Pierre Klatt, Managing Director T-Systems Schweiz

Pierre Klatt

Pierre Klatt, Managing Director T-Systems Schweiz.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Klatt, Ende Januar hat T-Systems aufhorchen lassen mit einem Outsourcing-Verlängerungs- und Erweiterungs-Auftrag in Südafrika mit einem Volumen von rund einer Viertelmilliarde Euro, Sie haben im Dezember die Verlängerung des Vertrages mit Jet-Aviation vermeldet. Gibt es auch grosse Neukunden, oder waren die Unternehmen im letzten Jahr zurückhaltender bei der Vergabe neuer Grossprojekte?

Pierre Klatt: Wir bei T-Systems Schweiz zielen mit unserer Angebotspalette auf drei unterschiedliche Kundensegmente: Unsere Full-Outsourcing-Lösungen sind vor allem für international tätige Grossunternehmen interessant. Hier haben wir mit Valora im letzten Jahr einen bedeutenden Grosskunden gewonnen, dem wir als einziger Dienstleister in der Schweiz Rechenzentrumsbetrieb und ICT-Infrastruktur europaweit aus einer Hand anbieten können. Doch solche Megadeals kommen natürlich nicht am Laufmeter zustande. Daher nehmen wir mit unseren Cloud Services auch mittelgrosse Unternehmen in den Fokus. Diesen können wir ausgereifte Einzellösungen für flexibel skalierbare ICT-Ressourcen anbieten. Wir stellen fest, dass gerade Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit unseren Dynamic Services gemacht haben, auch eher bereit sind, weitere Dienste in die Cloud zu verlagern. Ähnlich sieht es im dritten Kundensegment aus, das T-Systems vor allem als Systemintegrator wahrnimmt: Hier sind es ebenfalls vor allem unsere Bestandeskunden, die sich für neue Lösungen in den Bereichen Application Management & Modernization, Mobility Services oder Harmonization & Consolidation öffnen.

«Bereits im 2012 wird Cloud Computing das grösste Wachstum im Markt für IT-Services in Europa ausmachen.» Pierre Klatt, Managing Director T-Systems Schweiz

Cloud-Services scheinen den Sprung zur Massentauglichkeit geschafft zu haben. Welchen Anteil hat dieser Bereich in Ihrem Geschäft, wie sieht es hier mit dem Wachstum aus und welches sind die grössten Schwierigkeiten bei der rasanten Verbreitung von Cloud-Services?

T-Systems hat unter dem Label Dynamic Services bereits seit 2005 Cloudlösungen im Portfolio. Mittlerweile nutzen mehr als 20 Prozent unserer Top-Kunden diese Dienste und bereits 80 Prozent unseres SAP-Geschäfts kommt aus der «Wolke». Die Analysten von Gartner bescheinigen uns die grösste Marktdurchdringung. Demzufolge ist der Stellenwert der Cloudlösungen im Konzern hoch –und unser Portfolio wird beständig ausgebaut. Bereits im 2012 wird Cloud Computing das grösste Wachstum im Markt für IT-Services in Europa ausmachen. Unsere Konzernmutter, die Deutsche Telekom, hat frühzeitig die Zeichen erkannt und voll auf die Karte Cloud gesetzt. Mit unserer Vorreiterrolle sind wir der erste Anbieter überhaupt, der durchgängig die end-to-end-Verantwortung für Betrieb, Leistungsangebot, Abrechnung und Datensicherheit von Cloud-Services für die Anforderungen aller Kundensegmente übernimmt. Für Geschäftskunden haben wir Leistungen in allen Managed-Services-Kategorien im Portfolio: Platform as a Service, Infrastructure as a Service, Desktop as a Service, Business Applications as a Service, Communication and Collaboration as a Service, Security as a Service. Im laufenden Jahr wird es zudem darum gehen, zunehmend komplexere Anwendungen in die Wolke zu bringen und die Daten entsprechend zu integrieren. Bei vielen CIOs steht mittlerweile die Überführung auch nicht standardisierter Applikationen auf der Agenda, wie beispielsweise mobile HR-Systeme oder Legacy-Anwendungen.

