Roland Fischer, CEO OC Oerlikon, im Interview

Roland Fischer
Roland Fischer, abtretender Oerlikon-CEO. (Foto: Oerlikon)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Fischer, im Vliesstoff-Geschäft hat Oerlikon die Produktionskapazitäten 2020 um das Zehnfache hochgefahren. Müssen Sie jetzt noch einmal nachlegen?

Roland Fischer: Gleich zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 nahm die Nachfrage nach unseren Vliesstoff-Anlagen deutlich zu. Viele Unternehmen investierten in diese Produktionstechnologie, um den Bedarf nach chirurgischen Masken und persönlicher Schutzkleidung zu decken. Wir gehen davon aus, dass die bestehenden Produktionskapazitäten die derzeitige Nachfrage decken können, und da unsere Maschinen eine Lebensdauer von vielen Jahren haben, erwarten wir insbesondere in den nächsten Monaten keinen grösseren Anstieg der Nachfrage nach dieser Art von Vliesstoffmaschinen.

Wird die Medizintechnik in Zukunft ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Geschäftsbeziehungen werden?

Wir sind mit beiden Divisionen in der medizinischen Industrie tätig. Die Vliesstofflösungen der Division Polymer Processing Solutions stehen derzeit aufgrund der Pandemie im Mittelpunkt. Aber Vliesstoffe werden noch in vielen weiteren Bereichen eingesetzt, beispielsweise für Industriefilter und Geotextilien, und wir sehen ein grosses Potenzial auf dem Markt für disposable Nonwovens (EinwegVliesstoffprodukte).

«Die Vliesstofflösungen der Division Polymer Processing Solutions stehen derzeit aufgrund der Pandemie im Mittelpunkt. Aber Vliesstoffe werden noch in vielen weiteren Bereichen eingesetzt.»
Roland Fischer, CEO OC Oerlikon

Mit unseren Oberflächenlösungen – dünne metallische Schichten genauso wie thermische Spritzschichten – werden chirurgische Werkzeuge, medizinische Komponenten und Implantate beschichtet. Solche Beschichtungen schützen vor Korrosion, schaffen die geforderte Oberfläche und sind biokompatibel.

Volle Auftragsbücher zeigen sich auch bei Anlagen für die Filamentverarbeitung: die Division Polymer Processing Solutions, früher Manmade Fibers genannt, konnte im dritten Quartal den Bestelleingang fast verdoppeln. Lieferkettenprobleme sind da wohl sekundär?

Wir freuen uns, dass wir im 3. Quartal 2021 in unserem Polymerverarbeitungsgeschäft ein Rekordergebnis bei Bestellungseingang und Umsatz erzielt haben. Die Auftragspipeline für Filamentanlagen ist für die Jahre 2022 und 2023 gefüllt. In den vergangenen Monaten gab es zwar einige Probleme bei der Lieferkette, aber dank unserer globalen Präsenz und proaktiver Massnahmen konnten wir die Auswirkungen der Engpässe bisher gut abfangen.

«In den vergangenen Monaten gab es zwar einige Probleme bei der Lieferkette, aber dank unserer globalen Präsenz und proaktiver Massnahmen konnten wir die Auswirkungen der Engpässe bisher gut abfangen.»

Was geschieht im bereits Ende 2020 zum Krisenland gewordenen Staate Türkei? China läuft dafür ja sehr gut. Haben Sie keine Angst vor politischen Wirren?

Wir haben in der Türkei Kunden für unsere Polymerverarbeitungslösungen, insbesondere für Filament- und Teppichgarnlösungen. Für das Geschäftsjahr 2021 erwarten wir in der Türkei einen leichten Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr, was im Rahmen des Anlagenzyklus aber normal ist. In China erwarten wir für 2021 einen Umsatzanstieg.

Als globales Unternehmen sind wir in mehr als 37 Ländern tätig und bedienen Kunden in mehr als 70 Ländern. Wir sind uns bewusst, dass es in verschiedenen Teilen der Welt politische und geopolitische Spannungen gibt.

Aus Gewebe, aber auch heissinjiziertem Plastik, kann man ja die tollsten Sachen zusammenstricken und formen. Beispiele?

Das ist wahr. Filamente, Stapelfasern und Vliesstoffe haben zahlreiche Anwendungen. Natürlich Textilien und Kleidung, aber es gibt auch viele andere, die weniger bekannt sind – um nur einige zu nennen: Fallschirmstoffe, Sicherheitsgurte in Autos und Flugzeugen, Reifencordgewebe oder Geotextilien, die beim Bau von Gebäuden und Strassen eingesetzt werden.

Auch bei unseren Oerlikon HRSFlow-Lösungen, die wir vor kurzem übernommen haben, ist das Anwendungsspektrum sehr breit. Mit diesen neuartigen Heisskanalsystemen können unsere Kunden komplexe Kunststoffteile mit höchster Präzision herstellen. Unsere Lösungen kommen bei der Produktion von anspruchsvollsten Automobilkomponenten zum Einsatz, aber auch bei nicht-automobilen Anwendungen, wo hohe Designflexibilität, schnelle Farbwechsel und ein geringes Gewicht gefordert sind. Neben Spritzgussteilen für Maschinenbau und Elektronik eignen sich die Lösungen auch für Haushaltswaren und Konsumgüter sowie für Logistik- und Verpackungsanwendungen.

Was gibt es denn da in der Entwicklung für ein Highlight?

