städtischen Netz wesentlich weniger Infrastruktur und damit weniger Wartungs- und sogar Investitionskosten erfordert als in einer «gemischten» Stadt/Land-Struktur, wie wir sie haben. Da Holdigaz ein Privatunternehmen ist, zahlt es den Gemeinden nicht unerhebliche Gebühren für die Nutzung ihres Untergrunds, die ein kommunales Verteilungsnetz nicht zu tragen hat. Diese Kosten belasten das Betriebskonto. Das sind Ausgaben, die Verteiler A nicht hat.

«Es gibt bei vergleichbaren oder ähnlichen verkauften Gasmengen zwischen zwei Versorgungsunternehmen Tarifunterschiede, die sich vor allem durch die Typologie der Versorgungsnetze erklären lassen.»
Philippe Petitpierre, VRP Holdigaz

Mit hohen Gaspreisen hatten wir alle gerechnet, aber sicher nicht mit dem, was jetzt los ist. Spüren Sie bereits einen Nachfrage-Boom für Wärmepumpen und Solaranlagen?

Dieses Phänomen ist nicht neu, es wird jedoch in den Kantonen verstärkt, die eine Subventionspolitik für diese als umweltfreundlicher geltenden Heiz-/Stromerzeugungssysteme betreiben.

Gehört die unmittelbare Zukunft vielleicht den BOOSTHEAT-Kombikesseln, die Holdigaz ja auch anbietet?

Sicher ist, dass jedes Gerät, das durch seine Technik den Energieverbrauch senkt, auch seine CO2-Produktion entsprechend verringert. Das ist dann gleich ein doppelter Vorteil.

Ihre Unternehmensgruppe ist mit 21,72% am Geothermie-Projekt in Lavey engagiert. Wann wird es zum ersten Mal Strom und Wärme liefern können?

Die Tiefenbohrung ist immer anfällig für Überraschungen und sogar Enttäuschungen. Für Lavey ist das Programm für die Inbetriebnahme noch nicht im Detail festgelegt. Die aktuellen Arbeiten schreiten jedoch zufriedenstellend voran. Wir werden im Laufe dieses Sommers 2022 eine genauere Vorstellung davon haben, wann diese Tiefbohrung in Produktion gehen wird.

Sie haben eine klare Vision für die Erdgasmobilität. Die vollständige Elektrifizierung der Mobilität ist für Sie auf lange Sicht wegen Kosten- und Finanzierungsproblemen keine praktikable Lösung. Bleibt es dabei?

«Die Nutzung erneuerbarer Gase in all ihren Formen wird es ermöglichen, saisonale Engpässe in der Stromerzeugung und -versorgung zu beheben.»

Abgesehen von den Kosten und der Finanzierung der Elektromobilität wäre es meines Erachtens vernünftiger, über die Angemessenheit des Stromverbrauchs dieser Art von Mobilität und unserer Fähigkeit, den Strombedarf zu decken, der sich aus ihrer Nutzung ergibt, zu sprechen. Dieser ungeheure Strombedarf wird uns nicht mehr in so grossen Mengen zur Verfügung stehen, wenn man den individuellen Verbrauch von Gebäuden, Industrie und Mobilität noch dazu zählt. Heute wird über den Einsatz von erdgasbetriebenen Kraftwerken gesprochen, um die Lücken in der Stromversorgung zu schliessen. Die Nutzung erneuerbarer Gase in all ihren Formen wird es ermöglichen, saisonale Engpässe in der Stromerzeugung und -versorgung zu beheben.

Sind Sie sicher?

Das ist nicht länger ein Rätsel oder eine Vermutung, es ist eine Selbstverständlichkeit.

Wie viele gasbetriebene Kraftfahrzeuge gibt es denn momentan in der Schweiz?

In der Schweiz fahren derzeit über 13’500 Fahrzeuge mit Erdgas (CNG) mit einer günstigen Umweltbilanz.

Vor zweieinhalb Jahren hatten Sie den von Ihnen mitentwickelten SOFTCAR vorgestellt, ein Kleinwagen mit Erdgas-Elektro-Hybridantrieb. Wie ist der Stand der Dinge?

Das Fahrzeug fährt und wird auf der Strasse geprüft. Es hätte 2022 am Genfer Auto-Salon vorgestellt werden sollen. Leider hat die Absage dieses Ereignisses es uns nicht ermöglicht, es der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Entwicklungs- und Produktionsprogramm wird jedoch planmässig fortgesetzt.

Was bedeutet die Kriegswirtschaft jetzt für diese Autofahrer?

Die Mobilität durch Erdgas und Flüssigerdgas ist nach wie vor aktuell. In Zukunft wird Letztere sicherlich vorrangig auf schwere Nutzfahrzeuge ausgerichtet sein.

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