«Unternehmen sollten ganzheitlich an das Thema Cloud herangehen und nicht einfach nur hier und da eine Insellösung beziehen, nur weil sie sich davon Kostensenkungen versprechen.»

Die grösste Herausforderung im Bereich Cloud Computing ist aus unserer Sicht die richtige Auswahl des zur Unternehmensstrategie passenden Services. Unternehmen sollten ganzheitlich an das Thema Cloud herangehen und nicht einfach nur hier und da eine Insellösung beziehen, nur weil sie sich davon Kostensenkungen versprechen. Denn eine Public Cloud, beispielsweise, ist zwar preisgünstig, lässt jedoch auf der Ebene der Security, des Datenschutzes oder der Verfügbarkeit viele Fragen offen. Doch andererseits muss auch nicht für jeden Service zwingend eine Private Cloud aufgesetzt werden; hybride Modelle kombinieren die Stärken beider Typen. Mit unseren Cloud Readyness Services können wir Unternehmen Empfehlungen abgeben, was in welche Wolke überführt werden kann und wie die Strategie und Umsetzung aussieht.

Anfang 2011 übernahm T-Systems die Data Migration Consulting aus Kreuzlingen, um den SAP-Bereich weiter auszubauen. Wie verlief die Integration und welchen Einfluss hatte die Übernahme konkret auf das SAP-Geschäft der T-Systems?

Die Übernahme der Data Migration Consulting war und ist ein voller Erfolg: Wir konnten unsere Angebotspalette im Bereich SAP-Consulting komplettieren, gewannen für unseren Bereich Systems Integration mit Thomas Failer einen kompetenten und breit vernetzten Leiter und haben aus der Partnerschaft bereits erste Synergien in gemeinsamen Kundenprojekten geschöpft. Darüber hinaus wird unter dem Dach der T-Systems Schweiz ein internationales Center of Excellence etabliert, das sich schwerpunktmässig mit Harmonisierung und Konsolidierung von Daten und Systemen beschäftigt und aus der Schweiz heraus mit seiner Fachexpertise internationale Projekte in diesem Umfeld steuern wird.

T-System pflegt die Strategie des „Best-Shorings“, also bei Outsourcing-Dienstleistungen das Beste aus Nah und Fern zu kombinieren. Wie hat sich diese Strategie für die Schweiz bezüglich Anzahl der Arbeitsplätze im letzten Jahr ausgewirkt, welche Kompetenzen kommen aus der Schweiz auch im Ausland zum Einsatz?

T-Systems hat im internationalen Kontext ihre Nearshore- und Offshore-Ressourcen kontinuierlich ausgebaut. Das Bestshore-Konzept beinhaltet, dass wir Leistungen aus der Region heraus erbringen, deren Produktions- und Qualifikationsstruktur sich am besten für die zu erfüllenden Aufgaben eignet. Wir rufen die nützlichsten Skills demzufolge dort ab, wo sie erstens vorhanden, zweitens günstig und drittens optimal auf den Kunden zugeschnitten sind. Damit öffnen wir Wege für die Schaffung von regionalen Know-how-Clustern. Gerade für die Schweiz mit ihren zwar teureren, aber hochqualifizierten Fachkräften ist dieser letzte Punkt zentral: Dank der Konsolidierung von Kompetenzen können wir unseren Mitarbeitenden attraktive Berufs- und Karriereperspektiven bieten. Die Schweiz beherbergt im internationalen Verbund derzeit das Center of Excellence(CoE) für Citrix-Dienstleistungen; im Aufbau begriffen ist das CoE Harmonisierung und Konsolidierung. Wir haben Arbeitsplätze in unsere Nearshore-Standorte nach Ungarn und in die Slowakei verlagert und beziehen Leistungen für unsere Schweizer Kunden von dort. Immerhin mehr als fünfzig T-Systems-Mitarbeitende sind an diesen Standorten dediziert für die Schweiz tätig. Im Gegenzug haben wir hier in der Schweiz Stellen im Bereich Systems Integration aufgebaut.

«Nicht nur die Finanzinstitute, alle Unternehmen müssen ihre Kostenstrukturen und die Art und Weise, wie sie ihr Geschäft betreiben, überdenken.»