Ein Highlight unserer Oerlikon HRSFlow-Lösungen ist zum Beispiel FLEXflow Evo. Dieses servomotorisch angetriebene Nadelverschlusssystem hat eine fortschrittliche Steuereinheit, die den Druck und die Durchflussmenge in jeder Phase des Prozesses exakt und flexibel steuert. Dadurch ist es möglich, alle Kavitäten gleichzeitig ohne das Risiko von Überfüllung, Unterfütterung oder Gratbildung mit Material zu füllen. FLEXflow Evo reduziert so den Materialverbrauch und kann die Produktionskosten von Spritzgussteilen um bis zu 30 % senken.

In welchem Zeitrahmen spielen sich solche Entwicklungsprojekte ab?

Um neue Produkte auf den Markt zu bringen, braucht es eine Reihe von Rahmenbedingungen. Zum Beispiel muss man die für die Kunden und den Markt richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt entwickeln und in FuE-Projekte investieren, die wirtschaftlich sinnvoll sind. Neue Produkte müssen sich in die Nutzungsdauer unseres bestehenden Produktportfolios einfügen und weiteres Wachstum fördern. Je nach Produktlinie reichen unsere Entwicklungszeiten von sechs Monaten für Komponenten bis hin zu etwa drei Jahren für komplette Anlagensysteme.

Während die EBITDA-Marge in der Division Polymer Processing Solutions in den letzten drei Jahren kontinuierlich stieg, fiel sie umgekehrt bei der anderen Division Surface Solutions. Herrscht denn dort generell ein anderer Margendruck?

Unser Polymerverarbeitungsgeschäft war glücklicherweise nicht wesentlich von der Pandemie betroffen. Vielmehr profitierten wir von der deutlich gestiegenen Nachfrage nach Vliesstofflösungen für die Herstellung von OP-Masken. Zudem sind wir dabei, das Geschäft zu transformieren – wir diversifizieren und investieren in Non-Filament-Bereiche und andere Bereiche mit höheren Margen, beispielsweise in den Kundendienst und Oerlikon HRSFlow.

Dagegen traf die Pandemie die Endmärkte von Surface Solutions, insbesondere die Luftfahrtindustrie. Glücklicherweise handelt es sich dabei nur um kurzfristige Auswirkungen, und wir verzeichneten 2021 eine allmähliche Rückkehr der Nachfrage in der Automobil- und Werkzeugindustrie. Mittel- bis langfristig werden sich diese Märkte erholen, da sie von Trends wie dem Bedarf nach Mobilität, Reisen und Energie angetrieben werden. Zudem haben wir konsequent Massnahmen ergriffen, die Kosten erfolgreich gesenkt und unseren operativen Leverage verbessert, was in 2021 zu einer Verbesserung der Marge beigetragen hat und weiter beitragen wird.

«In den letzten Jahren haben wir in moderne Produktionsstätten in den USA investiert, nach neuestem Stand der Technik, da wir in diesem Markt viel Potenzial sehen.»

Hat Nordamerika mit derzeit 12% des Umsatzanteils kein gewaltiges Wachstumspotential, vor allem bei Surface Solutions?

Der US-Markt ist wichtig für Oerlikon. Beide Divisionen sind in den USA tätig und bedienen dort Kunden. In den letzten Jahren haben wir in moderne Produktionsstätten in den USA investiert, nach neuestem Stand der Technik, da wir in diesem Markt viel Potenzial sehen. Mit der Ernennung einer neuen Regionalpräsidentin, Zara Larsen, haben wir letztes Jahr unsere US-Aktivitäten weiter gestärkt. Unter ihrer Führung soll das Geschäft in den USA ausgebaut werden und weiter wachsen.

Mit der am 1. Juni übernommenen französischen Coeurdor mit mehr als 220 Mitarbeitenden expandiert OC Oerlikon in den Bereich Veredlung von Luxusgütern. Was verspricht das? Liegen da noch schönere Margen drin?

Wir bieten schon seit Jahren Lösungen für den High-End-Dekomarkt an. Mit Coeurdor als führendem Full-Service-Anbieter von Metallkomponenten für die schnell wachsende Luxusgüterindustrie haben wir unser Standbein im Luxusmarkt ausgebaut. Coeurdors Kreativität, Agilität und die schnellen Reaktionszeiten, mit denen sie die Bedürfnisse der Kunden in diesem sehr anspruchsvollen Markt erfüllen, sind eine starke Ergänzung zu unserem bisherigen Angebot im High-End-Dekomarkt. Mit dieser Übernahme konnten wir unser Produkt- und Serviceportfolio und unsere Positionierung im Luxusgütermarkt erweitern, und wir sehen grosses Potenzial in diesem Geschäft.

«Coeurdors Kreativität, Agilität und die schnellen Reaktionszeiten, mit denen sie die Bedürfnisse der Kunden in diesem sehr anspruchsvollen Markt erfüllen, sind eine starke Ergänzung zu unserem bisherigen Angebot im High-End-Dekomarkt.»

Mit Oerlikon Barmag, Oerlikon Neumag und Oerlikon Nonwoven sind Sie auch Maschinen- und Anlagenbauer. Sind die hohen Rohstoffpreise da jetzt die grösste Herausforderung?

Wie viele andere Unternehmen sahen auch wir in 2021 mit Problemen bei der Lieferkette, Logistik und Energieversorgung und mussten einen gewissen Anstieg der Preise hinnehmen. Unsere globalen Produktions-, Service- und Lieferkettennetzwerke haben aber geholfen, die Auswirkung dieser Engpässe bei Produktion und Belieferung der Kunden zu minimieren. Wir haben eine breite Kunden- und Lieferantenbasis, was uns Stabilität gibt. Darum erwarten wir keine grösseren geschäftlichen oder betrieblichen Auswirkungen. Wir arbeiten weiterhin mit unseren Kunden zusammen und werden Massnahmen ergreifen, um weitere potenzielle Herausforderungen so gut wie möglich abfedern zu können.

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