Die Finanzinstitute sind von der aktuellen Krise besonders betroffen. Wie hat sich das auf den Geschäftsgang bei Ihnen insgesamt ausgewirkt und gibt es eventuell Dienstleistungen, die gerade wegen der Krise besonders nachgefragt wurden?

Nicht nur die Finanzinstitute, alle Unternehmen müssen ihre Kostenstrukturen und die Art und Weise, wie sie ihr Geschäft betreiben, überdenken. Das betrifft natürlich auch die Informatik, die in der Regel nicht zum Kerngeschäft unserer Kunden gehört. Wenn Unternehmen aus Kostengründen dringend erforderliche Projekte oder Investitionen in die IT zurückstellen, kann dies auch Auswirkungen auf unseren Geschäftsgang haben. Auf der anderen Seite fördern solche Krisen gleichzeitig den Trend, dass Unternehmen sich auf ihr Core Business konzentrieren und stärkere Bereitschaft zur Auslagerung von ihrer IT zeigen, um fixe in variable Kosten umzuwandeln.

Der Bereich mit den SAP-Dienstleistungen hat sich bis anhin als sehr stabil erwiesen. Welche Entwicklung erwarten Sie hier für das 2012, welche speziellen Angebote und Neuerungen kann T-Systems hier bieten, um sich gegenüber der Konkurrenz zu unterscheiden?

Wir konnten im letzten Jahr mit der Übernahme der Data Migration Consulting unser SAP-Beratungsgeschäft substanziell ausbauen. Dies vor dem Hintergrund, dass die Schweiz als viertgrösster SAP-Markt ein grosses Potenzial birgt. Unser Portfolio umfasst das klassische SAP-Consulting, das mit einem Pool von 2‘500 SAP-Spezialisten international ausgerichtet ist. Stark sind wir insbesondere in den Bereichen CRM, Mobility und ERP; dazu kommen Kompetenzen in der SAP Technology wie Basis, Entwicklungen und PI sowie Harmonization & Consolidation und Application Management & Modernization. Gemeinsam mit DMC betreuen wir bereits heute mehr als 600 SAP-Kunden. Im letzten Jahr wurde unser Engagement für innovative SAP-Dienstleistungen mit dem Pinnacle-Award gewürdigt – dies nicht zuletzt, weil wir als einer der wenigen Anbieter SAP-Lösungen aus der Cloud bereitstellen können, die sämtliche ICT-Leistungen beinhalten. Für 2012 sind weitere Innovationen geplant, wie zum Beispiel ein Cloud-Service, mit dem wir Projektumgebungen für SAP-Entwickler innerhalb kürzester Zeit zum Festpreis zur Verfügung stellen können.

Mit dem Angebot „Business ByDesign“ offeriert SAP seinen Kunden auch selbst eine Cloud-Lösung. Welchen Einfluss hat dies auf Ihre Strategie bei den SAP Outsourcing-Diensten?

Wir halten «Business ByDesign» nicht für ein Konkurrenzangebot zu unseren Services. Business ByDesign eignet sich nach unserer Einschätzung sehr gut für KMU, die noch über keine SAP-Installationen verfügen. Wir zielen mit unseren SAP-Angeboten auf Unternehmen mit einer gewissen Grösse die sich bereits in der SAP-Welt bewegen. Zudem wird Business ByDesign derzeit noch bei SAP selbst gehostet. Doch wir beobachten die Trends natürlich genau, auch wenn sich in diesem Bereich für unsere SAP-Strategie noch kein Handlungsbedarf ergibt.

«Die Bedeutung dieser neuen Funktionalitäten für die Wettbewerbsfähigkeit ist den Unternehmen durchaus bewusst, doch noch nähern sie sich dem Enterprise 2.0 eher zögerlich.»

Während die Sozialen Medien im Privatbereich sehr intensiv genutzt werden und auch experimentelle Formen wie „Mashup“ oder das „Kuratieren“ von digitalen Inhalten schnell um sich greift, sind Unternehmen hier in der Schweiz sehr zögerlich unterwegs. Welche Web 2.0 Konzepte kommen am ehesten zum Einsatz und wie schneidet die Schweiz hier im internationalen Vergleich ab?

In einer gemeinsam mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik durchgeführten Studie hat T-Systems im letzten Jahr die Nutzung von Web2.0-Konzepten im Unternehmensumfeld untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die so genannten Enterprise2.0-Funktionen vor allem im Wissensmanagement und in der unternehmensinternen Zusammenarbeit bereits breit genutzt werden. Dies sind dann vor allem Wikis oder Blogs, aber auch Social Networks oder Instant Messaging. Die Bedeutung dieser neuen Funktionalitäten für die Wettbewerbsfähigkeit ist den Unternehmen durchaus bewusst, doch noch nähern sie sich dem Enterprise 2.0 eher zögerlich. Die unternehmensinternen Rahmenbedingungen werden teilweise noch als hemmend empfunden. Die Schweiz steht noch vergleichsweise gut da – dies vor allem durch die hohe Dichte an global tätigen Unternehmen, die den Wert der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit kennen und entsprechend offen sind für Technologien, die diese erleichtern.

Welches sind für Sie in der Schweiz aktuell die strategisch wichtigsten Projekte, wie soll sich die Anzahl der Mitarbeitenden im Jahre 2012 entwickeln?

Wir werden uns im 2012 nebst vielen anderen Themen auch weiter auf den Ausbau unserer Dienstleistungen im Bereich Systems Integration konzentrieren. Zudem steht der Aufbau unseres Centers of Excellence für Harmonisation und Consolidation an. Hier sind wir intensiv auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitenden mit Informatik- oder betriebswirtschaftlichem Hintergrund und der Fähigkeit, interdisziplinäres Know-how auf internationaler Ebene zu orchestrieren. Nicht zuletzt werden wir im 2012 unsere Kompetenzen im Consulting generell weiter schärfen und noch mehr Synergien aus unserer internationalen Einbettung schöpfen.

Zum Schluss des Gespräches haben Sie zwei Wünsche frei. Wie sehen diese aus?

Beruflich wünsche ich mir, dass wir nach dem erfreulichen Geschäftsjahr im 2011 die Flughöhe beibehalten respektive erhöhen und so viele Kunden wie möglich erfolgreich in die Wolken – vielmehr in die Cloud – mitnehmen können. Und mein privater Wunsch korrespondiert damit: Ich würde gerne meinen Traum erfüllen, endlich Heli fliegen zu lernen. Das erste Anliegen wird gelingen, das zweite jedoch wohl wieder mal an mangelnder Zeit scheitern…

Der Gesprächspartner:
Pierre Klatt ist seit dem 1. August 2009 als Managing Director bei T-Systems Schweiz tätig.

Pierre Klatt wechselte vom amerikanischen IT-Dienstleister EDS zu T-Systems. Der gelernte Elektrotechniker hatte bei EDS Schweiz in den letzten sieben Jahren verschiedene Führungspositionen als CEO, Country Manager und zuletzt als Vice President EMEA Transportation inne. Davor war er in verschiedenen Funktionen bei Atraxis tätig. Der gebürtige Zürcher begann seine IT-Karriere 1983 bei der Swissair Informatik. 1992 wurde er Divisions-Manager verantwortlich für Airport Remote Systems & Links, später wurde er in den Kader der Atraxis, zuständig für Airport Management Solutions, befördert. Bei Swissair hat er mehrere Karrierestufen durchlaufen und umfassende internationale Erfahrungen gesammelt.

Über T-Systems
Mit einer weltumspannenden Infrastruktur aus Rechenzentren und Netzen betreibt T-Systems die Informations- und Kommunikationstechnik (engl. kurz ICT) für multinationale Konzerne und öffentliche Institutionen. Auf dieser Basis bietet die Grosskundensparte der Deutschen Telekom mit rund 47’600 Mitarbeitenden integrierte Lösungen für die vernetzte Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft. Im Geschäftsjahr 2010 erzielte die Grosskundensparte einen Umsatz von rund 9,1 Milliarden Euro. In der Schweiz zählt T-Systems rund 650 Mitarbeitende und ist neben dem Hauptsitz in Zollikofen schweizweit an verschiedenen Standorten vertreten. Seit März 2011 ist das Schweizer SAP Systemhaus Data Migration Consulting AG ein Tochterunternehmen der T-Systems Schweiz AG.

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